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Görlachs Gedanken

Die absurde Zukunftsangst der Deutschen

Nehmen Roboter Arbeitsplätze weg? Selbstverständlich, das bringt der technologische Fortschritt eben mit sich. Doch die omnipräsente Zukunftsangst ist keine Lösung.

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Wie Roboter den Alltag erleichtern
Krankenpfleger Ein Roboter CARE-O-bot, der vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung entwickelt wurde, versorgt eine Bewohnerin eines Pflegeheims mit einem Getränk (undatiert). Auch dieser Roboter unterstützt ältere Menschen im häuslichen Umfeld und das Pflegepersonal in Pflegeeinrichtungen. Quelle: dpa
Der KochBremer Forscher präsentierten 2013 den Roboter „PR2“, der Popcorn machen und Pfannkuchen wenden kann. Das nötige Vorwissen habe sich dieser unter anderem aus dem Internet geholt, sagte Professor Michael Beetz von der Universität Bremen. Sein Team arbeitet zusammen mit sieben europäischen Partnern in einem auf vier Jahre angelegten Projekt an lernfähigen Robotern. Ziel sei es, diese neue Form der Programmierung zunächst bei Robotern anzuwenden, die alte und pflegebedürftige Menschen bei einfachen Aufgaben unterstützen. Diese könnten in den nächsten zehn Jahren einsatzbereit sein. Quelle: dpa
Der BarkeeperDer Roboter "James" des Münchener Fortiss-Institutes für Hightech-Forschung in München (Bayern) ist als Barkeeper programmiert und soll bei einer Interaktion mit Menschen seine Aufgaben nicht nur richtig erledigen, sondern dabei auch auf die sozialen Bedürfnisse seines Gegenübers eingehen. Wer sich bei James bedankt bekommt die Antwort: "Always a pleasure". Quelle: dpa
KuschelrobbeDer weiße Sozialroboter namens Paro soll Demenzkranken Zuwendung schenken. Das mit Sensoren vollgestopfte Kuscheltier reagiert auf Berührung, Licht und Bewegung. Es soll für Demenzkranke Zuwendung simulieren - und ist deswegen vor allem nach einer Messepräsentation 2011 heftig umstritten gewesen. Tritt an die Stelle des Zivildienstleistenden oder der Pflegekraft nun der Sozialroboter? 5000 Euro kostet die schnurrende Pelzattrappe. Quelle: dpa
Putzhilfe mit gutem OrientierungssinnInzwischen schon fast ein Klassiker unter den Haushaltsrobotern ist der autonome Staubsauger. Dieses Modell, ein Samsung Navibot SR 8855, sticht vor allem durch seine Navigationsfähigkeiten heraus. Aus Aufnahmen von einer eingebauten Kamera setzt er ein digitales Abbild des Raums zusammen, den er reinigen soll. Das verhindert laut Hersteller sinnloses Kreuz- und Querfahren wie bei anderen Saugrobotern. Hindernissen weicht der Navibot aus, die eingebauten Sensoren erkennen auch Treppenabsätze. Im Handel gibt es den Navibot ab etwa 320 Euro. Quelle: Presse
Freundlicher KrankenpflegerDieses freundlich dreinschauende Gesicht gehört einem Roboter aus dem Hause Panasonic. Das Modell Hospi-Rimo soll als Kommunikationsplattform für bettlägerige Patienten dienen, die mit dem Roboter von zu Hause aus mit Arzt, Freunden oder Verwandten per Videokonferenz kommunizieren wollen. Der Roboter kann dabei laut Hersteller mit fragilen Ampullen und Medikamenten so vorsichtig umgehen wie eine Krankenschwester. Quelle: Presse
HaarpflegerDieser von Panasonic hergestellte Haarwaschroboter widmet sich der Pflege des Haupthaars von bettlägerigen Patienten. Vollautomatisch kann das Gerät eine komplette Haarwäsche durchführen und dabei eine Spülung einmassieren sowie die Haare nach dem Waschen wieder trocknen. Dabei kommen insgesamt 24 robotische Finger zum Einsatz. Quelle: Presse

Sonntagabend: Bei Anne Will wird über Roboter und Künstliche Intelligenz diskutiert - und dabei tritt großes Elend zu Tage. Die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust wird geschürt. Ein Psychiater erklärt, warum digitale Medien für Kinder schlecht und daher dringend zu verbieten seien. Internet-Aktivist Sascha Lobo und FDP-Chef Christian Lindner argumentieren dagegen. Deren Tenor ist, dass man Wandel gestalten solle und nicht durch Dämonisierung des Neuen eine Art Vakuum schaffe, in dem der Ruf nach Wandel nicht mehr hörbar sein würde.

Alexander Görlach ist Affiliate der Harvard University. Quelle: Lars Mensel / The European


Zur selben Zeit bereitet sich der EU-Digitalkommissar Günther Oettinger auf die Amtsübernahme im Haushaltsressort vor. Der schwäbische Politik war zuletzt unangenehm aufgefallen durch Forderungen, die seinen aktuellen Aufgabenbereich, die digitale Wirtschaft, quasi über Nacht verschwinden lassen würde: Das Verschicken von Links, den Bausteinen des World Wide Web, solle nicht mehr möglich sein. Die Agenda des Digital-Politikers sieht ohnehin so aus, als hätten die Vorstandschefs der deutschen Zeitungsverlage sie gemalt. Diesen liegt der digitale Wandel, wie manch anderer Branche auch, schwer im Magen. Die Politik soll es richten und wenn man den Wandel schon nicht aufhalten kann, dann will man ihn wenigste torpedieren und solang nach hinten rausschieben wie es nur irgend möglich ist.

Hilfe, ein Roboter klaut meinen Job!


Klar ist, dass Deutschland und Europa mit dieser Geisteshaltung in der Welt von morgen nicht weiter werden bestehen können. Das europäische Zeitalter neigt sich einem Ende zu, wenn seine Protagonisten in Brüssel und den Hauptstädten der Union die Einstellung eines Günther Oettinger an den Tag legen. Der Wohlstand Deutschlands beruht auf Vorreitertum in Sachen Technologie. Der Status Quo ist herausgefordert durch den digitalen Wandel: neue Akteure können neu erworbenes Wissen nutzen, um sich vor die Giganten von einst zu setzen und sie zu schlagen. In der Alten Welt herrscht Protektionismus, der das Gewachsene vor den Einfällen des Neuen und Innovativen beschützen soll.


Die Diskussion ist, das war bei Anne Will zu besichtigen, vor allem von Angst geprägt. Die Frage, ob Roboter Arbeitsplätze wegnehmen, ist ohnehin schon falsch, weil reißerisch gestellt. Das Automobil hat die Kutsche und das Pferd ersetzt. Ob da Arbeitsplätze weggebrochen sind. Sicher. Sind neue entstanden? Ja. Nun kann man hier aus der Geschichte lernen und versuchen, genau wie Lobo und Lindner sagen, diesen Wandel durch exzellentes Verstehen zu gestalten. Wie ist es um dieses Ringen um Verstehen bestellt? Nun, in vielen Fällen, in denen in Medien über Künstliche Intelligenz und Roboter gesprochen wird, zeigt die Bildauswahl Arnold Schwarzenegger in seiner Rolle als Terminator, eines Bud Spencer aus Blech mit Stimmungsschwankungen. Passend zur Haltung Günther Oettingers trägt der Untergang Europas das Gesicht Arnold Schwarzenegger. Wenn es um Roboter geht, dann kann doch der Bezugsrahmen für die gesellschaftliche Debatte nicht eine Aktionfilmreihe aus Hollywood sein.


Als Anne Will Christian Lindner vorstellte, da durfte natürlich nicht der Hinweis darauf fehlen, dass er einmal ein Start-Up gegründet hat, was nicht zu einem großen Erfolg wurde. Auch wenn Frau Will meint, dass man auch einmal scheitern dürfe, zeigt die einfache Erwähnung ohne zwingenden Zusammenhang, dass man sich genau das eben in Deutschland immer noch nicht leisten kann. Unternehmerisches Wagnis wird so zum Stigma erklärt. Das ist ebenfalls ein Kennzeichnen verängstigter Gesellschaften. Deutschland wird, wenn die Sendung von Anne Will hier das tatsächliche Diskursniveau des Landes spiegelt, die anstehende Aufgabe nicht meistern können. Im Moment stellt uns kein Roboter ein Bein, sondern wir stellen es uns selber.

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