Gleichstellungsdebatte Die Frauenquote ist nur ein Quötchen

Fünf Gründe, warum das Ergebnis der Frauenquote alles andere ist als ein Durchbruch.

Geschäftsfrauen und Geschäftsmänner unterhalten sich. Quelle: dapd

Schwarz-Rot hat nun, mit drei Jahren Anlauf und drei Jahre später als die Franzosen, auch eine Frauenquote beschlossen. Sie hat´s endlich geschafft, allen Widerständen zum Trotz.

Mal ganz zu schweigen von den 13 Jahren freiwilliger Selbstverpflichtung – der Begriff ist schon drollig - in denen die Top-Manager hierzulande mitnichten die Gleichberechtigung der Frauen bei Spitzenjobs in der Wirtschaft zulassen wollten. Ihre Glaubwürdigkeit ist jetzt perdú, aber geschadet hat auch das nicht.

So viele Frauen fehlen in den Aufsichtsräten bei einer Frauenquote von 30 Prozent

Was jetzt herausgekommen ist, ist aber alles andere als ein Durchbruch. Man kann es eher als Frauenquötchen bezeichnen denn als Quote. Schließlich hat die ganz überwiegende Zahl der Frauen nichts davon.

Und so harte Strafen wie die Norweger, die damals widerspenstigen Unternehmen gar die Schließung androhten, gibt es hierzulande ohnehin nicht.

Und doch jagen rund 160 Nebenjobs in den 100 größten Unternehmen für Frauen den Männern anscheinend immer noch große Angst ein.
Dabei kann man sie gleich beruhigen:

Erstens wird es keine ganze Armada dieser ihnen fremden Spezies werden: Wenn sie nämlich, wie Männer auch, mehrere dieser Aufsichtsratsposten annehmen. Also sagen wir mal, wenn 50 Frauen je drei dieser Nebenjobs übernehmen.

Zweitens müssen sie ja gar nicht Männer rausdrängen aus deren Jobs. Diese doch gut verdienenden 100 größten Unternehmen könnten ja auch zusätzliche Frauen-Pöstchen schaffen. Leisten könnten sie es sich bestimmt. Und angedacht ist ja ohnehin, dass nur die freiwerdenden Posten mit Nachrückerinnen besetzt werden sollen.

Kein Durchbruch

Drittens könnte man den Damen Coaches an die Seite stellen, damit sie die Männer-Spielregeln – die sie ja anscheinend bisher ausgrenzen – rasch beherrschen lernen und im Top-Manager-Sandkasten problemlos mittun können.
Denn es scheint ja tatsächlich so, dass Frauen mit ihrer blauäugigen Art „ich will durch meine Leistung wirken und ja nicht als Person“ oben in der dünnen Chefetagen-Luft scheitern.

Viertens ist die ganz überwältigende Mehrheit der Unternehmen nicht betroffen.

Alt, deutsch, männlich
Wie eine aktuelle Studie des „Board Diversity Index“ des Centrums für Strategie und Höhere Führung zur Diversität in Aufsichtsräten zeigt, sind die Positionen der Kapitalseite auch zum Ende des Jahres 2014 beinahe zu 80 Prozent mit Männern besetzt. Es dominieren die Über-60-Jährigen (63 Prozent), die Vertreter mit deutschem Pass (72 Prozent) und wirtschaftswissenschaftlichem Studium (47 Prozent). Quelle: dpa
Platz 16: HenkelDer Konsumgüterhersteller Henkel hat sich besonders in der Kategorie Geschlechterquote verbessert. Neben den fünf Männern sitzen auch drei Frauen im Aufsichtsrat von Henkel. In den übrigen Kategorien sieht es etwas schlechter aus. Bedenklich ist die Position von Theo Siegert. Der Betriebswirt sitzt nämlich nicht nur bei Henkel im Aufsichtsrat. Auch bei der Deutschen Bank, Ergo, Merck KGaA, DKSH Holding, Merck KG und Eon muss er Aufsichtspflichten nachgehen. Ob das angesichts der Menge an Mandaten möglich ist, bleibt fraglich. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenfünf Männer, drei FrauenDeutschland (sechs Mal)Wirtschaftswissenschaften (4,5 Mal)dreiSchweiz (ein Mal)Ingenieurswissenschaften (0,5 Mal)Frankreich (ein Mal)Naturwissenschaften (drei Mal) Quelle: dpa
Platz 17: AdidasDer Sportartikelhersteller aus Herzogenaurach kann außer in der Kategorie Altersklassen in keiner anderen wirklich überzeugen. Vor allem die Internationalität lässt zu Wünschen übrig. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenvier Männer, zwei FrauenDeutschland (fünf Mal)Wirtschaftswissenschaften (vier Mal)vierFrankreich (ein Mal)Geisteswissenschaften (ein Mal)Sonstiges (ein Mal) Quelle: dpa
Platz 18: BASFBei BASF merkt die BDI-Studie die Altersstruktur des BASF-Aufsichtsrats kritisch an. Waren es 2013 noch drei Altersklassen, sitzen derzeit nur noch Mitglieder aus zwei Altersklassen im Aufsichtsrat des Chemiekonzerns. Diese sind zudem mit 50 bis 60 Jahren vergleichsweise alt. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenvier Männer, zwei FrauenDeutschland (vier Mal)Wirtschaftswissenschaften (zwei Mal)zweiLuxemburg (ein Mal)Rechtswissenschaften (ein Mal)USA (ein Mal)Ingenieurswissenschaften (ein Mal)Naturwissenschaften (zwei Mal) Quelle: DAPD
Platz 19: MerckBei Merck mangelt es im Aufsichtsrat an Internationalität. Deutsche und Schweizer teilen sich die Mandate. Eine schwache Diversität gibt es auch hinsichtlich der Geschlechterquote. Neben sechs Männern beaufsichtigen lediglich zwei Frauen die Vorstandsentscheidungen bei Merck. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassensechs Männer, zwei FrauenDeutschland (7,5 Mal)Wirtschaftswissenschaften (drei Mal)dreiSchweiz (0,5 Mal)Naturwissenschaften (zwei Mal)Medizin/Psychologie (zwei Mal)Sonstiges (ein Mal) Quelle: dpa
Platz 20: RWEBeim deutschen Energiekonzern RWE dominieren die Männer den Aufsichtsrat. Zwischen neun Männern findet man nur eine Frau dort vor. Vorsitzender des Aufsichtsrat ist Manfred Schneider (links), der außerdem auch bei Linde Aufsichtsratsvorsitzender ist. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenneun Männer, eine FrauDeutschland (neun Mal)Wirtschaftswissenschaften (2,5 Mal)dreiÖsterreich (ein Mal)Rechtswissenschaften (drei Mal)Ingenieurswissenschaften (2,5 Mal)Geisteswissenschaften (ein Mal)Sonstiges (ein Mal) Quelle: dpa
Platz 21: AllianzPositiv hervorgehoben werden kann bei der Allianz die breitgefächerte Altersstruktur im Aufsichtsrat. Der Versicherer deckt von 40- bis 60-Jährigen Mitgliedern drei Altersklassen ab. Bei der Ausbildung hingegen herrscht wenig Diversität. Es dominieren Wirtschaftswissenschaftler und Juristen. GeschlechtNationalitätenAusbildungAltersklassenvier Männer, zwei FrauenDeutschland (drei Mal)Wirtschaftswissenschaften (3,5 Mal)dreiDänemark (zwei Mal)Rechtswissenschaften (2,5 Mal)Irland (ein Mal) Quelle: dpa

Und fünftens geht es nur um die Aufsichtsräte und nicht um die Vorstände. Die sind nicht unwichtig, aber sie übernehmen kein Kommando im Tagesgeschäft, sind nicht mal weiter präsent im Unternehmensalltag.
Es geht so gesehen um weniger als einen Teilzeitjob: Es ist ein kleines Projekt von vielleicht maximal 30 Tagen Aufwand im Jahr – und vor allem mit einem so hohen Haftungsrisiko, dass mancher Mann den Job heute schon dankend ablehnt. Allen voran die Top-Anwälte, die wollen inzwischen mehrheitlich nicht mehr in diese Gremien – und wissen auch warum.

Geradezu beschämend finde ich, dass Deutschland beim Thema Frauen in Top-Positionen das Schlusslicht in ganz Europa bildet – und das so gar nicht realisiert. Geschweige denn darüber betroffen ist, was sonst ja durchaus eine Spezialität der Deutschen ist.

Gestern sprach ich mit Susan Speller, der Britischen Generalkonsulin in Düsseldorf, und was sie zum Thema deutsche Gleichberechtigung sagte, gibt zu denken:

Die Briten seien stolz darauf, dass sie in ihrer Wirtschaft bereits so viele Frauen in Spitzenpositionen haben. In den großen britischen Börsengesellschaften ist jede fünfte Führungsposition mit einer Frau besetzt.

Sie wunderte sich, dass sie in den deutschen Top-Etagen der Wirtschaft fast immer nur mit Männern begegnet – wo die Deutschen doch eine Kanzlerin und eine Verteidigungsministerin haben.

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