Habeck-Reise nach Katar und Abu Dhabi Tausendundeine Gegenmacht

Keine Zeit zu verlieren: Robert Habeck auf heikler Mission in Katar. Quelle: dpa

Robert Habecks heikle Mission am Golf: Der Wirtschaftsminister sucht nach neuen, langfristigen Energiepartnern. Aber vor allem muss er Deutschland vom russischen Gas lösen. Schnell. Der wirtschaftspolitische Intellektuelle Robert und Habeck, der Handelsreisende der deutschen Wirtschaft, lernen einander gerade per Speeddating kennen.

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Die Anti-Putin-Expedition beginnt mit einer ausgebeulten Sporttasche von Northface. Robert Habeck trägt sie wie einen schweren Seesack über seiner rechten Schulter, als er am Samstagmorgen, acht Uhr dreißig, aufs Rollfeld stapft. Die Tasche landet schnell und ruppig auf dem Asphalt der BER-Piste. Habeck nimmt Haltung an. Deutschland müsse sich „unabhängiger von fossilen Energien machen“, sagt der Bundeswirtschaftsminister, „breiter aufstellen“.

Hinter ihm wartet abflugbereit der Regierungs-Airbus „Kurt Schumacher“, vor ihm eine heikle und komplizierte Reise. Oder wie Habeck es formuliert: „Wir operieren hier im Offenen.“ Das kann man wohl sagen. Erst Katar, dann Abu Dhabi, ein kurzer Abstecher nach Dubai: Drei vollgepackte Tage knapp 5000 Flugkilometer entfernt von Berlin, mit ständig wechselnder Tagesordnung und Taktung liegen da noch vor ihm. Aus Norwegen ist er gerade erst zurückgekehrt, auch mit der kanadischen Regierung hat jüngst erst intensiv gesprochen.

Habeck absolviert gerade Hochfrequenzdiplomatie, eine Mischung aus akuter Krisenmission und strategischer Energie- und Außenwirtschaftspolitik. Seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist das alles nicht mehr voneinander zu trennen. Binnen weniger Tage haben Habecks Mitarbeiter diese Reise an den Golf organisiert; eingeplant war sie, das schon, aber nicht jetzt, nicht so schnell. Putin verändert alles – insbesondere das Kalkül und die Risikobewertung der deutschen Energiepolitik. Zeitenwende eben.

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Auf billiges Pipeline-Gas aus Russland, obwohl es auch drei Wochen nach Beginn der Invasion weiter fließt, will Deutschland so schnell wie möglich und so weit wie möglich verzichten. Auch auf Öl und Kohle. Jede Beziehung zu Wladimir Putins Russland gilt jetzt als hochgradig toxisch. In Berlin stapelt deshalb die Ampel, stapelt Habeck als Ressortchef gerade ein Maßnahmenpaket auf das andere, Gasreserven, Heizkostenzuschüsse, EEG-Reform, Wasserstoffoffensiven, über einen Tankrabatt streiten sie gerade noch in der Koalition.

Über die KfW-Bank finanziert der Bund nun sogar ein Terminal zum Import von Flüssigerdgas (LNG) in Brunsbüttel mit, ein weiteres entsteht in Wilhelmshaven. Plötzlich geht, was jahrelang als unwirtschaftlich und unnötig galt. Versicherung ist das Wort der Stunde. Eine Versicherung gegen einen Ex-Partner im Kreml, der nun Bomben über einem europäischen Nachbarland regnen lässt. Nicht zuletzt, um hierfür den Einkauf des nötigen Rohstoffs anzuschieben und politisch zu flankieren, ist Habeck ins Flugzeug gestiegen.

Habeck: „Der Wirtschaft Räume öffnen und eine Richtung zeigen“

Er geht nicht, er eilt. Sonntagmorgen, „Four Seasons“ Doha, ein Konferenzraum. Das morgendliche Gespräch mit dem katarischen Wirtschaftsminister ist gerade vorbei, neben ihm folgt der deutsche Botschafter. Wenn der Anruf des Emirs von Katar kommt, müssen beide sofort weiter. Ja, er wandle hier auf schwankendem Boden, sagt Habeck, aber er nehme eine „große Aufgeschlossenheit“ wahr. Das sei „kein ganz schlechter Auftakt“ gewesen.

Er verstehe sich hier als „Türöffner“. Aber eben nicht nur. „Der Wirtschaft Räume öffnen und eine Richtung zeigen“ nennt Habeck das. Konkret: Der Gast aus Deutschland spricht nicht nur offen den ökonomischen Mehrwert von Arbeitnehmerrechten an, trifft den örtlichen Vertreter der International Labour Organization; er registriert auch, dass jenseits von LNG-Deals offenbar ein gewisses Interesse an deutschem Know-how in Sachen Energieeffizienz, Mobilität, Gesundheitstechnik besteht.



Ein schöner Nebeneffekt: Seine Anwesenheit bekommt so weniger den Anschein einer hektischen, gar panischen Partnersuche in Zeiten des Krieges. Der wirtschaftspolitische Intellektuelle Robert und Habeck, der Handelsreisende der deutschen Wirtschaft, lernen einander gerade per Speeddating kennen.

Merz: „Vielleicht waren wir zu zurückhaltend mit Blick auf Katar“

Auf katarischer Seite wird jedenfalls genau registriert, wie hochrangig die Wirtschaftsdelegation ist, die ihn begleitet. RWE-Chef Markus Krebber ist dabei, Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz, Bayer-Boss Werner Baumann, dazu die Chefs von Aurubis und Commerzbank und zahlreiche Vorständinnen und Vorstände von SAP, Deutscher Bank, Evonik, E.On sowie einige innovative Mittelständler.

Der Minister wirke „sehr wirtschaftsorientiert, sorgt für Kontakte und dafür, dass das Eis gebrochen wird“, lobt Thyssenkrupp-Chefin Merz. Sie ist nicht die Einzige. Der Minister mache am meisten Meter, sagt ein anderer Delegationsteilnehmer, würde Leute „connecten“, wo immer er könne. Merz ist es aber auch, die hinzufügt: „Vielleicht waren wir in der Vergangenheit zu zurückhaltend mit Blick auf Katar.“

Die Offensive, auch das gehört zum Bild, kommt tatsächlich spät. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gleich zweimal seine Reise ins Land und die Region ab, zuletzt Anfang März. Die Gründe (erst Corona, dann Krieg) wurden vor Ort verstanden, aber auch sehr genau registriert. Zuletzt war Heiko Maas als Außenminister im Land.

Wirtschaftskontakte? Hat es einige Zeit nicht gegeben. Zumal die Katarer, die auf einem der größten Gasvorkommen der Welt sitzen, an viele Abnehmer, gerade in Asien, langfristig gebunden sind. Auf Deutschland haben sie hier nicht unbedingt gewartet. Die Energiezukunft der Welt werde mit Gas befeuert, so denken sie hier. Es geht also nicht nur um Geld, sondern um etwas, das hier mindestens so wertvoll ist: Wertschätzung.

Immerhin: Schon wenige Stunden später am Sonntagmittag scheint die arabische Sonne auf den Besuch aus Deutschland. Auch im übertragenen Sinne. Im Gespräch mit dem Emir von Katar, der den deutschen Vizekanzler damit protokollarisch deutlich aufwertet, habe er eine langfristige Energiepartnerschaft „fest vereinbart“, verkündet Habeck. Planbarkeit, Verlässlichkeit, alle das sei den Katarern wichtig, fügt er sichtlich zufrieden hinzu. Später wird er erzählen, dass mit dem Emir tatsächlich so etwas wie vertrautes Frotzeln möglich war. Dem Fußball sei Dank.

Ob das nun ein Meilenstein ist? „Der Weg besteht aus sehr vielen Meilensteinen“, antwortet Habeck. Und nein, zu konkreten Liefermengen oder dem Zeitrahmen könne noch nichts sagen; von den ausführenden Unternehmen unterschrieben – das unterstreicht später auch jemand aus dem Ministerium – sei ja noch nichts.

Habeck hat sich für einen kurzen Moment politisch entlastet, mehr noch nicht. Das Projekt „Tausendundeine Gegenmacht“ fängt erst an.

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