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Gründe, das Land zu verlassen „In Deutschland soll ich mich dafür entschuldigen, jung und eine Frau zu sein“

Valerie Mocker (31) hat vor gut einem Jahr ein Digitalunternehmen gegründet, das Trainingsprogramme für junge Menschen anbietet, die ambitioniert und aufstiegswillig sind, die führen und Verantwortung tragen wollen – Firmensitz ist Großbritannien. Quelle: Ellie Smith für WirtschaftsWoche

Unternehmerin Valerie Mocker über die unterschiedliche Arbeitskultur in der Bundesrepublik und Großbritannien, falsch verstandene Seniorität – und ihr Verständnis für junge Talente, die Deutschland verlassen wollen.

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Valerie Mocker (31) kennt die deutsche und die britische Arbeitswelt. Früh entdeckte sie für sich: In Deutschland geht es zu langsam voran. Vor gut einem Jahr gründete sie ein Digitalunternehmen, das Trainingsprogramme für junge Menschen anbietet, die ambitioniert und aufstiegswillig sind. Firmensitz ist Großbritannien.

WirtschaftsWoche: Frau Mocker, Sie leben in England, beraten aber die deutsche Regierung und sitzen in Deutschland im Aufsichtsrat von Wikimedia und gemeinwohlorientierten Tech-Start-ups wie Project Together. Welche Unterschiede nehmen Sie beruflich zwischen den beiden Ländern wahr?
Valerie Mocker: Was sich wie ein roter Faden durch meine Erfahrungen zieht: In Deutschland soll ich mich meistens dafür entschuldigen, jung und eine Frau zu sein. In Großbritannien passiert mir das nicht.

Ein Beispiel, bitte: Wie äußert sich das?
Ganz direkt, zum Beispiel wenn ich für meinen damaligen Arbeitgeber Nesta in Deutschland Innovationsprogramme und -fonds verhandelt habe. „Wieso sind Sie denn so jung?“, haben mich meine Gesprächspartner oft gefragt. Was soll ich darauf sagen? Meine Eltern haben mich nicht früher geplant?

Nesta ist ein gemeinnütziger britischer Stiftungsfonds, der mit Geld der staatlichen Lotterie soziale Unternehmen und Innovation fördert. Sie wollten ein ähnliches Konstrukt für Deutschland auf den Weg bringen…
…und wir hatten auch schon privates Funding in Aussicht. Aber nach einiger Zeit haben wir die Pläne wieder eingestellt, als klar wurde, dass in Deutschland ein solcher unabhängiger Fonds wie in Großbritannien nicht möglich ist.

Warum nicht?
Weil es zu viel darum ging, ob das die Regierungsparteien gut aussehen lassen würde und wer welches Pöstchen bekommen könnte. Um zu meinem Punkt von vorhin zurückzukommen: In einer solchen Runde sagte man mir auch, es sei ja eine tolle Sache, dass ich als junge Frau die Verhandlungen führe. Aber ich müsse bitte noch mal mit einem älteren Mann wiederkommen, um alle Involvierten zu überzeugen.

Und in Großbritannien gibt man jungen Menschen, die Verantwortung übernehmen wollen, wirklich mehr Raum?
Ich finde, es gibt dort diese deutsche Erwartungshaltung von Vorgesetzten und überhaupt Älteren nicht, dass man sich als junger Mensch gefälligst hinten anzustellen habe – weil andere schon länger auf eine Beförderung warten. Wenn einem das vermittelt wird, ganz ehrlich: Warum sollten gut ausgebildete Leute nicht ins Ausland gehen? In der englischsprachigen Welt wirst du viel stärker nach deinem Mut, deinen Ideen und deinem Potential beurteilt.

Sie haben vor gut einem Jahr ein Digitalunternehmen gegründet. Das Geschäftsmodell: Trainingsprogramme für junge Leute, um diese auf Führungs-, Vorstands- und Aufsichtsratspositionen vorzubereiten…
…und ein Bekannter hat etwa zur gleichen Zeit in Deutschland gegründet, da konnte ich gut die Unterschiede mitverfolgen. Ich konnte hier zum Beispiel alles digital erledigen und hatte innerhalb von 24 Stunden die Bestätigung, dass meine Firma angemeldet ist. Er hatte in Deutschland viel Papierkram, musste zum Notar und zur Kammer, um das zu erreichen.

Zieht es Sie denn gar nicht in Ihre Heimat zurück?
Das stärkste Argument, nach Deutschland zurückzukommen, wären sicher Kinder – um dann nah bei der Familie zu sein. Aber beruflich passt es für mich an anderen Orten einfach besser. Über digitale Formate und jetzt, wo man langsam wieder normal reisen kann, kann ich ja trotzdem interessante Dinge in Deutschland voranbringen.

Mehr zum Thema: Zehntausende hoch Qualifizierte verlassen jährlich das Land – um die Karriere zu beschleunigen, Spitzenforschung zu betreiben oder der Steuer wegen. Am meisten profitiert, wer den Exit gut vorbereitet.

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