Gutachten Die schlimmsten Mängel im Gesundheitswesen

Das deutsche Gesundheitswesen ist alles - außer perfekt. Das legt der Sachverständigenrat in seinem neuen Gutachten offen. Woran es konkret hapert.

Die hartnäckigsten Gesundheitsmythen
Eine junge Frau putzt sich mit einem Papiertaschentuch die Nase Quelle: dpa
Mann mit Rückenschmerzen sitzt im Büro Quelle: obs
In einer Zahnarztpraxis werden die Zähne eines Jungen untersucht Quelle: dpa
Ein Fieberthermometer liegt auf verschiedenen Arten und Formen von Tabletten Quelle: dpa
Ein Mann zieht an seinem Finger und erzeugt ein Knackgeräusch. Quelle: dpa
Angela Merkel hält ein Schnapsglas in der hand Quelle: AP
Ein Junge steht unter einer Dusche Quelle: dpa

Ärztemangel, Praxisschwemme und ein Mangel an Landärzten - die Probleme des deutschen Gesundheitswesens sind zahlreich. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) zeigt in seiner neuen Analyse, wo es überall hapert.

Im Zentrum des Gutachtens steht die Gewährleistung einer bedarfsgerechten Versorgung in ländlichen Regionen und in ausgewählten Leistungsbereichen. "Die bisherigen Maßnahmen sind bei weitem nicht ausreichend, um einer sich abzeichnenden Unterversorgung in strukturschwachen, ländlichen Regionen entgegenzuwirken", sagte Ferdinand Gerlach, der Vorsitzende des SVR.

So empfehlen die Gesundheitsweisen einen Vergütungszuschlag für Landärzte von bis zu 50 Prozent. Dadurch soll dem Mangel an Ärzten auf dem Land vorgebeugt werden. In Ballungsräumen, in denen oft ein Arztüberschuss herrscht, sollen gleichzeitig Arztpraxen geschlossen werden. Ein Vorschlag, der auf heftige Kritik stoßen dürfte.

Erheblichen Nachholbedarf sieht der Sachverständigenrat auch bei der Versorgung mit Medizinprodukten. Vor allem Produkte mit erhöhtem oder hohem Risikopotential wie Gefäßprothesen, Herzklappen oder Brustimplantate sollen in Zukunft europaweit zentral und unabhängig zugelassen werden. "Wir haben in Deutschland und der EU gegenüber den USA und auch im Vergleich zur Zulassung von Arzneimitteln eindeutig Nachholbedarf", sagte Ratsmitglied Eberhard Wille. Außerdem soll eine neue Plattform eingerichtet werden, auf der Ärzte und Patienten medizinproduktrelevante Daten abrufen können.

Längst überfällig ist laut des Sachverständigenrats auch eine grundlegende Reform der Apothekerhonorierung. Dazu fordert er die Einführung von Handelsspannen, die die Apotheken individuell anpassen können, in Abhängigkeit von ihrer Kostenstrukturen und ihren Gewinnvorstellungen. Dadurch entstünde vor allem in Gebieten mit vielen Apotheken ein Preiswettbewerb, der es attraktiver machen soll, Apotheken in schwach besetzten Gebieten und auf dem Land zu eröffnen.

Die häufigsten Todesursachen in Deutschland
Im Jahr 2013 verstarben in Deutschland insgesamt 893.825 Menschen, davon 429.645 Männer und 464.180 Frauen. Wie das Statistische Bundesamt mitteilt, ist damit die Zahl der Todesfälle gegenüber dem Vorjahr um 2,8 Prozent angestiegen. Durch einen Suizid beendeten 10.076 Menschen ihr Leben, wobei der Anteil der Männer mit 73,9 Prozent fast dreimal so hoch war wie der Anteil der Frauen mit 26,1 Prozent. Quelle: dpa
In 10.842 Fällen (4 972 Männer und 5 870 Frauen) war ein Sturz die Ursache für den Tod. Quelle: dpa
Bestimmte infektiöse und parasitäre Krankheiten waren für 18.475 Sterbefälle verantwortlich. Quelle: dpa
3,8 Prozent aller Todesfälle waren auf eine nicht natürliche Todesursache wie zum Beispiel eine Verletzung, einen Unfall oder eine Vergiftung zurückzuführen (34.133 Sterbefälle). Quelle: dpa
Eine deutliche Zunahme um 16,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ist bei den Psychischen und Verhaltensstörungen festzustellen. Hieran verstarben 2013 insgesamt 36.117 Menschen, davon 14.241 Männer und 21.876 Frauen. In 80 Prozent dieser Sterbefälle war eine Demenzerkrankung die Todesursache. Quelle: dpa
Die Zahl der Sterbefälle infolge von Krankheiten des Verdauungssystems betrug im vergangenen Jahr 40.112. Das entspricht einer Rate von 4,5 Prozent. Quelle: dpa
Mann packt scih an die Brust Quelle: dpa

Der Hauptkritikpunkt der Analyse liegt in der Verteilung der ärztlichen Versorgung. 90 Prozent aller Facharztabschlüsse erfolge in Spezialbereichen und nur noch knapp 10 Prozent im Bereich Innere und Allgemeinmedizin, kritisiert der Rat. Reformbedürftig sei auch die Fehlverteilung der Kapazitäten zwischen ländlichen und städtischen Regionen.

Der SVR empfiehlt daher Maßnahmen wie den Aufkauf von freien Arztsitzen in Ballungsgebieten durch kassenärztliche Vereinigungen. Ebenfalls eine Option wären stärkere finanzielle Anreize durch Übergangszahlungen, um es den Krankenhäusern zu erleichtern, sich aus Geschäftsfeldern zurückzuziehen, in denen sie weder genug Personal haben noch ausreichend hochwertige Behandlungen anbieten können.

Das Ziel ist klar: Spezialisierte und somit kompliziertere medizinische Leistungen sollen nur noch in Krankenhäusern erbracht werden, die die gebotene Qualität sicherstellen können. Der Anteil defizitärer Krankenhäuser, die vor allem in strukturschwachen, ländlichen Regionen zu finden sind, soll dadurch reduziert werden.

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