WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Grüne Regierung Süddeutsche Unternehmer im Zwiespalt

Katastrophe, Normalität oder Chance zum Neuanfang? Wie Unternehmer den Machtwechsel in Baden-Württemberg erleben. Eine Erkundungstour im Musterland des Mittelstandes.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Markus Rudolph Quelle: Martin Wagenhahn für WirtschaftsWoche

So sehen Transportunternehmer in Filmen aus: groß, kräftige Unterarme, die blonden Haare raspelkurz, offenes Hemd. Dieser Mann hat anpacken gelernt. Nach der Bundeswehrzeit kaufte Markus Rudolph, damals gerade 22 Jahre alt, sich einen alten VW-Bus und fuhr als Lohnunternehmer im Auftrag von Luftfrachtspeditionen. Heute, 27 Jahre später, beschäftigt Rudolph 100 Mitarbeiter. 40 Laster rollen für die Firma Rudolph Trucking & Handling, erledigen meist Transporte von und zu den Flughäfen München, Frankfurt, Stuttgart oder Frankfurt-Hahn.

In seinem Büro im Frachtzentrum des Stuttgarter Flughafens am Rande des Rollfeldes wirkt Rudolph, als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Die Geschäfte laufen gut, sehr gut sogar. Die Wirtschaftskrise, während der auch Rudolph Kurzarbeit anmelden musste, ist längst verdaut.

Doch jetzt treibt den Gründer die Frage um, warum bloß die Bürger seines Landes „eine derart erfolgreiche Regierung“ abgewählt haben. Die niedrigste Jugendarbeitslosigkeit in Europa, die allgemeine Arbeitslosenquote bei nur vier Prozent, Spitzenwerte beim Schulvergleich und dann die Abwahl – Rudolph versteht die Welt nicht mehr. „Es kann doch nicht alles falsch gewesen sein“, sagt Rudolph, „die CDU hat Baden-Württemberg doch schließlich zum führenden Wirtschaftsstandort in Europa gemacht.“ Und er fragt sich als Logistikunternehmer, ob die kommende Regierung das Straßennetz noch mehr vernachlässigen wird als die noch amtierende Landesspitze.

Musterland auf Abstiegskurs?

Seit der Wahl vom 27. März, die einen Schlusspunkt hinter 58 Jahren ununterbrochener CDU-Regierung setzte, stellen sich in dem Bundesland, das wie kaum ein anderes von blühenden Familienbetrieben geprägt ist, etliche Unternehmer diese Fragen. Wieso dieser Machtwechsel? Droht dem Musterland jetzt ein schleichender Abstieg?

Rund 60 Kilometer nördlich von Rudolphs Büro am Stuttgarter Flughafen sieht die Welt anders aus. Eigentlich sollten hier, in der Region Heilbronn-Franken, die Kritiker der neuen Regierung besonders bissig sein. Hier sind die wohl erfolgreichsten Mittelständler der Welt zu Hause, nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Weltmarktführer auf engstem Raum. Unternehmen wie die Schraubenhändler Würth und Berner sitzen hier. Mustang-Jeans werden hier genäht, Kaco baut Wechselrichterhersteller für Solaranlagen und Klafs Saunen aller Art.

Geteilte Meinung zu Grün-Rot

Doch über die neue Regierung im Ländle gehen die Meinungen der Unternehmer in den malerischen Städtchen wie Schwäbisch Hall, Künzelsau oder Öhringen auseinander. „Der Wirtschaftsstandort wird nicht leiden“, wiegelt Reinhold Würth, Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrats der Würth-Gruppe aus Künzelsau, ab. Die Parteivorsitzenden seien schließlich loyale Baden-Württemberger und würden, ihrem Versprechen folgend, die Bürgergesellschaft pflegen und weiterbauen.

Auffallend viele Parteigänger der alten Regierung wollen sich äußern – auch aus Unternehmen, die sich wegen ihres Produktportfolios vor Rache nicht fürchten müssen. Selbst die Kritiker in der Musterregion schlagen eher vorsichtige Töne an. „Ich bin gespannt, ob Grün-Rot es schafft, den bisherigen Erfolgskurs für unser Land fortzusetzen“, sagt der Unternehmer Heiner Sefranek von Mustang aus Künzelsau. Auch der Chef des ebenfalls in Künzelsau ansässigen Würth-Konkurrenten Berner, Jörn Werner, will die Neuen an ihren Taten messen: „Die Zeit des Redens in der Opposition ist jetzt vorbei.“

Rudolf Bühler Quelle: PR

Walter Döring aus der Nachbarstadt Schwäbisch Hall ist in der Wirtschaft des Landes verdrahtet wie kaum ein anderer. Der Unternehmensberater und mehrfache Aufsichtsrat war acht Jahre lang Wirtschaftsminister in Stuttgart. Über das begrenzte Erschrecken im Mittelstand wundert sich das FDP-Mitglied nicht. „Es hat im Land einen Mentalitätswechsel gegeben“, sagt Döring, „und den hat die Regierung ignoriert.“ Grüne Ideen seien in der Mitte der Gesellschaft angekommen – auch durch die konservative Attitüde des Vormanns der Landesgrünen, Winfried Kretschmann. „Die Unternehmer selbst wählen nach wie vor liberal oder konservativ, aber die Gattinnen und Kinder oft grün.“

Das Klientel der Grünen sei wie die grüne Landespartei wertkonservativ. „Das sind Bürgerliche, die wollen gute Landschaft, gutes Essen“, sagt Döring, „aber auch ein schönes Auto.“ Es sei ein Kardinalfehler des scheidenden Ministerpräsidenten gewesen, diese Gruppe in die extreme Ecke zu stellen. Hinzu komme: „Etwa ein Viertel der deutschen Umweltbranche sitzt in Baden-Württemberg.“

Barocker Patriarch

Eines der Unternehmen, in deren Aufsichtsrat Döring amtiert, ist die Besh, eine Agrargruppe mit acht Gesellschaften, darunter zwei Aktiengesellschaften, und einem Umsatz von mehr als 90 Millionen Euro. Herrscher über den Landkonzern ist Rudolf Bühler, ein barocker Patriarch, der auf dem Bauernhof residiert, den seine Familie in der 14. Generation bewirtschaftet. Zu Bühlers Reich gehören ein Schlachthof, fünf Biomärkte, Beteiligungen an ökologischen Energieversorgern.

Bühler steht immer unter Strom, ist in vielen Projekten – unternehmerischen wie gemeinnützigen – gleichzeitig engagiert. „Das muss ich alles noch unterschreiben“, sagt er und deutet auf einen Tisch voller Akten, der neben seinem ohnehin überquellenden Schreibtisch steht. Gerade kommt er von einer Sitzung zur Gründung einer Gastankstelle, die ihr Gas aus Agrarabfällen produzieren will.

Behinderungen für Öko-Betriebe

Bühler war lange CDU-Mitglied, dann für die Grünen im Kreistag. Später überwarf er sich mit der Partei. Dennoch freut er sich über den Wechsel. „Die bisherige Landesregierung hat die Biolandwirtschaft nicht gemocht und uns behindert, wo sie nur konnte“, sagt Bühler. Zugesagte Zuschüsse seien zusammengestrichen worden, auf Messen und Ausstellungen seien Regierungsmitglieder demonstrativ den Ständen der Besh ferngeblieben. „Wir können auch ohne Politik unsere Projekte gestalten, aber es ist gut, dass die ausgetauscht wurden“, schimpft Bühler.

Beim Schimpfen belässt es der Chef des Wechselrichterherstellers Kaco, Ralf Hofmann, nicht. Der Unternehmer, dessen Firma mit dem Solarstromboom groß wurde, lud Grünen-Vormann Kretschmann zu einem Auftritt auf dem Werksgelände ein und wurde deshalb vom CDU-Landtagsabgeordneten seines Wahlkreises wegen Wählernötigung angezeigt.

Ralf Hofmann Quelle: PR

Ursprünglich war der Neckarsulmer Unternehmer CDU-Anhänger. „Habe immer CDU gewählt, immer, immer“, betont der drahtige 49-Jährige. Das Tischtuch zwischen Hofmann und den Schwarzen sei zerschnitten, seit Ministerpräsident Stefan Mappus ihn bei einem Firmenbesuch zum Bau einer 30 Millionen teuren Werkhalle erst ermuntert habe („Bestellen Sie die Bagger!“). Er habe sich dann aber bei den Verhandlungen über die Kürzung der Zuschüsse für erneuerbare Energien nicht hinter das Unternehmen gestellt und sich schließlich noch als Befürworter der Verlängerung der Laufzeiten von AKWs hervorgetan. „Der hat uns das Messer in den Rücken gestoßen“, erregt sich der studierte Elektroingenieur.

Hat Hofmann keine Angst vor grünen Spinnereien? „Ach was, wir sind hier nicht Berlin“, winkt Hofmann ab, „die Grünen sind hierzulande Realos.“ Und Kretschmanns Bemerkung, weniger Auto sei besser als mehr? Was soll schlimm sein, der Mann hat recht, sagt Hofmann. Der Unternehmer ärgert sich über Mitarbeiter, die drei Kilometer vom Werk entfernt wohnten und dennoch mit dem Auto kommen. „Ich musste für 2,5 Millionen Euro ein Parkhaus bauen“, sagt er.

Wut auf die Bildungspolitik

Er selbst bewältigt fast jeden Tag die fünf Kilometer zwischen seinem Wohnhaus und dem Unternehmen mit dem Elektrofahrrad. Doch führt er auch stolz seinen Tesla-Zweisitzer vor. Der Elektrowagen beschleunigt in weniger als vier Sekunden auf 100 Kilometer pro Stunde. Hofmann: "Es gibt nichts Schöneres als Porsche-Fahrer beim Anfahren an der Ampel hinter sich zu lassen.“

Bei einem Punkt wird der Unternehmer wütend: der Bildungspolitik. Die Grünen plädieren für die sogenannte Gemeinschaftsschule, bei der Kinder bis zum zehnten Schuljahr gemeinsam lernen. Die Einrichtung ist zwar freiwillig, doch befürchten viele bürgerliche Eltern, dass damit Gymnasien und Realschulen geschwächt werden. „Das ist ein verrücktes Projekt“, sagt Hofmann, „ich werde mit allen erlaubten Mitteln dagegen kämpfen.“

Nicht so heiss gegessen

Im Stillen hofft er, die grün-rote Regierung werde die Pläne gar nicht oder nur teilweise umsetzen. So wie viele Skeptiker aus der Unternehmerschaft hoffen, auch für diese Regierung gelte die Regel, dass nicht so heiß gegessen wie gekocht wird.

Zum Beispiel Helmut Hilzinger, Geschäftsführer des Fenster- und Türenbauers Hilzinger aus dem badischen Willstätt. „Viel Spielraum hat die neue Regierung ohnehin nicht“, meint der Chef des 800-Personen-Unternehmens. Ihm bleibt schleierhaft, warum die Mappus-Administration trotz ihrer guten Bilanz abgewählt wurde. Ein Trost bleibt dem Fensterbauer: „Die neue Regierung wird schnell lernen, dass das Geld nicht aus den Sozialämtern kommt, sondern aus der Wirtschaft.“ 

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%