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Glosse zur Bundestagswahl Wird auch Christian Lindner jetzt noch Kanzlerkandidat?

FDP-Bundesvorsitzender Christian Lindner auf einer Wahlkampfveranstaltung. Quelle: dpa

Die FDP hat in den Umfragen mit der SPD gleichgezogen. Eigentlich müsste Parteichef Lindner jetzt auch Kanzlerkandidat werden. Oder Olaf Scholz zieht zurück und nennt sich fortan „Vize-Kanzler-Kandidat“. Eine Glosse.

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Natürlich sind Umfragen nur Momentaufnahmen. Aber der Trend, der in früheren Zeiten stets ein Genosse war, ist jetzt auf Seiten der Liberalen. Mit 14 Prozent taxiert das Meinungsforschungsinstitut Forsa in seiner neuesten Erhebung die Freien Demokraten – ein Rekordwert. Wirklich bemerkenswert an der Umfrage ist jedoch etwas anderes: der Gleichstand von FDP und SPD – das gab es noch nie.

Was folgt daraus? Zumindest in den Fernsehanstalten sollte ein kurzes Nachdenken zugunsten der gequälten Zuschauer einsetzen. Nachdem wegen des Höhenflugs der Grünen aus dem traditionellen TV-Duell der schwarzen und roten Spitzenleute ein „Triell“ mit drei „KandidatInnen“ geworden ist, droht jetzt ein – ja was eigentlich? Ein „Vierer-Duell“, ein „Vierkampf“ oder ein „Quartell“? Schon der sprachliche Krampf bei der Namenssuche zeigt, dass sich das Format in der neuen Parteienwelt überlebt hat.

Streng genommen hätte die SPD gar nicht mehr eingeladen werden dürfen, aber das haben sich die ratlosen roten Rundfunkräte nicht getraut. Was aber tun, wenn die FDP inzwischen genauso stark ist wie die SPD? Demütig den FDP-Chef dazu bitten?



Christian Lindner ist klug genug, keine Einladung zum „TV-Quartett“ zu erzwingen. Er freut sich über den demoskopischen Erfolg, aber er ist ihm auch ein bisschen unheimlich. Was, wenn es in der Stimmungsdemokratie Deutschland mal wieder bergab geht mit den guten Werten der FDP? Bei den Älteren werden zudem Erinnerungen an den Übermut von Guido Westerwelle und seinem „Projekt 18“ wach. Also lautete jetzt die Devise: Ball flachhalten und einfach weitermachen – der Kenner genießt und schweigt.

Womit wir bei Olaf Scholz wären. Er ist zweifelslos auch ein Kenner, aber sicher kein Genießer. Die Talfahrt seiner SPD, die ihn schon bei der Urwahl als Parteichef so schnöde verschmähte, muss den Bundesfinanzminister täglich schmerzen. Doch was soll er tun? Ist es sinnvoll, noch an dem Titel „Kanzlerkandidat“ festzuhalten? Und ab wann sollte man diese hochtrabende Bezeichnung vermeiden? Ab 13 Prozent, ab 12 oder erst ab elf Punkten? Anders gefragt: Wie tief muss man sinken, damit der Titel „Kanzlerkandidat“ nicht peinlich wird? Vielleicht hilft ja ein Anruf in Würselen bei Parteifreund Martin Schulz? Oder ein vertrauliches Gespräch mit Kollegen FDP-Chef. Olaf Scholz könnte Christian Lindner doch vorschlagen, dass sie künftig gemeinsam als „Vize-Kanzler-Kandidaten“ auftreten. Vielleicht reservieren die Fernsehgewaltigen dann auch noch etwas Sendezeit für ein neues Duell-Format: Das „Vize-Fight“ zum Beispiel oder „Die Höhle der Stellvertreter“.

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Wahrscheinlich ist diese Art der Selbstbeschränkung bei selbstbewussten Politikern wie Olaf Scholz aber absolut unrealistisch. „Bescheidenheit ist eine Zier“, sagt zwar der Volksmund, aber schon der alte Goethe wusste es besser. „Keinen Druckser hier zu leiden, sei ein ewiges Mandat“, dichtete er. „Nur die Lumpen sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat“.

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