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Gesundheitssystem Warum in Deutschland trotz Mediziner-Schwemme ein Ärztemangel droht

In Deutschland steigt die Zahl der Mediziner rasant. Trotzdem warnt der Präsident der Bundesärztekammer vor einem Ärztemangel.

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ARCHIV - Der Hausarzt Ralph Eisenstein hält in seiner Praxis in Düsseldorf ein Stethoskop in der Hand (Archivbild vom 30.09.2010). Foto: Oliver Berg dpa (zu dpa: «Kreise: Ärzte und Kassen einigten sich auf Honorarplus für 2015» vom 27.08.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Allen Unkenrufen über einen drohenden Ärztemangel zum Trotz: Die Zahl der Mediziner und Psychotherapeuten, die Patienten in Deutschland in einer Arztpraxis behandeln, ist auch 2017 weiter gestiegen. In diesem Bereich hatte Deutschland im vergangenen Jahr fast 3000 mehr Mediziner als noch 2016 – das ist Rekord.

Doch die Zahl hat einen entscheidenden Schönheitsfehler. Besonders stark zugenommen hat nämlich die Zahl der Vertragsärzte, die nur als Angestellte in einer bestehenden Praxis arbeiten. Sie stieg um knapp zehn Prozent auf 31.477 Personen.

Demgegenüber ist die Zahl der niedergelassenen Ärzte um 1361 auf insgesamt 105.934 zurückgegangen.

Nach Ansicht des Marburger Bunds, der Gewerkschaft der angestellten Ärzte, setzt sich damit ein seit einigen Jahren zu beobachtender Strukturwandel in der Versorgung fort: weg von der Einzelpraxis hin zu Praxen und medizinischen Versorgungszentren mit angestellten Ärzten. Die klassische Einzelarztpraxis werde zum Auslaufmodell.

Gestützt wird diese These auch dadurch, dass die Praxisinhaber im Durchschnitt in den vergangenen Jahren immer älter geworden sind. Rund 45 Prozent der niedergelassenen freiberuflichen Ärzte gehören der Altersgruppe der 50- bis 59-jährigen an; ein Fünftel ist zwischen 60 und 65 Jahre alt und jeder Zehnte ist sogar älter als 65 Jahre. Im Vergleich dazu ist die Gruppe der angestellten Ärzte jünger: Hier sind 43,6 Prozent im Alter zwischen 35 und 49 Jahren.

Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, sieht das anders. Er ist überzeugt, dass viele der Ärzte, die ihre ambulante Tätigkeit als Angestellte beginnen, sich in einigen Jahren niederlassen werden. „Die Arbeit als niedergelassener Arzt oder Psychotherapeut ist trotz der schwierigen Rahmenbedingungen immer noch attraktiv. Für viele in der Praxis angestellte Ärzte stellt die Selbständigkeit zu einem späteren Zeitpunkt eine interessante Option dar,“ gibt sich der KBV-Chef zuversichtlich.

Auch wenn man die Krankenhausärzte hinzurechnet, kann Deutschland sich eigentlich über eine steigende Zahl an Medizinern freuen. So arbeiten in Deutschland insgesamt 385.149 Ärzte: Das sind 6542 mehr als im Vorjahr.

Trotzdem will der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, keine Entwarnung geben. „Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte in Deutschland steigt, aber wer nur Köpfe zählt, macht es sich zu einfach.“ Die Realität sei viel komplexer. „Uns fehlen Arztstunden. Und wenn wir nicht endlich entschieden gegensteuern und mehr Ärzte ausbilden, dann wird sich dieser Mangel verschärfen“, sagt Montgomery.

Der Präsident der Ärztekammer verweist auf den steigenden Behandlungsbedarf in einer alternden Gesellschaft. Er ist überzeugt, dass in Zukunft trotz steigender Arztzahlen in Deutschland Ärzte fehlen werden. „Es handelt sich hier in erster Linie nicht um ein Verteilungs-, sondern um ein Kapazitätsproblem. Wir bilden zu wenig Ärzte aus“, sagt Montgomery.

Daher dürfe die Politik bei der Umsetzung des „Masterplans Medizinstudium 2020“ nicht weiter trödeln. „Bund und Länder stehen gemeinsam in der Pflicht, die Zahl der Medizinstudienplätze um mindestens zehn Prozent zu erhöhen“, fordert er.

Beim Spitzenverband der Krankenkassen sieht man das anders. Gerade mit Blick auf den drohenden Ärztemangel außerhalb der großen Städte, handele es ihrer Meinung nach um ein Verteilungsproblem. „Wir müssen für eine bessere Verteilung der Ärzte sorgen. Doch das schaffen wir nicht, solange Praxen in Gegenden mit sehr vielen Medizinern immer wieder nachbesetzt werden können“, erklärte dazu jüngst die Vorstandschefin des Verbandes Doris Pfeiffer in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Sie fordert, dass die kassenärztlichen Vereinigungen frei werdende Praxen in überversorgten Städten aufkaufen und im Gegenzug auf dem Land für Ärztenachwuchs sorgen. Zwar wurde diese Regelung in der vergangenen Legislaturperiode eingeführt, sei jedoch viel zu löchrig und laufe ins Leere. „Die zahlreichen Ausnahmen müssen weg“, sagt Pfeiffer.

Die neue Koalition will die Ärzte verpflichten, ihre Praxen in Zukunft mindestens 25 statt 20 Stunden in der Woche geöffnet zu halten. Das soll die Wartezeiten auf einen Arzttermin verkürzen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bereits angekündigt, dass er außerdem die Terminservicestellen ausbauen will, bei denen sich Versicherte schon heute einen Behandlungstermin bei einem Facharzt in der Nähe ihres Wohnortes geben lassen können. Medizinern, die bereit sind sich hier zu beteiligen, sollen davon auch finanziell etwas haben, versprach der Minister.

Ärztepräsident Montgomery halten allerdings wenig von dem Plan, längere Öffnungszeiten für Arztpraxen gesetzlich zu erzwingen. Solche dirigistischen Maßnahmen trügen nicht dazu bei, die Niederlassung in eigener Praxis attraktiver zu machen, sagt Montgomery.

„Tatsächlich arbeiten niedergelassene Vertragsärzte schon jetzt durchschnittlich mehr als 50 Stunden. In den Krankenhäusern ist es ähnlich: Nach Erhebungen des Marburger Bundes ist fast jeder zweite Krankenhausarzt 49 bis 59 Stunden pro Woche im Einsatz, jeder fünfte hat sogar eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 60 bis 80 Stunden, inklusive aller Dienste und Überstunden.

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