Große Koalition Wie Sigmar Gabriel die Energiewende neu starten könnte

Der SPD-Chef will als Wirtschafts- und Energieminister die größte politische Herausforderung annehmen: die Energiewende gestalten, ohne den Industriestandort Deutschland zu gefährden. In einem WirtschaftsWoche-Interview hatte er schon vor der Wahl Hinweise auf seine Pläne gegeben.

Wo die Energiewende besser funktioniert
Im internationalen Vergleich gibt es kaum ein zweites Land, das sich derart ambitionierte Ziele zur Umstellung seines Energiesystems gesteckt hat wie Deutschland. Daher existiert auch kein Gesamtkonzept, das als Blaupause für die deutsche Energiewende dienen könnte. Dennoch kann Deutschland von anderen Ländern lernen. Eine Studie von McKinsey im Auftrag von Siemens stellt Beispiele aus verschiedenen Ländern vor und zeigt, was davon in welchem Umfang auch in Deutschland erfolgreich umgesetzt werden könnte. Die Fallbeispiele beziehen sich auf die wesentlichen Elemente der deutschen Energiewende entlang der Energiewertschöpfungskette: Stromerzeugung, Verteilung oder Balancierung von Angebot und Nachfrage sowie Steigerung der Energieeffizienz. Quelle: dpa
Dänemark, Niederlande, Brasilien - Versteigerung von WindparksDer Ausbau von Solar und Windkraft wird die Regierung bis 2020 rund 30 Milliarden Euro kosten. Eine Möglichkeit, den Kostenanstieg zu drosseln, wäre eine Anpassung der Förderung, zum Beispiel durch Auktionierung von Windparkprojekten – wie in Brasilien, Dänemark oder den Niederlanden praktiziert. So kann erreicht werden, dass Windparks an windreichen Standorten mit einer geringeren Vergütung auskommen. Würden in Deutschland die infrage kommenden Windparkprojekte in Zukunft versteigert, könnten allein im Jahr 2020 rund 0,7 Milliarden Euro an Förderkosten eingespart werden. Quelle: dpa
China – bessere Nutzung von AbwärmeAbwärme lässt sich bei Temperaturen ab circa 300 Grad Celsius zur Stromerzeugung nutzen. In Deutschland gibt es unter anderem in der Zement- und Glasindustrie weitere Potenziale, die andere Länder beziehungsweise Pilotanlagen in Deutschland bereits nutzen: So wurden in China in den  vergangenen zehn Jahren knapp 30 Zementwerke mit entsprechenden Anlagen ausgestattet oder werden aktuell umgerüstet. Durch Nachrüsten der in Deutschland infrage kommenden Werke könnten hier im Jahr 2020 etwa 2 TWh Strom erzeugt und so eine Megatonne CO2 eingespart werden. Die Investitionen würden sich bereits nach rund drei Jahren amortisieren, so die Autoren der Studie. Quelle: REUTERS
Shanghai – bessere TransformatorenJetzt wird es technisch, aber im Grunde simpel. Transformatoren sind  für die Stromversorgung unverzichtbar, da elektrische Energie nur mittels Hochspannungsleitungen über weite Entfernungen wirtschaftlich sinnvoll transportiert werden kann; der Betrieb von Elektrogeräten ist aber nur mit Nieder- und Kleinspannung praktikabel und sicher. Transformatoren haben einen magnetischen Kern, meist Eisen, man kann aber auch so genannte amorphe Metalle verwenden. Sie haben bessere magnetische Eigenschaften und senken Übertragungsverluste im Netz.  In Shanghai konnten die Leerlaufverluste der ausgetauschten Transformatoren um 80 % reduziert werden konnten. Allein die Ausstattung der in Deutschland bis 2020 neu zu installierenden Transformatoren mit amorphen Kernen könnte die Übertragungsverluste im Stromnetz im Jahr 2020 um 0,2 TWh reduzieren. Dies entspricht der Stromproduktion von circa 65.000 Aufdach-Solaranlagen. Durch die Einsparungen  würden sich die erforderlichen Investitionen nach circa elf Jahren amortisieren. Quelle: dpa
Schweden – mehr WärmepumpenEine Wärmepumpe entzieht zum Beispiel dem Boden oder der Luft unter Aufwendung mechanischer oder elektrischer Energie thermische Energie und stellt diese zur Raumheizung zur Verfügung. Momentan sind in Schweden bei 9,5 Mio. Einwohnern 1 Mio. Wärmepumpen installiert, gegenüber circa  0,5 Mio. Wärmepumpen in Deutschland bei rund 81 Millionen Einwohnern. Der Ausbau zusätzlicher 0,7 Millionen Wärmepumpen in Deutschland bis 2020 würde zu einer Senkung des Primärenergiebedarfs um 18 PJ und zu einer Senkung der CO2-Emissionen um 0,6 Mt für das Jahr 2020 führen. Foto: "Tourismusverband Westschweden Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
USA – Stromnachfrage besser steuernDie Stromerzeugung aus Wind und Sonne schwankt wetterabhängig sehr stark. Das belastet das Netz. Die Schwankungen lassen sich durch eine flexiblere Stromnachfrage ausgleichen. Im Nordosten der USA hat man dazu einen Markt für temporäre Nachfragereduzierung geschaffen. Zu Spitzenzeiten reduzieren Stromkunden ihren Verbrauch freiwillig und erhalten hierfür eine Vergütung. Bei diesem Fallbeispiel wurde die Spitzenlast in einem Markt, der größer als der deutsche ist, um circa 8 % reduziert. Würde Deutschland in ähnlicher Weise allein seine industrielle Nachfrage flexibilisieren, könnten 2020 etwa 0,5 Milliarden Euro eingespart werden. Das entspricht den jährlichen Betriebskosten von zwei großen Kohlekraftwerken. Quelle: AP
Los Angeles – LED-StraßenbeleuchtungInternational hat eine Reihe von Städten den Austausch der klassisch verwendeten Natrium-Hochdrucklampen durch LED s vorangetrieben. In den USA installierte zum Beispiel Los Angeles von 2009 bis 2013 in 146.000 Ampeln und Straßenleuchten mit LED. Mit Investitionen von rund 45 Millionen Euro konnte eine Reduzierung des Stromverbrauchs von rund 60 % erreicht werden. Quelle: Presse

Vielleicht hatte Sigmar Gabriel den Plan für sich selbst schon im Kopf, vielleicht war es auch erst eine lose Gedankenskizze, als er sich wenige Wochen vor der Bundestagswahl mit der WirtschaftsWoche zum Interview in Göttingen traf. Wie die Wahl ausgehen würde, war noch offen. Aber man merkte dem SPD-Vorsitzenden bereits an, wie sehr die Energiewende und ihre desaströsen Folgen ihn umtrieben. Viel mehr jedenfalls als Renten und prekäre Beschäftigung.

Gabriel war bereits einmal Umweltminister, er kennt sich gut aus in diesem Thema. Nun will er in der Neuauflage der großen Koalition als Wirtschafts- und Energieminister die Energiewende selbst zu einem Erfolg führen. Dass die gegenwärtig ausufernde Subventionsmaschine dringend reformiert werden müsste, war Gabriel schon im September klar.

„Wenn die Energiewende nicht komplett neu gestartet und endlich professionell gesteuert wird, stehen wir vor dem größten Deindustrialisierungsprogramm unserer Geschichte“, warnte er. Die Schmerzgrenze für Bürger und Unternehmen sei bei den Strompreisen längst überschritten. „Eine grundlegende Reform des EEG ist seit Jahren überfällig.“

Gabriels Aussagen in der WirtschaftsWoche fanden auch im TV-Kanzlerduell von Angela Merkel und Peer Steinbrück Widerhall. Denn Gabriel stellte die bisherige Überzeugung „Mehr Erneuerbare Energie ist immer gut“ in Frage. Er sagte: „Je mehr, desto besser – das ist falsch.“ Deutschland brauche „ein neues Strommarktdesign, denn das heutige passt nicht zu den erneuerbaren Energien. Statt neue Gaskraftwerke zu bauen, die wir dringend brauchen, werden hochmoderne Gaskraftwerke derzeit stillgelegt.“. Er fügte hinzu: „Und zur Wahrheit gehört auch: Man kann nicht gleichzeitig aus der Atomenergie und der Kohle aussteigen.“ Der SPD-Chef hat ein Herz für das rote Braunkohleland NRW.

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Mit Gabriel könnten mehr Realismus und mehr Sensibilität für die Belastungen der stromintensiven Industrie in die Energiepolitik kommen. Der Ausbau der Erneuerbaren müsse „mit dem Bau konventioneller Kraftwerke und dem Netzausbau abgestimmt werden“. Wenn es jemanden in der SPD gibt, der Prokura hat, auch den Koalitionsvertrag im Konfliktfall in seinem Sinne zu interpretieren, dann der mittlerweile unumstrittene Parteichef, der gerade seine Genossen überzeugend in die schwarz-rote Koalition geführt hat. Eine Energiewende im grünen Sinne darf man von ihm nicht erwarten. Dafür eine, die vor allem die Industrie, Gewerkschaften und Arbeitsplätze im Blick hat. „Wir brauchen einen echten und ernst gemeinten Neustart der Energiewende direkt nach der Bundestagswahl“, hatte Gabriel im Interview gesagt. Nun kann und muss er beweisen, dass er sein Wort halten kann.

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