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Gründungsklima „Wir lassen viel zu viel Potenzial liegen“

Quelle: Foto: Getty Images, Illustration: WirtschaftsWoche

Eine neue Studie zeigt: Die Coronapandemie drückt die Stimmung potenzieller Gründer – und Besserung ist derzeit nicht in Sicht. Worauf es jetzt ankommt.

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Die Coronapandemie hat viele der knapp vier Millionen Selbstständigen in Deutschland schwer getroffen. Seit Ausbruch der Coronakrise haben etwa 40 Prozent der befragten Selbstständigen mehr als die Hälfte ihrer Umsätze verloren. Das zeigt eine Umfrage von KfW Research von März dieses Jahres. Befragt wurden meist „junge“ Selbstständige, die erst seit wenigen Jahren am Markt aktiv sind. Zudem mussten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit zwischen April 2020 und Juni 2021 rund 132.000 Selbständige Hartz IV beantragen.

Keine guten Vorzeichen für potenzielle Gründer: Eine neue Studie, die am Mittwoch veröffentlicht wird, bestätigt den Negativtrend. Der „Global Entrepreneurship Monitor“ (GEM) ist die weltweit größte Vergleichsstudie über Gründungsaktivitäten und Rahmenbedingungen für Start-ups. Das Ergebnis für Deutschland: Die Lust zu Gründen ist im vergangenen Jahr stark gesunken.

Die sogenannte Total-Entrepreneurial-Activity-Quote (TEA) fiel 2020 auf 4,8 Prozent. 2019 hatte sie mit 7,6 Prozent noch den besten Wert in den vergangenen 20 Jahren erreicht. Die TEA gibt den Prozentanteil der 18- bis 64-Jährigen an, die während der vergangenen dreieinhalb Jahre ein Unternehmen gegründet haben oder dies aktuell planen. Befragt wurden dazu etwa 3000 Bürger in Deutschland.



Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit nur auf dem drittletzten Platz der 43 teilnehmenden GEM-Länder – weit hinter Ländern wie dem Vereinigten Königreich (7,8 Prozent), den Niederlanden (11,5 Prozent) oder den USA (15,4 Prozent). 

„Die Coronapandemie ist die größte Ursache für den deutlichen Rückgang“, sagt Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Leibniz Universität Hannover und Leiter des deutschen GEM-Länderteams. Auch das RKW-Kompetenzzentrum – eine gemeinnützige Forschungseinrichtung in Eschborn – ist an der Studie beteiligt.

Potenzielle Gründer neigten in unsicheren Zeiten dazu, eine Gründung aufzuschieben oder ganz zu unterlassen – und die sonst benötigten finanziellen Ressourcen lieber zu sparen, erklärt Sternberg. Zudem sei die TEA-Quote 2019 außergewöhnlich hoch gewesen, sodass der Wert auch ohne Corona möglicherweise nicht wieder das Niveau aus dem Vorjahr erreicht hätte.



In den vergangenen neun Jahren schwankte die TEA-Quote in der Tat immer um die Fünf-Prozent-Marke. 2019 lag der Wert mit 7,6 Prozent erstmals überhaupt oberhalb von sechs Prozent.

Besonders auffällig ist das vergleichsweise geringe unternehmerische Selbstbewusstsein hierzulande: Im neuen GEM-Bericht gaben nur 48 Prozent der Befragten in Deutschland an, nach eigener Einschätzung über ausreichende Fähigkeiten und Erfahrungen zu verfügen, um ein Unternehmen zu gründen. Damit liegt Deutschland lediglich auf Platz 24 von 30 einkommensstarken GEM-Ländern. Immerhin ist ein positiver Trend erkennbar: 2017 hatten nur 37,4 Prozent die Frage bejaht.

Schlecht schneidet Deutschland aktuell auch bei der Einschätzung der Gründungschancen ab. Lediglich 36 Prozent der Befragten bejahten das Statement: „In den nächsten sechs Monaten werden sich in der Region, in der Sie leben, gute Möglichkeiten für eine Unternehmensgründung ergeben“. Damit liegt Deutschland nur auf Platz 23 von 30 einkommensstarken GEM-Ländern. 2019 lag dieser Wert noch bei 52 Prozent.



„Wir lassen viel zu viel Potenzial liegen“, sagt Sternberg. Vor allem bei der digitalen Infrastruktur, ein wichtiger Faktor für Start-ups, hinke Deutschland hinterher. „Auf dem Land etwa müssen wir die Netze deutlich stärker ausbauen“, sagt Sternberg.

Angenähert haben sich im Jahresvergleich hingegen die unternehmerischen Geschlechterquoten. Die TEA-Quote der Frauen (4,4 Prozent) liegt im aktuellen Bericht so nah an der TEA-Quote der Männer (5,1 Prozent) wie seit 2008 und 2009 nicht mehr.

Das bedeutet: Im Jahr 2020 gründeten Männer 1,2-mal so häufig ein Unternehmen wie Frauen oder planten 1,2-mal so häufig eine Unternehmensgründung wie Frauen. Damit belegt Deutschland im internationalen Vergleich unter den einkommensstarken GEM-Ländern Platz drei.

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Sternberg warnt vor weiteren coronabedingten Auswirkungen auf die Gründungsaktivitäten in Deutschland: „Die Pandemieeffekte kann aktuell noch niemand quantifizieren. Ein erneuter Lockdown hätte sicher auch für die Gründungsaktivitäten sehr negative Auswirkungen“.

Mittelfristig könne die Gründungsquote aber auf einen höheren einstelligen Wert steigen. Sternberg: „Dafür müssen sich aber einige Rahmenbedingungen in Deutschland deutlich verbessern.“ Dazu zählt zum Beispiel eine bessere gründungsbezogene Ausbildung an Schulen und Hochschulen.

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