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Görlachs Gedanken

Wie Angela Merkel den Westen retten kann

Die Wahl von Donald Trump könnte das Ende unserer westlichen Werteordnung bedeuten. Die deutsche Bundeskanzlerin kann das verhindern. Dafür muss sie aber anfangen, sich für die Jugend zu interessieren.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel. Quelle: REUTERS

Angela Merkel, schreibt die New York Times in einem Leitartikel, sei nach dem Wahlsieg von Donald Trump die einzig verbliebene Regierungschefin in der freien Welt, die die Werte des Westens retten kann. Daran ist viel Wahres. Aber was sagt dieser Befund über die freie Welt, wenn es in ihr nur noch einen politischen Repräsentanten gibt, der die Werte des Westens hochhält?

Das Projekt des Westens steht auf der Kippe. Es geht um die Errungenschaften des Humanismus und der Aufklärung. Und noch mehr: In Kern geht es um die Weltordnung, die nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert wurde. Sie steht zur Disposition. Es geht um das, was im Westen (und darüber hinaus) für Freiheit und Wohlstand gesorgt hat: parlamentarische Demokratie, Säkularismus, freier Handel, Reisefreiheit und Sozialstaatlichkeit. In den 70 Jahren, in denen die westliche Ordnung bestand, waren die politischen und die wirtschaftlichen Versprechungen miteinander verknüpft: weil wir in einer parlamentarischen Demokratie leben, geht es uns wirtschaftlich gut. Dieser Zusammenhang klang lange stimmig, er war hingegen aber nie zwingend.

Mit den Jahrzehnten lebten viele Staaten in der uns bekannten Weltordnung auf Pump. Und die Bevölkerungen taten es ihnen nach, allen voran die der Vereinigten Staaten und des Vereinigten Königreiches. In Westdeutschland hielten sich SPD- und CDU-Kanzler mit einem überbordenden Sozialstaat die Armen und Abgehängten vom Leib. Die viel bejubelte Hartz-IV-Reform traf daher die mittlerweile wiedervereinigte deutsche Bevölkerung mental unvorbereitet.

Alexander Görlach ist Affiliate der Harvard University. Quelle: Lars Mensel / The European


Verschuldung des Staates und der Haushalte auf der einen Seite, Sozialstaat und sichere Rente auf der anderen: im globalen Westen hatte man den Eindruck, im Paradies zu leben. Vieles davon aber war auf Pump, das haben uns die letzten zwei Jahrzehnte gelehrt. Das Zeitalter der Globalisierung hat offengelegt, dass die wirtschaftliche Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg nicht nachhaltig ins neue Jahrtausend würden führen können.

Mittlerweile ist eine andere Generation herangewachsen, die so genannten Millennials, die sich daran gewöhnen mussten und müssen, dass es ihnen nicht so gehen wird wie ihren Eltern. Viele erleben das als ungerecht. Nicht etwa, weil sie verwöhnt und weich wären, sondern weil ihre Eltern ihnen diese Überzeugung mitgegeben haben. In der wirtschaftlichen Stärke und Prosperität ist die Bestätigung des politischen Systems, in dem wir leben: deshalb wird es euch (noch) bessergehen als uns. Diese Elterngeneration, die sogenannten Baby-Boomer, kommen mit diesem Wandel noch weniger klar, als ihre Sprösslinge, für die vieles von dem hier beschrieben längst als Macht des faktischen ihr Leben bestimmt. Übrigens in Südeuropa, Spanien und Italien, aber auch in Frankreich, in einer viel schmerzlicheren Weise als bei uns in Deutschland.

Trumps wirtschaftspolitische Pläne

Deswegen rufen viele von diesen Babyboomern heute "Merkel muss weg" oder "Sperrt die Clinton ein". Die Verantwortung für das Auseinanderfallen von politischen und wirtschaftlichen Vorstellungen und Versprechungen der liberalen Demokratie wird von ihnen allein bei der Politik - und deren Vasall, den Medien ("Lügenpresse"), abgeladen. Es wundert mit diesem Befund nicht, dass das Vereinigte Königreich genauso wie die Vereinigten Staaten, in denen Haushaltsverschuldung der Nation und der Privaten so hoch sind, als erste von dieser Welle überrollt werden und zu semi-totalitären Gebilden zu werden drohen.

Sollte Le Pen Erfolg haben, dann Gnade uns Gott

Überrascht sind viele Analysten und Beobachter davon nur deshalb, weil sie die gegenwärtige Krise nicht als Generationenkonflikt begreifen. In Deutschland trägt der Ausbruch dieses Kampfes den Namen Stuttgart21. Damals analysierte die ZEIT sehr scharf, dass die Jungen für den neuen Bahnhof, und die Alten (die ja auch demonstrieren waren) dagegen seien. Der Generationenkonflikt wurde trotzdem nie zu einem Groß-Thema der Politik, nicht in Deutschland, nicht in England und nicht in den USA. Es ist richtig, das Wahlergebnis in den USA mit ungleichen Einkommen oder mit Rassenspannungen zu erklären. Aber diese Analyse ist nicht vollumfänglich. Denn hätten nur die Millennials in den USA oder UK gewählt, gäbe es keinen Brexit und Hillary Clinton wäre nun mit 95 Prozent Präsidentin der Vereinigten Staaten.

Bei allen Verdiensten, rationaler Verständigkeit und Nahbarkeit: das Thema Millennials versus Babyboomer hat Bundeskanzlerin Merkel nicht auf dem Schirm. Sie bildet ja mit etlichen Angehörigen dieser in die Jahre gekommenen Generation seit elf Jahren Regierungen. Das Thema muss aber dringend für den nächsten Bundestagswahlkampf auf die Agenda. Und am besten ruft Angela Merkel gleich die demokratischen Kandidaten in Frankreich an, um mit ihnen diese Erkenntnis zu teilen.

Sollte in unserem Nachbarland Marine Le Pen Regierungschefin werden, dann Gnade uns Gott. Der nächste Bundestagswahlkampf muss sich zentral um die Frage der Generationengerechtigkeit drehen, - vielleicht fangen wir auch klein an mit einer Generationenwahrnehmung. Außerdem müssen wir über die Zukunft des Regierens und Wirtschaftens aus dem Blickwinkel der Millennials sprechen. Nur so können Politisches, Wirtschaftliches und Sozialstaatliches im Rahmen einer liberalen Demokratie wieder zusammenfinden.

Die Beliebtheit von Bernie Sanders im US-Wahlkampf belegt dies und macht Mut: viele Beobachter wunderten sich, wieso dieser komische alte Kauz so beliebt bei den Jungen war. Die Antwort ist klar. Er hat verstanden, so zu denken und zu argumentieren wie sie. Als Angela Merkel dem Blogger LeFloid im Interview gegenübersaß, war das hingegen die Begegnung zweier Welten. Friedlich schon, man hat sich bewundert, vielleicht. Aber ansonsten: desinteressiert.

Angela Merkel ist das letzte Geschütz der liberalen Demokratie im Westen. Deshalb muss sie auch wieder antreten, sonst fliegt hier alles auseinander. Aber ihre Agenda muss anders werden und ihr Personal auch. Sonst übernehmen auch in Deutschland die radikalen Vernichter und Zerstörer.

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