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Hambacher Forst Kohleausstieg: Wir brauchen eine andere Streitkultur!

Hambacher Forst: Warum wir eine andere Streitkultur brauchen Quelle: dpa

Wer über den Hambacher Forst streitet, darf die Lausitz nicht vergessen. Und wer die Energiewende will, muss trotzdem auf den Preis achten, den Wirtschaft und Bürger dafür zahlen werden. Ein Appell zur Mäßigung.

Für ein Land, das bereits vor fast zwei Jahrzenten in die Energiewende einstieg und längst ein Ende der Atomkraft besiegelt hat, blickt die Republik auf den Hambacher Forst gerade mit einer seltsamen aggressiven Fiebrigkeit. Mehr noch: die Auseinandersetzung um dessen Rodung hat vor Ort eine Schärfe und Unerbittlichkeit bekommen, die bedrohlich und befremdlich ist.

Der zutiefst bedauerliche Tod eines Journalisten im Forst, so kann man nur hoffen, muss nun wenigstens für die Mäßigung und Einkehr sorgen, die alle Beteiligten längst auch ohne dieses Unglück hätten an den Tag legen sollen.

Vielleicht helfen bei dieser Beruhigungsübung einige abkühlende Vorüberlegungen.

Erstens: Die Energiewende ist alternativlos, denn es gibt weder eine gesellschaftliche noch eine politische Mehrheit mehr für die Atomkraft.

Zweitens: Wer diese Energiewende ernsthaft will, muss langfristig auf Kohlekraft und damit auch auf den Tagebau verzichten.

Drittens: Wie und wann dieser Ausstieg vollzogen werden soll, sind Fragen, die zu allererst Menschen betreffen. Klimaziele und -abkommen sind unverzichtbar zur politischen Bindung und Verpflichtung, aber sie stehen nicht über den Schicksalen der Bürger. Oder, um es pathetisch ausdrücken: über ihrer Würde.

Für alle Seiten - hier Industrie und Kohleverfechter, dort die ökologische Bewegung und die Erneuerbare-Energien-Branche – bedeutete diese Lage zuallererst: Abrüstung, Gesprächsbereitschaft, Kompromissfähigkeit. Anders gesagt: die Bereitschaft, sich Fragen zu stellen und unangenehme Antworten zuzulassen.
Also: Muss RWE auf sein Eigentumsrecht pochen und den Hambacher Forst tatsächlich roden? Wahrscheinlich nicht. Die Kohle, die allein im dortigen Revier noch gefördert werden könnte, wird mutmaßlich nicht mehr gebraucht.

Muss die Öko-Lobby wiederum akzeptieren, dass Kohlestrom noch weit über das Jahr 2030 ein Teil der deutschen Energieversorgung sein wird? Sicherlich ja. Die Energiewende, vor allem der Netzausbau, kommen nicht genügend voran. Und die Strompreise können nicht immer weiter steigen.

Vor allem aber: Die gesellschaftlich-wirtschaftlichen Kollateralschäden wären sonst unübersehbar. Und hier rächt es sich, wenn der Blick auf den Hambacher Forst die Perspektive auf den Osten, die Lausitz insbesondere, verstellt. Natürlich heißt das nicht, dass der Ausstieg aus der Kohle einzig und allein davon definiert wird, was das für den weiteren Aufstieg der AfD bedeutet (weil, nur nebenbei, dies geradezu das Vorurteil voraussetzt, wirtschaftlich Abgehängte würden per se rechts wählen).

Aber die übergeordnete Frage, wie Regionen eine Zukunft gestalten können, deren Gegenwart von einer untergehenden Industrie geprägt sind, ist nicht nur legitim. Sie ist zentral. Politik darf diese Sorgen und Nöte nicht ignorieren; sie darf nur genauso wenig den Fehler machen, „die“ im Osten einfach aus der Hauptstadt mit Ratschlägen, Plänen und Geld paternalistisch beglücken zu wollen.

Diese rhetorische und finanzielle Besserwisserei macht am Ende nichts besser. Sondern alles nur viel schlimmer.

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