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Giga-Gipfel in Sölden Achtung, Mensch!

„Ich glaube, dass Optimismus unfassbar wichtig ist“, sagt Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter in Sölden. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche

Die digitale Bewegung sorgt sich um eine lange vernachlässigte Spezies: den Menschen. Denn dessen Skepsis droht die KI-Revolution aufzuhalten. Drei Ideen, wie die Robo-Revolution in Deutschland dennoch gelingen kann.

Neulich hat Hannes Ametsreiter einen Kunden getroffen, der ihm das ganze Dilemma im Positiven wie im Negativen nochmal vor Augen geführt hat. Eine kleine Brauerei. „In einem Gewerbe, das seit Jahrhunderten durch das Reinheitsgebot quasi unveränderbar scheint“, erzählt der Vodafone-Deutschlandchef. „Und dann haben die mit Hilfe Künstlicher Intelligenz ihre Produktionsprozesse vermessen und so effizienter machen können, dass sie nun 20 Prozent ihrer Kosten sparen.“

Für Ametsreiter ist das zweierlei: Einmal belegt es die unendlichen Hoffnungen, die in das Potenzial maschinellen Lernens und Datenoptimierung mit Hilfe von KI gesetzt werden. Zum anderen macht es ihn etwas ratlos, warum gerade Künstliche Intelligenz und smarte Maschinen unter den Deutschen so wenig als Chance und so sehr als Bedrohung gesehen wird. Dabei, sagt Ametsreiter mit Blick auf diese technologischen Entwicklungen: „Ich glaube, dass Optimismus unfassbar wichtig ist.“

Und mit diesem Glauben ist der Vodafone-Manager an diesem Tag nicht allein. Er sitzt auf einer Bühne auf 3000 Metern, weit oberhalb des österreichischen Skiorts Sölden. Dorthin haben sich Mitte der Woche gut 50 Vordenkerinnen und Vordenker zurückgezogen, um die digitale Bewegung voranzubringen, die Chancen von Zukunftstechnologie und Künstlicher Intelligenz zu gestalten und wahrnehmbar zu machen. Eingeladen zum Giga-Gipfel haben die führenden Journalistinnen und Journalisten von WirtschaftsWoche, ada, Handelsblatt und Tagesspiegel.

„Der Mensch ist der Feind dessen, was er nicht versteht“, sagt Thomas Druyen. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche

Die Vordenkerinnen und Vordenker definieren in Sölden ein wesentliches Ziel: Nachdem die Technik im Bereich smarter Software und Maschinen in den vergangenen Jahren unfassbaren Fortschritt gemacht und gebracht habe, gelte es nun, die Mehrheit der Menschen von diesen Chancen zu überzeugen – und mit in die Zukunft zu nehmen.

Daran hapert es derzeit, das ist in der digitalen Spitze längst angekommen. „Wenn ich mich auf Veranstaltungen wie diesen oder ähnlichen in Berlin bewege“, erzählt etwa Digital-Staatsministerin Dorothee Bär (CSU), „dann ist klar, dass sich alle einig sind in der Bewertung der Chancen durch Künstliche Intelligenz. Wenn ich dann aber im CSU-Ortsverein bin, spüre ich die großen Ängste.“ Das ist zwar einerseits eine deutsche Eigenschaft, erklärt der Zukunftsforscher und Soziologe Thomas Druyen von der Siegmund-Freud-Privatuniversität Wien: „In der deutschen Mentalität herrscht eine sehr dominante Veränderungsresilienz.“ Die aber, das hat Druyen in tausenden Interviews auch herausgefunden, lasse sich andererseits auch beheben: „Der Mensch ist der Feind dessen, was er nicht versteht.“

Im Umkehrschluss heißt das: Werden die Chancen für den einzelnen Menschen konkret erklärt und erlebbar, wandelt sich Skepsis in Optimismus.

Und der ist dringend nötig: Während China mit gewaltigen staatlichen Mitteln und die USA mit gewaltigen privaten Mitteln längst den Rahmen eines digitalen Technologismus für das 21. Jahrhundert abstecken, ist Europa noch unsicher, ob es die Technologie überhaupt nutzen will. Nur 25 Prozent der deutschen Konzerne und nur 15 Prozent der deutschen Mittelständler nutzen etwa Künstliche Intelligenz überhaupt.

Mit einer Forderungscharta aus drei Punkten will die digitale Bewegung, die den jährlichen Giga-Gipfel als ihr Aktionszentrum hat, nun für Fortschritt sorgen:

1. Die Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft zu einer digital-sozialen Marktwirtschaft. So soll ein Alternativmodell zu dem der USA und Chinas entstehen. Dazu brauchen wir ein Recht auf digitale Teilhabe, müssen die humanistisch-universalistischen Werte der europäischen Aufklärung zugrunde legen für eine Technologie, die informationelle Selbstbestimmung mit der Möglichkeit der Anwendung anonymisierter Daten zur Weiterentwicklung von KI-Anwendungen verbindet.
2. Die Beziehung zwischen Unternehmen und Nutzer*innen soll als Vertrauensbeziehung neu definiert werden. Die Datenautonomie des Kunden ist dabei das zentrale Merkmal. Transparenz bei der Speicherung und Fairness im Umgang mit Daten sollten Unternehmen gegenüber Kunden*innen und Mitarbeitern*innen leiten.
3. Bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz sollte der Nutzen für den Menschen im Vordergrund stehen.

Siemens-Technikchef Helmuth Ludwig etwa sagt: „Transparenz über den Prozess zu schaffen ist die wichtigste Voraussetzung, wenn wir Vertrauen schaffen wollen.“ Ähnlich sieht es die Politik: „Am wichtigsten ist, dass der Mensch im Mittelpunkt stehen muss“, sagt Staatsministerin Bär. „Wir kriegen die richtigen Diskussionen immer weniger auf den normalen Bürger runtergebrochen. Die Schere geht nicht zwischen Arm und Reich auf, sondern zwischen denen, die die Zukunft annehmen und denen, die sagen: Ich mach da nicht mehr mit.“

Deswegen fordert der Giga-Gipfel: Wer solche Zukunftstechnologien etablieren will, sollte sie transparent erklären – und erlebbar machen. Dafür brauchen wir Technologie-getriebene Sonderwirtschaftszonen, in denen wir die Chancen der Digitalisierung unbürokratisch ausprobieren können. Oder auch konkrete politische Beispiele. Bär hat da schon eine Idee: „Warum lassen wir nicht mal den Bundeshaushalt nicht nur in Teppichhändlerrunden und Nachtsitzungen aufstellen, sondern durch KI mit der besten Kosten-Nutzenrechnung?“

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