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Grüne Kanzlerkandidatin Wie Annalena Baerbocks Ex-Politikprofessor den Hype um sie findet

Ziel: Kanzleramt. Annalena Baerbock tritt als Spitzenkandidatin für die Grünen bei der kommenden Bundestagswahl an. Quelle: imago images

Bei Joachim Betz in Hamburg studierte Annalena Baerbock Politikwissenschaft. Wollte sie damals schon Kanzlerin werden? Und was hält der Professor heute von ihr und dem grünen Umfrage-Höhenflug?

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Joachim Betz ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Uni Hamburg und forscht am German Institute of Global and Area Studies. 

WirtschaftsWoche: Herr Professor Betz, vor rund zwanzig Jahren besuchte die Studentin Annalena Baerbock bei Ihnen den Kurs „Einführung in die Politikwissenschaft“. Sie ahnen, was jetzt kommt: Wollte sie schon damals Bundeskanzlerin werden?
Ich kann mich jedenfalls sehr gut an diesen Kurs erinnern, weil er zu den besten gehörte, die ich je unterrichtet habe. Er erstreckte sich über zwei Semester, wir haben darüber hinaus Studien-Wochenenden in Berlin und an der Nordsee verbracht, es war eine sehr intensive Zeit mit engagierten, lebhaften Studentinnen und Studenten. Und was die Bundeskanzlerin angeht…

…ja?
Zu Beginn der allerersten Vorlesung habe ich an die Tafel geschrieben: „Ich studiere Politikwissenschaft, weil ich Bundeskanzler werden will“. Da wurde erstmal herzlich gelacht. Und dann haben wir angefangen, darüber zu diskutieren, warum und wozu man dieses Fach denn ansonsten studiert. Nur ein einziger damals wollte übrigens wirklich Kanzler werden, ein kurdischer Student.

Wie erinnern Sie die Studentin Baerbock?
Sie war nicht die Beste, aber sie gehörte zu den Besten, war auch immer eine der Aktivsten. Ein Energiebündel. Wann immer es etwas zu organisieren gab, hat sie es in die Hand genommen. Zum Abschluss unseres Kurses bekam ich zum Abschied Rotwein und eine kleine Rede geschenkt. Diese Rede hat Annalena Baerbock gehalten.

Wie viel von der Studentin erkennen Sie heute noch wieder?
Eine Menge. Soweit ich das beurteilen kann, ist sie immer noch der sehr zupackende, pragmatische Typ, als den ich sie kennen gelernt habe.

Im heraufziehenden Wahlkampf wird ihr nun vorgehalten, keinerlei Regierungserfahrung zu besitzen. Was sagt der Politologe dazu?
Ich halte dieses Argument für wenig belastbar. Als Politiker müssen sie vor allem Mehrheiten und Akzeptanz schaffen. Natürlich brauchen sie auch einen Apparat, den sie im Griff haben sollten und der ihnen reibungslos zuarbeitet. Aber ich glaube, ihr vermittelndes Talent und ihr Pragmatismus sind die entscheidenden Eigenschaften. Politiker sind selten selbst die klugen Vordenker, im besten Fall nutzen sie ihre verliehene Macht, um die Ideen dieser Vordenker umzusetzen. Und das könnte sie bestimmt.



Wie bewerten Sie die Umfrage-Höhenflüge der Grünen?
Mit aller gebotenen Vorsicht. Erinnern Sie sich nur an Martin Schulz: So ein Hype kann schnell vorbei sein. Und ohne Zweifel werden auch ihre Beliebtheitswerte gerade von der Beliebtheit der Partei beflügelt. Das kann sich alles als überaus flüchtig erweisen.

Wenn Sie Baerbock heute wieder treffen würden: Was würde der Politikprofessor die heutige Kanzlerkandidatin fragen?
Eher persönliches, ihre politischen Ziele kenne ich ja.

Zum Beispiel?
Mich würde interessieren, ob sich ihre Überzeugungen durch die Politik verändert haben. Oder ob sie manchmal frustriert ist von den Kompromissen und Zwängen praktischer Politik. Und ich würde ihr gern sagen, dass mich ihre strategische Zielstrebigkeit durchaus erstaunt.

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Wie meinen Sie das?
Nehmen Sie Ihr Engagement im Landesverband Brandenburg ab 2008. Sie hätte auch bei den Hamburger Grünen in Eimsbüttel starten können, das wäre wohl der klassische Weg für eine ehemalige Studentin aus dem Schanzenviertel. Aber dort wäre sie eine von Tausenden gewesen – in Brandenburg nicht. Das war die Rampe für ihren Parteiaufstieg.

Mehr zum Thema: Für die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wird das Private politisch – und vielleicht noch heikel. Ihre Partei will Lobbyismus stärker regulieren. Und ausgerechnet ihr Mann arbeitet als Lobbyist bei der Deutschen Post.

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