Gleichheitsdebatte "Der Markt ist längst außer Kraft gesetzt"

Warum ist Ungleichheit schlecht? Welche Freiheit wollen wir? Im Interview mit Sozialphilosoph Axel Honneth suchen wir Antworten auf Fragen, die Bestseller-Ökonom Thomas Piketty offen gelassen hat.

Welche Auszeichnungen es für Ökonomen jenseits des Nobelpreises gibt
Michèle Tertilt Quelle: Presse
Die Top Five in Deutschland2. IZA-Preis für ArbeitsökonomikVergeben von: Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), Bonn Turnus: jährlich, nächste Verleihung: Herbst 2013 Preisgeld: 50.000 Euro Aktueller Preisträger: Daniel Hamermesh, Wirtschaftsprofessor an der University of Texas at Austin und dem Londoner Royal Holloway College. Das 1998 gegründete IZA vergibt seinen Preis speziell für das Fachgebiet Arbeitsmarktökonomik. Er soll laut Satzung besondere wissenschaftliche Leistungen anerkennen und einen Anreiz bieten, drängende Fragen der Arbeitsmarktpolitik zu erforschen. Das IZA lobt seinen Preis zwar in Deutschland aus, betont aber die internationale Ausrichtung. Sieger einer deutschen Universität gab es in den vergangenen zehn Jahren nicht. Dafür aber erreichten manche Preisträger später noch höhere Weihen: Dale Mortensen und Christopher Pissarides, die sich mit Suchkosten auf dem Arbeitsmarkt beschäftigen, erhielten 2005 den IZA-Preis - und fünf Jahre später den Ökonomie-Nobelpreis. Quelle: Presse
Die Top Five in Deutschland3. Bernhard-Harms-PreisVergeben von: Institut für Weltwirtschaft (IfW), Kiel Turnus: alle zwei Jahre, nächster Termin 2014 Preisgeld: 25.000 Euro, gestiftet von der Förderungsgesellschaft des IfW Aktueller Preisträger: Gene Grossman (Princeton University, Fachgebiet Außenhandelsökonomie)  Die nach IfW-Gründer Bernhard Harms benannte Auszeichnung gibt es bereits seit 1964, die Auswahl trifft ein eigenes Kuratorium. Geehrt wird eine Person, die "sich durch hervorragende Leistungen auf dem Gebiet weltwirtschaftlicher Forschung ausgezeichnet hat oder die durch ihre Tätigkeit in der Wirtschaftspraxis einen herausragenden Beitrag zur Förderung weltwirtschaftlicher Beziehungen geleistet hat". Quelle: Presse
Die Top Five in Deutschland4. Weltwirtschaftlicher PreisVergeben von: Institut für Weltwirtschaft, Stadt Kiel, IHK Schleswig-Holstein Turnus: jährlich, nächster Termin: 2014 Preisgeld: undotiert Aktuelle Preisträger: Gro Harlem Brundtland, Joseph Stiglitz, Mohammed Ibrahim Hier dürfen auch Nicht-Ökonomen hoffen, denn den weltwirtschaftlichen Preis des IfW gibt es gleich dreimal. Ausgezeichnet werden je ein Ökonom, ein Unternehmer und ein Politiker. Voraussetzung: Sie haben dazu beigetragen, "die großen wirtschaftlichen Herausforderungen durch kreative Problemlösungen zu bewältigen." Quelle: dpa
Die Top Five in Deutschland5. Deutsche Bank Prize in Financial EconomicsVergeben von: Centre for Financial Studies der Universität Frankfurt, Stiftungsfonds Deutsche Bank Turnus: alle zwei Jahre, nächster Termin: voraussichtlich September 2015 Preisgeld: 50.000 Dollar Aktueller Preisträger: Raghuram Rajan (University of Chicago, Zentralbankchef von Indien) Dieser Preis ehrt international anerkannte Forscher, deren Arbeit erheblichen Einfluss auf die Finanzwissenschaft hatte. Der Preisträger muss bahnbrechende Fortschritte in der theoretischen und praktischen Wirtschaftsforschung erzielt haben, so die Ausschreibung. 4000 Professoren weltweit können Kandidaten vorschlagen, eine Jury stimmt über den Sieger ab. Die Organisatoren haben den Ehrgeiz, ihren Preis zu der nach dem Nobelpreis wichtigsten Auszeichnung für Ökonomen zu machen. Zur Preisverleihung findet stets ein großes wissenschaftliches Symposium statt. Quelle: Presse
Die Top Five international1. John Bates Clark MedalVergeben von: American Economic Association (AEA) Turnus: jährlich, nächster Termin: Frühjahr 2014 Preisgeld: undotiert, Verleihung einer Medaille Aktueller Preisträger: Raj Chetty (Harvard University) Ihr Spitzname ist "Baby Nobel": Die seit 1947 vergebene John Bates Clark Medal gilt nach dem Nobelpreis als prestigeträchtigste Auszeichnung für Ökonomen - und dies, obwohl nur Wirtschaftswissenschaftler unter 40 Jahre in die Auswahl kommen. Potenzielle Preisträger müssen in den USA forschen (es können also auch Ausländer gewinnen) und "einen signifikanten Beitrag zum ökonomischen Denken und Wissen" geleistet haben. Ein Nachwuchspreis also, aber einer auf höchstem wissenschaftlichen Niveau: Über ein Drittel der bisherigen Preisträger erhielt später den Nobelpreis, zuletzt Paul Krugman (2008). Unter den Medaillenbesitzern finden sich so illustre Namen wie Paul Samuelson, Milton Friedman und Robert Solow; auch WirtschaftsWoche-Kolumnist Martin Feldstein hat die Medaille im Schrank. Quelle: Presse
Die Top Five international2. Yrjö-Jahnsson AwardVergeben von: Yrjö-Jahnsson Foundation Turnus: alle zwei Jahre, nächste Verleihung: 2015. Preisgeld: 18.000 Euro Aktueller Preisträger: Hélène Rey, Thomas Piketty Der Yrjö-Jahnsson Preis gilt als renommiertester europäischer Wirtschaftspreis. Er wird an einen europäischen Ökonomen unter 45 Jahren verliehen, der einen bedeutenden Beitrag zur theoretischen oder angewandten ökonomischen Forschung in Europa geleistet hat. Den Preis vergibt die Yrjö Jahnsson Foundation  seit 1993. Nominiert werden die Gewinner von Mitgliedern der European Economic Association. 2011 konnte der Deutsche Armin Falk von der Universität Bonn den begehrten Preis gewinnen. Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Honneth, in Amerika macht ein Buch des Ökonomen Thomas Piketty Furore. Es lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Leistung lohnt sich doch nicht, weil der Reichtum der Reichen schneller wächst als die Einkommen der arbeitenden Bevölkerung. Leider steht in dem Buch nichts darüber, warum soziale Ungleichheit ein Problem ist. Können Sie uns helfen?

Axel Honneth: Wir müssen unterscheiden. Ungleichheit als solche, also die Diskrepanz zwischen niedrigen Einkommen und riesigen Vermögen, schadet der sozialen Integration. Der Blick auf leistungslos Begüterte vermittelt vielen Bürgern das Gefühl, dass die eigene Anstrengung nicht ausreichend bestätigt und anerkannt wird. Wenn sich solche Gefühle zu Lebenseinstellungen und Mentalitäten verhärten, ist das schädlich für die Gesellschaft. In einer zweiten Hinsicht ist Ungleichheit ein Problem, wenn Lebenslagen geschaffen werden, die es einigen Schlechtergestellten nahezu unmöglich machen, noch an politischen Prozessen teilzunehmen oder kulturelle Errungenschaften zu genießen. Das ist in einigen westlichen Gesellschaften erkennbar der Fall.

Leistung lohnt sich nicht, Aufstieg ist unmöglich - was steht mit dem meritokratischen Prinzip auf dem Spiel?

Eine der großen Legitimationsgrundlagen moderner Gesellschaften. Schließlich war das Bürgertum im 18. Jahrhundert angetreten, die Reichtumsbildung von der Herkunft zu entkoppeln und abhängig zu machen von der individuellen Leistung. Seither gehört das meritokratische Prinzip zu den Grundpfeilern unserer Sozialordnung. Wenn nun laufend neue Nachweise dafür erbracht werden, dass es verletzt wird und dass seine Verletzung begründete, auf einem gesunden Gerechtigkeitssinn basierende Stimmungen des Neides und der Empörung hervorruft, dann scheint mir das auf eine Sozialkrise hinzudeuten.

Sozialkrise? Heute? Vor 150 Jahren hatten Schlechtergestellte Hunger. Heute Anspruch auf 750 Euro im Monat.

Die Erfahrung von Ungleichheit kennt weder historische noch absolute Maßstäbe. Es geht immer um relative Deprivation, um Ungleichheit im Vergleich zu den Bessergestellten in einer Sozialgemeinschaft.

Ist die Ungleichheit des Bessergestellten Bill Gates ein Problem? Die eines Öl-Oligarchen? Oder sind beide Ungleichheiten gleichermaßen problematisch?

Beide sind problematisch, wenn auch nicht gleichermaßen. Mancher Reichtum verdankt sich dubiosen Quellen, ist moralisch verwerflich. So etwas hat es immer gegeben; so etwas wird es immer geben. Philosophisch interessanter ist der Fall von Bill Gates. Er verdankt die Masse seines Reichtums gesellschaftlichen Voraussetzungen, die wir alle - die amerikanischen Bürger - geschaffen haben. Ein Verdienst aber, der auf der Basis gemeinsamer Errungenschaften erworben wird und solche Maße annimmt, ist problematisch.

In den USA und Europa erzählt man sich noch immer gerne die Geschichte seiner liberaldemokratischen Marktwirtschaften, die ganz anders seien als die autokratischen Kapitalismen in China oder Singapur.

In solchen Selbstanpreisungen steckt viel Ideologie. Die demokratische Willensbildung und ihre Umsetzung in staatliche Entscheidungen ist längst nicht mehr so gut geschützt gegenüber externen Einflussnahmen wie noch vor 50, 60 Jahren. Ich habe im Gegenteil den Eindruck, dass unser ökonomisches Modell von autokratischen Systemen so weit nicht mehr entfernt ist. Sowohl mächtige Banken als auch internationale Konzerne haben inzwischen beängstigend viel Veto-Macht gegen staatliche Entscheidungen. Sie lassen sich von Staaten und Steuerzahlern retten, entziehen sich aber zugleich der Steuererhebung in den Ländern, in denen sie wirtschaften und rekrutieren ihre Arbeitskräfte dort, wo sie am billigsten sind... das alles sind alarmierende Zeichen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%