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Gipfeltreffen der Weltmarktführer„Alleine werden wir nicht unabhängig“

Die Krisen dieser Welt sind für Staatslenker und Mittelständler erdrückend. Dabei zeigt das kleine Lettland, dass in der Krise auch die Chance liegt für einen Neuanfang und mehr Kooperation.Artur Lebedew 01.02.2024 - 14:43 Uhr

Viktors Valainis

Foto: Foto Vogt GmbH

Die Abhängigkeit eines Staates von den Krisen dieser Welt ist in einem kleinen Land wie Lettland besonders frappant. Der baltische Staat, am nordöstlichen Zipfel Europas gelegen, zählt gerade einmal so viele Einwohner wie die Stadt Hamburg. Umso größer war der Schock, als der große Nachbar Russland vor knapp zwei Jahren über die Ukraine herfiel. Die Sorge: Lettland, mit seinem großen Anteil russischsprachiger Bevölkerung, könnte als nächstes an der Reihe sein. 

Dabei hatte das Land jahrelang von seiner Russlandnähe profitiert: Von dort kam die günstige Energie, dorthin lieferten hunderte Unternehmen die Produkte. Damit war plötzlich Schluss. Praktisch über Nacht beschloss die Staatsführung die wirtschaftliche Abkopplung. Zwei Jahre später bilanziert der lettische Wirtschaftsminister Viktors Valainis bei seiner Rede auf dem Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall: Lettland sei seinem Ziel deutlich näher gekommen. Den Strom liefern heute vor allem Norwegen und Dänemark. Die Exportquote nach Russland konnte in so wichtigen Bereichen wie der Medizin von 70 auf 20 Prozent reduziert werden. „Die heutige Unabhängigkeit hat uns stärker gemacht“, erklärt Valainis.

Die Suche nach der Resilienz vor Krisenherden beschäftigt nicht nur Lettland. Nach dem Lieferkettenchaos während der Pandemie, den aktuellen oder drohenden Kriegen in der Ukraine und dem Mittleren Osten oder China, gelten geopolitische Risiken und Konflikte als größte Gefahren für Handel und Geschäfte. Was Staatslenker und Manager in einer solch zunehmend unsichereren Weltlage unternehmen und woran sie sich orientieren können, darüber sprachen am Mittwoch Firmenstrategen und Politikexperten auf der WirtschaftsWoche-Veranstaltung „Gipfeltreffen der Weltmarktführer“ in Schwäbisch Hall.

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Christoph Heusgen war über 15 Jahre lang außenpolitischer Berater von Altkanzlerin Angela Merkel. Sein Wort als Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz hat bei den Staatschefs und global denkenden Unternehmern Gewicht. „Die Unsicherheit ist heute so groß wie vor 60 Jahren“, sagt Heusgen. Damals herrschte der Kalte Krieg, in Berlin entstand eine Mauer und auf Kuba installierten die Sowjets vor der Küste Amerikas Hunderte von atomaren Sprengköpfen. Und heute? Eine „Polykrise“, deren Probleme einander verstärkten, so Heusgen. Ein Eindruck, dem wohl nur wenige widersprechen würden. 

Allein mit Blick auf die Schiffsattacken der Huthi-Milizen im Roten Meer sind die wirtschaftlichen Folgen der Geopolitik weitreichend: Seit Mitte November haben die Milizen mehr als 30 Schiffe angegriffen. Als Reaktion darauf meiden mehr als ein Dutzend Reedereien die Region, darunter auch die Deutsche Hapag-Lloyd. Fast 70 Prozent weniger Schiffe durchfuhren zuletzt den Suezkanal, so der Branchendienstleister Project44. Die alternative Route um den afrikanischen Kontinent herum verlängert den Transport und macht Waren teurer. Verzögerungen sollen schon heute dafür verantwortlich sein, dass bei Tesla in Brandenburg und Volvo wegen fehlender Bauteile die Werke stillstehen.

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Um den Warentransport militärisch zu sichern, müsse laut Heusgen auch Deutschland „natürlich seinen Beitrag leisten“. Die vom Verteidigungsministerium angekündigte Fregatte, die im Rahmen des EU-Mandats demnächst aus deutschen Häfen ins Rote Meer ausfährt, findet er „ordentlich“. Wichtig wäre allerdings auch eine Konstante, die sich nach der vom Kanzler ausgerufenen „Zeitenwende“ in der Militärpolitik auch finanziell niederschlägt: Es fehle das „Follow-up“, so der Geospezialist. 

Ob sich die Regierung dabei auf die gerade kolportierten zwei Prozent des jährlichen Bruttosozialproduktes auch dauerhaft einigen kann – für Heusgen wäre es „eine Sensation“. Dann hätte Deutschland auch im Fall einer Wiederwahl von Donald Trump zum US-Präsidenten einen Ass im Ärmel, wenn es bei Verhandlungen Trump vorhalten könnte: „Wir haben auf deine Empfehlung unser Ziel erfüllt.“ Trump hatte während seiner ersten Regierungszeit immer wieder Deutschland vorgeworfen, nicht genügend für seine Sicherheit zu bezahlen.

Christoph Heusgen, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz, spricht auf dem Gipfeltreffen der Weltmarktführer über militärische Zusammenarbeit in Europa.

Foto: Foto Vogt GmbH

Dass allerdings einzelne europäische Staaten allein kaum für ihre Sicherheit sorgen können werden, gilt unter Experten als Konsens: zu vielfältig sind die Bedrohungen und zu mächtig die Systemgegner China und Russland. Der Ruf nach mehr europäischer Kooperation fiel deshalb auf dem Gipfel der Weltmarktführer besonders deutlich aus. Der ehemalige Botschafter Heusgen fordert nicht nur mehr Zusammenarbeit bei der Rüstungsbeschaffung – „die Kleinstaaterei muss aufhören“ –, sondern plädiert auch für mehr Marktzugänge im geopolitischen Süden. Nur so könnten Klumpenrisiken bei Produktionsstätten und Großkunden gesenkt werden. Die Europäische Union brauche „mehr Freihandelsabkommen“, sagt er. Zuletzt scheiterten die Verträge mit Australien, auch die Verhandlungen bei den Mercosur-Verträgen mit den Staaten in Südamerika liegen im Moment auf Eis.

Und auch der lettische Wirtschaftsminister Valainis plädiert für mehr europäische Zusammenarbeit als Antwort auf die aktuellen Herausforderungen. Den Vorteil des Wirtschaftsraumes sieht er dabei vor allem in der Verschiedenheit der EU-Mitglieder. Die Staaten müssten sich mit ihrer jeweiligen Expertise ergänzen und voneinander lernen, um im globalen Wettbewerb weiter vorn mitspielen zu können. „Die Schocks der Vergangenheit sind auch neue Möglichkeiten für Kooperation“, sagt Valainis. Als Beispiel verweist er dabei auf die digitalen Tugenden seiner Heimat. Wie kaum ein anderer EU-Staat hat Lettland geschafft, seine Verwaltung ins Onlinezeitalter zu überführen, profitiert dabei als kleines Land von verhältnismäßig unkomplizierten Behördenstrukturen. Nun lassen sich praktisch alle Verwaltungsakte wie die Gründung eines Unternehmens oder eine Datenauskunft unkompliziert per Handy erledigen und mit einer digitalen Unterschrift unterzeichnen. Voraussetzung dafür war auch ein hohes Level an Datensicherheit und eine Schar fähiger Köpfe, die auch mithilfe von Staatsgeldern für neue Aufgaben geschult wurden. Dieses Wissen um die Transformation wolle man teilen, wirbt der Minister in Schwäbisch Hall. „Allein werden wir nicht unabhängig“, sagt er.

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