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Gesundheitsversorgung Wie sich Patienten wehren können

Wer ewig auf einen Arzttermin warten muss oder ein bestimmtes Medikament nicht bekommt, kann sich erfolgreich wehren. Zahlreiche Stellen bieten Hilfe.

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Rollstuhl: Wer sich als Quelle: dpa/dpaweb

Der Rat von Kai Vogel ist so simpel wie zielführend: „Hartnäckig bleiben!“, rät der Gesundheitsexperte der Verbraucherzentrale von Nordrhein-Westfalen allen Versicherten, die sich beim Arzt, im Krankenhaus oder bei Verhandlungen mit der Kasse schlecht behandelt fühlen. Weigert sich ein Mediziner, ein bestimmtes Medikament zu verschreiben oder lehnt die Krankenversicherung eine Kur ab, muss sich ein gesetzlich Versicherter damit nicht in jedem Fall abfinden. Auch dann nicht, wenn die Kasse einen Krankenhausaufenthalt für unnötig hält und nur die ambulante Behandlung bezahlen will.

Und natürlich muss niemand hinnehmen, wenn – wie kürzlich bei einer älteren Patientin in Potsdam geschehen – eine Kasse wegen des Mengenrabatts derart viele Pakete mit Inkontinenzeinlagen liefern lässt, dass diese gar nicht in die kleine Wohnung der Rentnerin passen.

Oft hilft auch ein Anruf bei der Krankenkasse

Es gibt viele Wege, zu seinem Recht zu kommen. Wer das Gefühl hat, beim Facharzttermin in der Zweite-Klasse-Warteschleife zu hängen, sollte auch schon einmal eine Spur forscher auftreten. „Bei einem Notfall muss man sofort einen Termin bekommen, schildern Sie klar und deutlich, um was es geht“, sagt Verbraucherberater Vogel. Funktioniert das nicht, sollte man den Hausarzt bitten, nachzuhaken, das wirkt meist Wunder. Oft hilft auch ein Anruf bei der Krankenkasse. Viele von ihnen, etwa die GEK oder die AOK Rheinland/Hamburg, bieten inzwischen den Service, einen Termin bei einem Mediziner in der Nähe innerhalb von drei Tagen zu organisieren.

Sind die Fragen komplizierter, sollte man sich an eine der zahlreichen Gesundheitsberatungsstellen wenden. Kompetenten, unabhängigen Rat erhalten gesetzlich Versicherte bei den Verbraucherzentralen in den 16 Bundesländern. Eine weitere Anlaufstelle ist die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD), ein Verbund unabhängiger Beratungsstellen, die seit 2000 im Auftrag der Bundesregierung tätig ist. Für juristische, medizinische und psychosoziale Fragen stehen dort Experten mit kostenlosem Rat zur Seite. Die Berater sind zur Neutralität verpflichtet, geben Tipps, klären über die rechtlichen Möglichkeiten auf und bieten in Ausnahmefällen auch Formulierungshilfen an. 7.000 bis 8.000 Anfragen pro Monat gehen bei den UPD-Experten in ganz Deutschland ein, das sind doppelt so viele wie im Vorjahr.

Eine Art Ombudsfrau für Klagen und Nöte rund um Kassen und Ärzte ist inzwischen auch die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Helga Kühn-Mengel. Das Amt wurde im Zuge der Gesundheitsreform 2004 eingerichtet, um Patientenrechten gegenüber der Bundesregierung und dem Parlament stärker Gehör zu verschaffen. Obwohl Kühn-Mengel weder Ärzten noch Kassen Anweisungen erteilen kann, erhält ihr zwölfköpfiges Team aus Juristen, Medizinern, Pharma- und Kassenspezialisten pro Jahr bis zu 20.000 Anfragen. „Wir klären die Ratsuchenden über die Rechtslage auf“, sagt Bernd Kronauer, Persönlicher Referent der Patientenbeauftragten. In Einzelfällen schaltet sich Kühn-Mengel schon mal persönlich ein, etwa wenn auffällt, das Fachärzte einer bestimmten Region plötzlich auffällig häufig Kassenpatienten lange auf Termine warten lassen.

Welche seriösen Beratungsstellen es sonst noch gibt, etwa die von Kommunen, steht in einer Liste auf der Homepage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen.

In vielen Fällen können sich Patienten auch selbst helfen, so sie ihre Rechte kennen. Zum Beispiel, wenn sie plötzlich nicht mehr ihre gewohnte Pille erhalten, sondern eine andere, weil ihre Kasse mit einem Pharma-unternehmen einen Rabattvertrag abgeschlossen hat. Apotheker sind dann verpflichtet, die Arzneimittel herauszugeben, bei denen Kassen Preisnachlässe ausgehandelt haben. Allerdings gilt dies nur dann, wenn der Arzt die Abgabe eines wirkstoffgleichen Arzneimittels nicht ausdrücklich ausschließt.

Krankenkassen: Bei Quelle: AP

Wer den Eindruck hat, das neue Medikament wirke weniger gut oder habe Nebenwirkungen, kann den Arzt auffordern, weiterhin das alte zu verschreiben. „Wenn wirklich eine Unverträglichkeit etwa gegen Konservierungs- oder Farbstoffe vorliegt, was bei Allergikern mal der Fall sein kann“, erläutert Vogel, „dann kann der Arzt ein anderes Medikament verordnen“, er müsse es allerdings gegenüber der Kasse begründen. Den Ärzten wiederum ist der Papierkram oft zu lästig. Und den Kassen ist die Begründung manchmal nicht ausreichend. „Wir rufen dann an und bitten sie, nachzubessern“, sagt Berater Sbrzesny. Ratsam ist auch, in Streit- und Zweifelsfällen die Meinung eines anderen Arztes einzuholen. Dank freier Arztwahl ist dies in Deutschland kein Problem.

Ärger mit den Kassen gibt es außerdem häufig bei Heil- und Hilfsmitteln, also etwa Rollstühlen, Hörhilfen, Massagen oder Inkontinenzeinlagen. Die Kassen schließen auch hier immer häufiger Direktverträge mit Herstellern ab, um Geld zu sparen. „Wir hatten den Fall einer Mutter, die für ihre 16-jährige behinderte Tochter Einlagen brauchte“, berichtet Sbrzesny, „doch der Hersteller, der ihre Kasse belieferte, hatte die Größe S nicht im Angebot.“

Ob es um außergewöhnliche Pillen für Schmerzpatienten, einen Spezialstuhl für das behinderte Kind oder um Mutter-Kind-Kuren geht: „Man sollte sich Informationen einholen, soviel es geht“, rät Vogel. Eine Anlaufstelle sind immer auch Selbsthilfegruppen, von denen es inzwischen rund 120.000 im Bereich Gesundheit gibt. Von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft über die Deutsche Schmerzliga bis hin zum Verein leberkrankes Kind – hier tauschen Betroffene Informationen und Erfahrungen aus. Insbesondere auch darüber, welche Ansprüche man gegenüber Kassen oder Ärzten hat.

Auch Widerspruch gegen Krankenkassen-Entscheidung ist möglich

„Wir stellen fest, dass viele Hausärzte Alzheimer nicht medikamentös behandeln“, sagt Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, „und raten dann oft, zum Facharzt zu gehen.“ Insgesamt würden die Patienten eher unterversorgt mit Antidementiva. Für Angehörige etwa von Demenzkranken, HIV-Betroffenen oder Epileptikern gibt es auch sogenannte Angehörigengruppen. „Man sollte sich aber immer genau erkundigen, mit wem man es zu tun hat“, warnt Kronauer, „wichtig ist zu prüfen, wie unabhängig die Informationen sind, die man von der Selbsthilfegruppe bekommt.“ Schließlich pflegen einige Organisationen eine enge Zusammenarbeit mit Pharmaunternehmen, von denen auch finanzielle Unterstützung fließt.

Wer sichergehen will, ob er es mit einer unabhängigen Einrichtung zu tun hat, findet Anhaltspunkte auf einer Liste des Gemeinsamen Bundesausschusses, ein Gremium, das darüber entscheidet, was in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen wird. Selbsthilfegruppen, die dort mit am Tisch sitzen, müssen den Status der Unabhängigkeit erfüllen.

Wenn man partout nicht weiterkommt, kann man gegen eine Entscheidung der Krankenkasse Widerspruch einlegen. Zuvor sollte man sich die Ablehnung schriftlich geben lassen, dann hat man vier Wochen Zeit zu reagieren. Wichtig ist: Begründen Sie dabei Ihre Position ausführlich, damit sich die Mitglieder der Widerspruchsausschüsse der Kassen ein genaues Bild machen können.

Oft schalten die Kassen die Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen ein. „Viele Kassen lenken dann ein“, sagt Vogel. Beispiel: Mutter-Kind-Kuren. In 2008 lehnten die Kassen knapp ein Drittel der Anträge ab. Über 70 Prozent der Betroffenen legten Widerspruch ein, die Hälfte davon konnte schließlich samt Sprössling in Kur fahren. Lehnt die Kasse den Widerspruch ab, kann der Betroffene innerhalb eines Monats Klage beim Sozialgericht einlegen. Gerichtskosten fallen nicht an.

Wer mehr Leistungen möchte, als seine Kasse ihm bietet, kann auch prüfen, ob eine private Zusatzversicherung für ihn geeignet wäre. „Aber Vorsicht, Kassen werben oft damit: So werden Sie Privatpatient“, sagt Verbraucherschützer Vogel, doch „das stimmt meist nicht“. Man sollte das Kleingedruckte genau lesen, so gibt es etwa Zahnzusatzversicherungen, die keine Kosten für Implantate übernehmen. Meist muss der Kunde auch eine Gesundheitsprüfung bestehen, für Ältere und chronisch Kranke wird die Versicherung dann oft eine teure Angelegenheit. Ultima Ratio, wenn es nur Ärger mit der Kasse gibt, ist der Wechsel. Die Beiträge sind inzwischen ja ohnehin überall gleich.

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