Gröhe und Müller bereisen Ebola-Gebiete Minister ohne Plan

Gesundheitsminister Hermann Gröhe und Entwicklungsminister Gerd Müller reisen heute nach Ghana und Liberia, um dort den Wiederaufbau nach der Ebola-Epidemie zu besprechen. Doch die eigene Hilfe war holprig.

Steinmeier und Gröhe im Evakuierungsflugzeug des Bundes. Quelle: Picture-Alliance/dpa

Walter Lindner gibt sich unberührbar – ganz wörtlich: Der Diplomat mit dem Pferdeschwanz macht allen klar, dass in den von Ebola getroffenen Ländern Westafrikas noch nichts normal ist. Jetzt ist er zum sechsten Mal zurück aus Liberia, Sierra Leone und Guinea. 21 Tage lang schüttelt der 58-Jährige nach seiner Rückkehr niemandem die Hand. Drei Wochen gelten als längste Ansteckungszeit für das oft tödliche Fieber.

Als Sonderbotschafter der Bundesregierung reist Lindner seit Oktober 2014 in die Region, trifft dort Helfer und Freiwillige im Kampf gegen das Virus. Auch wenn kaum mehr darüber berichtet wird – jede Woche infizieren sich 100 bis 150 Menschen in Guinea und Sierra Leone neu.

Fiese Keime
EbolaDie Ausbreitung dieses Filovirus ließ sich in der Vergangenheit durch Isolation der Kranken sehr gut eingrenzen, weil der Erreger nur durch engen Kontakt mit Erkrankten und deren Körperausscheidungen oder Blut weiter gegeben wird. Zudem können Menschen, die sich mit Ebola angesteckt haben, andere erst dann infizieren, wenn sie selbst offensichtlich erkrankt sind. Während der bis zu 21 Tage dauernden sogenannten Inkubationszeit zwischen der Infektion und dem Ausbruch der Krankheit besteht keine Ansteckungsgefahr. Die fadenförmigen Viren befallen vor allem die Fresszellen unter den weißen Blutkörperchen sowie Zellen in der Leber, den Lymphknoten und der Milz. Sie lösen dabei hohes Fieber und Blutungen aus. 60 bis 90 Prozent der Erkrankten sterben innerhalb weniger Tage oder Wochen an diesem hämorrhagischen Fieber. Weil die Seuche so tödlich ist, hat sie sich bisher immer nach wenigen Wochen selbst auslöscht. Weil sie aber auch Tiere befällt, kommt es immer wieder zu Infektionen von Menschen und neuen Epidemien. Quelle: AP
AidsDas Immunschwäche auslösende Virus (Humanes Immundeffizienz Virus, HIV) wird zwar ebenfalls durch Blut und Körperflüssigkeiten vor allem beim Geschlechtsverkehr übertragen, hat aber eine ganz andere Ausbreitungsdynamik. Hier dauert es im Mittel zehn Jahre, bis die Erkrankung offensichtlich wird. Trotzdem kann der Infizierte schon während dieser jahrelangen Inkubationszeit andere Menschen anstecken. Vor allem in den ersten Wochen ist die Ansteckungsgefahr besonders hoch. So hat sich das Aids-Virus, seit es Anfang  der 1980er Jahre vom Affen auf den Menschen übersprang, sehr erfolgreich über die ganze Welt verbreitet. Die Pandemie hat seither etwa 28 Millionen Menschenleben gefordert. Aids kam vor allen in den Anfangsjahren einem Todesurteil gleich. Heute lässt sich das Virus – zumindest in der westlichen Welt – mit einem Dreifach-Cocktail aus zwischenzeitlich entwickelten Medikamenten recht gut unter Kontrolle halten. Auch  die Ausbreitung wurde durch Aufklärung deutlich eingegrenzt: Am wirksamsten ist der Schutz durch Kondome beim Sex. Quelle: Gemeinfrei
Hepatitis BDiese Form der Leberinfektion wird wie Aids vor allem beim Geschlechtsverkehr weitergegeben. Aber auch Piercing, Spritzen oder Blutkonserven sind potenzielle Übertragungswege. Mit über 350 Millionen Infizierten gehört das Hepatitis-B-Virus zum erfolgreichsten Krankheitserreger der Welt. Es ist vor allem in China und Südostasien, dem Nahen Oste und Afrika weit verbreitet. Bei 90 Prozent der Infizierten heilt die Erkrankung aber schnell und vollständig aus – oft sogar ohne die typischen Gelbsucht-Symptome wie Gelbfärbung der Haut oder Gliederschmerzen. Dennoch sind auch diese unerkannten Infizierten anstecken. Und bei jenen zehn Prozent der Betroffenen mit chronischem Verlauf kommt es zu schweren Leberzirrhosen und zum Leberkrebs. Durch eine Impfung konnte das Virus vor allem in der westlichen Welt allerdings drastisch eingedämmt werden. In Deutschland werden seit 1995 alle Neugeborenen gegen Hepatitis B geimpft. Quelle: Gemeinfrei
Hepatitis CAuch dieses Virus wird über Blut und Körperflüssigkeiten weitergegeben. Es befällt wie sein naher Verwandter, das Hepatitis-B-Virus, die Leber und bleibt oftmals unerkannt. Der Anteil chronischer Erkrankungen ist allerdings deutlich höher: Bei etwa einem Drittel der Betroffenen zerstört das Hepatitis-C-Virus (HCV) das Organ. Weltweit sind rund 170 Millionen Menschen mit HCV infiziert, allein 300.000 in Deutschland. Besonders betroffen ist zum Beispiel Ägypten, wo 15 bis 20 Prozent der Menschen das Virus in sich tragen. Auch Nicht-Erkrankte können den Erreger weiter geben. An einer Impfung arbeiten Forscher derzeit – zum Beispiel beim Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und beim  schweizerischen Biotechnik-Unternehmen Okairos, das 2013 vom britischen Pharma- und Impfstoff-Konzern GlaxoSmithKline aufgekauft wurde. Seit Ende vorigen Jahres ist zudem ein sehr wirksames Medikament des kalifornischen Unternehmens Gilead Sciences auf dem Markt, das allerdings wegen seines hohen Preises ebenso hohe Wellen schlägt: Eine einzelne Sovaldi-Pille kostet 700 Euro, die zwölf Wochen dauernde Behandlung schlägt mit gut 60.000 Euro zu Buche. Quelle: Gemeinfrei
InfluenzaAnders als Ebola, Aids oder Hepatitis befallen Grippe- oder Influenza-Viren die Atemwege der Menschen und verbreiten sich beim Husten oder Niesen durch winzige Tröpfchen sehr effektiv über die Luft. Damit ist es sehr schwer, sich vor einer Ansteckung zu schützen – und Infizierte sind bereits eine Ansteckungsgefahr für Mitmenschen, lange bevor sie selbst mit hohem Fieber und Gliederschmerzen schwer krank im Bett liegen. Anders als eine gewöhnliche Erkältung kann eine echte Grippe durchaus lebensbedrohlich sein. Allein in Deutschland fordert die saisonale Wintergrippe jedes Jahr bis zu 15.000 Menschenleben. Vor allem ältere und immun geschwächte Menschen sind gefährdet. Da jedes Jahr andere Grippestämme grassieren, besteht die Schutzimpfung alljährlich aus drei unterschiedlichen Virentypen, die von den Beobachtungsteams der Weltgesundheitsorganisation WHO ausgewählt werden. Quelle: Gemeinfrei
SchweinegrippeDa Influenza-Viren auch Vögel und Schweine befallen, entstehen laufend neue Erregertypen. So brachte zwischen 1918 und 1920 solch ein für den Menschen völlig neuer und besonders virulenter Influenza-Stamm – die sogenannte spanische Grippe – weltweit mindestens 25 Millionen Menschen um. Der Erreger gehörte zum Subtyp A/H1N1, der unter dem Namen Schweinegrippe im Frühjahr 2009 erneut für Aufsehen sorgte. Damals war die Sterblichkeit bei den Erkrankten des zuerst in Amerika auftretenden Erregers extrem hoch. Später zeigte sich jedoch, dass vor allem ältere Menschen teilweise gegen den neuen Schweinegrippe-Erreger immun waren. Die zunächst befürchteten zigmillionen Toten blieben aus. Das Virus hat sich aber inzwischen aber weltweit ausgebreitet und unter die saisonalen Grippeerreger gemischt. Quelle: dpa
VogelgrippeUnter ständiger Beobachtung stehen Influenza-Viren der Subgruppe A/H5N1 und A/H9N7, die bei Geflügelzüchtern verheerende Schäden anrichten und sich auch über wildlebende Zugvögel weltweit verbreiten. Vor allem eine Infektion mit dem H5N1-Typ, der auch unter dem Namen Geflügelpest bekannt ist, endet für Legehennen oder Masttiere wie Enten, Truthähne oder Gänse in der Regel tödlich. Immer wieder springen Vogelgrippe-Erreger vor allem im asiatischen Raum auch auf den Menschen über, was bisher aber nie zur befürchteten Pandemie beim Menschen mit avisierten sieben Millionen Toten führte. Quelle: AP
SARSEin anderer luftgängiges Virus ist ein Ende 2002 erstmals in China beobachtetes  Coronavirus, das das sogenannte schwere akute respiratorische Syndrom (SARS) hervorruft – eine Art Lungenentzündung. Der bisher einzige große SARS-Ausbruch forderte 2002 und 2003 insgesamt knapp 1000 Todesopfer. Quelle: AP
MERSDem SARS-Erreger nah verwandt ist MERS, ein Cornona-Virus, das vor allem im Nahen Osten Probleme macht und das Middle East Respiratory Syndrome hervorruft. Der Erreger wird vor allem von jungen Kamelen auch immer wieder auf den Menschen übertragen. Ein sprunghafter Anstieg der menschlichen Infektionszahlen auf über 500 in diesem Frühjahr beruhte aber offensichtlich auf einer neuen Testmethode, die viel mehr Infizierte dingfest machte als die alte Testmethode. Auch der befürchtete Anstieg von Infektionen beim Menschen während der im Oktober anstehenden Pilgerfahrt nach Mekka, der Haddsch, blieb aus. Quelle: AP
EhecGanz andere Übertragungswege sind für Lebensmittelkeime typisch: Hier stecken sich die Menschen nicht gegenseitig an, sondern sie infizieren sich beim Genuss von Nahrungsmitteln, die mit den Keimen verseucht sind. Besonders gefährlich sind die Vertreter der Gruppe enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC). Unter diesem Namen werden entartete, sonst gutartige Darmbakterien des Stammes Escherichia coli zusammengefasst, die schwerste und oft tödliche Probleme beim Menschen hervorrufen. Hier zerstören Bakteriengifte die Blutzellen und setzen die Niere außer Funktion. Im Frühsommer 2011 brach eine solche EHEC-Epedemie in Norddeutschland aus: 4321 Menschen infizierten sich, 50 von ihnen starben. Zunächst standen Gurken, Tomaten und Salat unter Verdacht. Erst nach wochenlanger Suche kamen die Fahnder der Ursache auf die Spur: Aus Ägypten stammende Samen von Bockshornklee-Sprossen waren mit EHEC verseucht. Sobald die Quelle bekannt war und vor dem Verzehr gewarnt wurde, ebbte die Epidemie wieder ab. Quelle: Gemeinfrei

Lektion gelernt - nur welche?

Am Dienstag nach Ostern fliegen mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) erstmals zwei Minister nach Ghana und Liberia. Ihre Botschaft: Unsere Hilfe gegen Ebola mag holprig und zu verspätet gewesen sein. Aber wir haben unsere Lektion gelernt. Nur welche?

Die Deutschen leiten zurzeit den Industrieländer-Club der G7. Anfang Juni, beim Gipfel im bayrischen Elmau, will die Regierung die Bekämpfung von Epidemien wie Ebola zum Thema machen. Doch bislang zeigt auch sie viel Aktionismus, konkrete Verbesserungen nennt niemand.

Aus Sicht nicht staatlicher Helfer wie der Organisation Ärzte ohne Grenzen hat die Bundesregierung in Westafrika versagt – und kaum daraus gelernt. Der Berliner Arzt Tankred Stöbe, Chef der deutschen Sektion, klagt: „Ich hatte es nicht für möglich gehalten, dass Hilfe aus Deutschland so spät und schleppend anlaufen würde.“

Bestätigte Erkrankungen und Todesfälle durch Ebola

Viel zu spät und unflexibel habe man reagiert. Die Regierung wendete 162 Millionen Euro auf, nicht eben wenig, doch wenig zielgenau. In Guinea, Sierra Leone und Liberia sind offiziell mindestens 25 000 Menschen erkrankt, 10 000 starben. Als erster Infizierter gilt ein Zweijähriger, er erkrankte im Dezember 2013 in einem Dorf im Grenzgebiet der Länder.

Ärzte ohne Grenzen, auf medizinische Nothilfe spezialisiert, machte schon vor einem Jahr auf die Not aufmerksam – bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, aber auch bei Regierungen wie der deutschen. „Hunderte, wenn nicht Tausende Ebola-Tote hätten verhindert werden können, hätte die internationale Staatengemeinschaft früher und umfangreicher reagiert“, ist sich Mediziner Stöbe sicher, der selbst in Sierra Leone gearbeitet hat.

„Wir haben seit März 2014 Alarm geschlagen, dass hier eine tödliche Epidemie außer Kontrolle ist“, so Stöbe. Immer wieder seien seine Leute in die Ministerien eingeladen worden. „Aber es war, als ob wir in die Wüste rufen. Uns wurde interessiert zugehört, aber kaum etwas geschah.“ Die Organisation war mit bis zu 4000 Helfern im Einsatz und bat reiche Länder um Ausrüstung und Mediziner.

Das ist das Ebola-Virus

Ebola schneller als die Hilfe

Aufgewacht sei die Regierung aber erst, als es schien, dass Kranke auch nach Deutschland kommen könnten. „Dann dauerte es noch von September bis November 2014, ehe Kranke in Westafrika mit deutscher Hilfe versorgt werden konnten“, sagt Stöbe.

Bundeswehr und Deutsches Rotes Kreuz bauten dann eine Krankenstation in Liberias Hauptstadt Monrovia auf. Doch als die fertig war, hatten andere Länder bereits ihre Helfer dort, und Monrovia war versorgt – anders als andere Regionen. Stöbe: „Nötig gewesen wäre eine schnellere und flexiblere Hilfe – dort, wo neue Ebola-Infektionsherde gerade ausgemacht werden.“

Die Antwort, was künftig bei großen Gesundheitskrisen besser laufen muss, bleibt die Bundesregierung aber schuldig. Neben den Ministerien von Gröhe und Müller beschäftigten sich auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) mit Ebola. Erst herrschte Untätigkeit, dann Aktionismus. Vieles orientierte sich eher an der Angst der deutschen Bevölkerung vor einer Einschleppung durch Reisende als an der Not in Westafrika.

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