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Gewerkschaften Die unheimliche Macht der IG Metall

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Strenge Leistungskontrolle

Bertin Eichler Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Vor wenigen Jahren noch haben in der IG Metall viele Lokal- und Provinzfürsten gemacht, was sie wollten. Heute arbeiten die bundesweit rund 160 Verwaltungsstellen als eine Art Profit Center. Sie müssen sich einem Benchmarking-Verfahren unterziehen und für jedes Jahr einen detaillierten Geschäftsplan vorlegen, den nicht nur die regionale Bezirksleitung, sondern auch die Zentrale in Frankfurt begutachtet. „Wir haben unsere Strukturen spürbar professionalisiert“, sagt Burkhard.

Auch die 39 Dependancen in NRW haben Zielvorgaben bekommen. Für die Zahl der Neumitglieder und Austritte sowie die Finanzlage gibt es von Burkhard nun eine grüne, gelbe oder rote Ampel. Wer am Ende des Jahres zu viel Rot auf dem Zeugnis hat, bekommt ein Problem und einen Termin beim Bezirksleiter, bei dem die brüderliche Solidarität gern mal zurücksteht. Viele dieser Termine gibt es allerdings nicht mehr; die meisten Niederlassungen arbeiten mittlerweile im grünen Bereich.

Jahresergebnis IG-Metall-Hauptkasse Quelle: IG Metall

Wirtschaftskonzern IG Metall

Finanzielle Sorgen? Während andere Gewerkschaften wie die IG Bau knapp bei Kasse sind, schwimmt die IG Metall in Geld. Insider taxieren das Vermögen auf mindestens zwei Milliarden Euro, umfangreicher Immobilienbesitz kommt noch oben drauf. Die genauen Zahlen sind so geheim wie die Rezeptur von Coca-Cola. In der IG-Metall-Dependance Wolfsburg etwa bunkern die Metaller so viele Millionen, dass „die Kollegen dort theoretisch keinen Cent an Mitgliedsbeiträgen mehr bräuchten“, berichtet ein hoher Funktionär. Selbst die Verwaltungsstelle im strukturschwachen Duisburg soll zwei bis drei Millionen Euro auf der hohen Kante haben, Provinz-Niederlassungen wie Lüdenscheid bringen es auf fast 3,5 Millionen Euro.

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    Was macht eine Gewerkschaft mit so viel Geld? Als steuerbefreiter Verein darf die IG Metall keine profitorientierten Geschäfte betreiben. Doch hat sie sich wie ein Wirtschaftskonzern aufgestellt, mit einer Vielzahl von Gesellschaften, Untergesellschaften und Beteiligungen.

    • Ein großer Teil der Kapitalanlage läuft über die gewerkschaftseigene Vermögensverwaltungsgesellschaft Feho in Frankfurt. Damit das Gewerkschaftskapital ordentliche Erträge abwirft – die interne Zielrendite liegt bei mittelfristig vier bis fünf Prozent – hat die Feho professionelle Fondsmanager am Markt eingekauft. Einer kam von der Helaba, ein anderer von Cominvest, für das Risikomanagement ist eine ehemalige SEB-Bankerin zuständig. Ein siebenköpfiges Team steuert nun den Kauf und Verkauf von Pfandbriefen, Staats- und Unternehmensanleihen.

      Besonders pikant: Während gewerkschaftlicher Aktienbesitz vor wenigen Jahren noch tabu war, kauft sich die IG Metall inzwischen auch in die Wirtschaft ein. Bis zu 20 Prozent des Anlagevermögens, so die interne Vorgabe, dürfen die roten Fondsmanager in Aktien investieren. Auch wenn es derzeit nur rund drei Prozent sind (was auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag hinausläuft), sehen dies Experten kritisch. „Wer gleichzeitig als Arbeitnehmer-Lobbyist und Anteilseigner auftritt, kann leicht in Interessenkonflikte geraten“, warnt Wolfgang Franz, Chef der „Fünf Wirtschaftsweisen“. Um ein Geschmäckle zu vermeiden, lässt die IG Metall ihre Aktiengeschäfte über Geschäftsbanken abwickeln; einige davon haben für den Großkunden IG Metall eigene Fonds aufgelegt.

    • Ebenso einflussreich wie die Feho ist der IG-Metall-Ableger Igemet, der über eine weitere Tochterfirma den Immobilienbesitz verwaltet. Die Gewerkschaft besitzt aktuell 107 Immobilien an 86 Standorten, zum Teil in bester Citylage. Dies sind vor allem selbst genutzte Bürohäuser und Bildungszentren, aber auch knapp 350 Wohnungen, davon allein 180 in einer Anlage nahe der Berliner Charité. Lange Zeit besaß die IG Metall sogar Waldflächen und Campingplätze; solche „nicht betriebsnotwendigen“ Besitztümer hat die Gewerkschaft jedoch nach und nach verkauft.

      Das Juwel im Immobilienportfolio ist die Zentrale im Frankfurter Gutleutviertel, das 2003 fertiggestellte Mainforum. Der in kühlem Rotbraun gehaltene Wohn- und Geschäftskomplex steht mit einem Wert von 150 Millionen Euro in den Büchern. Angesichts eines Vermietungsstandes von 97 Prozent gebe es bei der Bewertung aber eine „ordentliche stille Reserve“, heißt es intern. Untermieter der IG Metall auf den rund 30.000 Quadratmeter Bürofläche ist unter anderem die Fluglinie Iberia.

      Um das Immobilienvermögen weiter zu mehren, will die IG Metall nun an mehreren Standorten sogenannte Gewerkschaftshäuser bauen oder kaufen, in denen sich andere Gewerkschaften und der DGB einmieten können. 2012 sind Projekte in Essen, Münster, Freiburg, Landshut und Heidenheim geplant.

      Zudem steckt die Gewerkschaft derzeit Millionensummen in ihre sieben Bildungsstätten, um Marktanteile im boomenden Weiterbildungsmarkt auszubauen. Auf ihrer Homepage feiert sich die Gewerkschaft bereits als „größte nicht-staatliche Bildungseinrichtung“ Deutschlands. „Wir wollen unsere Bildungsstätten auf Drei- bis Vier-Sterne-Niveau heben“, sagt Finanzchef Eichler. Allein 33 Millionen Euro sind in den Neubau des zentralen Bildungszentrums in Sprockhövel am Rande des Ruhrgebiets geflossen, ein opulenter Bau inmitten der Natur, mit Sonnenterrassen und schickem Wellnessbereich. Eichler: „Wir müssen es schaffen, die eigenen Funktionäre wieder verstärkt in unsere Schulungshäuser zu holen.“

      Der Hintergrund ist weniger ideologischer als ökonomischer Natur: Die Schulung von Betriebsräten und Funktionären ist ein hart umkämpfter Markt, auf dem sich immer mehr private Anbieter tummeln, etwa auf Arbeitsrecht spezialisierte Anwaltskanzleien. Und da Betriebsräte-Seminare in der Regel der Arbeitgeber zahlt, haben diese Veranstaltungen regen Zulauf.

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