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Hamburg-Wahl Vorfreude bei der SPD, Bangen bei FDP und AfD

Der Wahlkampf in Hamburg kam nie so recht in Gang. Davon profitiert Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Hansestadt, der mit seiner SPD auf die absolute Mehrheit hoffen kann. Spannend wird es für FDP und AfD.

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Diese Politiker kämpfen um die Gunst der Hamburger
Olaf Scholz Quelle: REUTERS
Dietrich Wersich (CDU) Quelle: dpa
Katharina Fegebank Quelle: dpa
Jens Kerstan Quelle: dpa
Katja Suding Quelle: dpa
Dora Heyenn Quelle: dpa
Jörn Kruse Quelle: dpa

In den Tagen vor der Wahl zeigt sich der Himmel über Hamburg in dezentem Grau in Grau. Die Elbe vor der „Strandperle“-Bar plätschert gemächlich vor sich hin. Gelegentlich tritt der graue Fluss jetzt über die Ufer, aber nur ein wenig. Auf der anderen Elbseite wird ein Container-Koloss aus dem Hafen geschleppt. Auch der Wahlkampf schleppt sich dahin. Was bewegt diese Stadt?

Überall stehen die Plakate an den Straßen, viele wetterbedingt in kläglichem Zustand. Frierende Wahlkämpfer schimpfen auf das Wetter. Chef im Ring ist Hamburgs „Erster Bürgermeister“ Olaf Scholz. Die Plakate des SPD-Politikers nehmen das Grau des Himmels auf und auch die fast schon sprichwörtliche Kargheit seiner Sprache: „Kitaplätze“ steht da drauf oder „Wirtschaftskraft“ oder einfach nur „Olaf Scholz“.

Sein Herausforderer von der CDU, Dietrich Wersich, wirkt schon vor der Wahl geschlagen. Kaum einer kennt ihn, noch weniger würden ihn direkt wählen, sagen Umfragen.

Was man über die Hamburg-Wahl wissen muss

"Keine Wechselstimmung in Hamburg"

Was sind die großen Themen in diesen Wochen? Der Politologe Jens Tenscher zuckt mit den Achseln. „Der Wahlkampf ist nahezu geräuschlos“, sagt er. „Und es gibt keine Wechselstimmung in der Stadt. Die Hamburger scheinen damit zufrieden zu sein, wie es im Moment läuft.“ Ihn überrasche, dass nicht einmal die Olympia- Bewerbung ein Wahlkampf-Thema sei.

Die Hansestadt bewirbt sich für die Olympischen Spiele 2024 und konkurriert dabei mit Berlin. Im März will der Deutsche Olympische Sportbund sich für einen Kandidaten entscheiden. Welche Stadt stürzt sich mit dem größeren Elan in das Abenteuer? Und warum?

„Wir könnten das, was wir ohnehin planen, beschleunigen, und es gibt viel Zustimmung für die Idee olympischer und paralympischer Spiele in Hamburg“, sagt Scholz. Der Hanseat wirkt begeistert, zumindest für seine Verhältnisse. Für die Spiele müssten von der dafür vorgesehenen Hafenfläche allerdings mehrere Unternehmen mit 2000 Beschäftigten umgesiedelt werden.

„Wir sind nicht gegen Olympia“, beteuert der Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg, Gunther Bonz. „Wir wollen aber natürlich, dass die Interessen der betroffenen Betriebe gesichert werden.“ Und im Übrigen sei die Vorbereitungszeit bis 2024 viel zu kurz, sagt Bonz. Wenn es diesmal nicht klappt, will sich Hamburg aber ohnehin für Olympia 2028 wiederum bewerben.

So steht die Wirtschaft in Hamburg da

Parteien geben sich handzahm

Was läuft? Die SPD rühmt sich, alle Wahlversprechen eingelöst zu haben. Und die anderen Parteien geben sich weitgehend handzahm, weil sowohl Grüne als auch CDU und sogar die FDP sich als mögliche Koalitionspartner fühlen dürfen, sagt der Politologe Tenscher.

Apropos FDP: Die Liberalen haben in Umfragen an der Elbe auf 5 bis 6 Prozent zugelegt, zuvor waren es über Monate nur 2 Prozent. Auftrieb bringt eine Machtperspektive – auch, wenn sie überschaubar ist. Fast ein Vierteljahrhundert nach der letzten sozialliberalen Koalition in der Hafenstadt ist so ein Bündnis mit der SPD immerhin im Bereich des Denkbaren, wenn Regierungschef Olaf Scholz seine absolute Mehrheit nicht verteidigen kann. Das motiviert Sympathisanten, die bei Umfragen weit unter 5 Prozent ihre Stimme sicher nicht an die FDP verschenken würden. Bei der letzten Hamburg-Wahl kam die Partei auf 6,7 Prozent.

Koalition mit den Grünen erwünscht

Scholz selbst will von den Freien Demokraten (noch) nichts wissen. Schafft er es nicht aus eigener Kraft, will er mit den Grünen regieren. Gespräche nach der Wahl mit FDP-Frontfrau Katja Suding wären für Scholz aber allein schon deshalb interessant, um seinen Wunschpartner, die in Hamburg eher linken Grünen, zu bändigen. Geht die FDP bei der Regierungsbildung leer aus, wäre das kein Beinbruch. Lindner und Suding könnten die Legende stricken, dass die neue FDP nicht um jeden Preis an die Macht strebe und auch mal auf Senatorenposten und dicke Dienstwagen verzichte.

„Hamburg ist eine Schlüsselwahl. Wenn wir dort von unten durchs Eis kommen, dann hat das Auswirkungen auf die Stimmungslage in ganz Deutschland“, sagte Lindner am Wochenende der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Der 36 Jahre alte Lindner hat in 16 Monaten Apo nicht den Kopf verloren, ist gereift, agiert strategischer als früher. Die wenigen Möglichkeiten, um aufzufallen, nutzte die FDP. Eine Wutrede Lindners, im Düsseldorfer Landtag von einem SPD-Abgeordneten provoziert, ist bei Youtube ein Millionen-Hit.

Kampf zwischen AfD und Antifa

Die „Alternative für Deutschland“ um Spitzenkandidat Jörn Kruse kämpft gegen die „Antifa“, die den Wahlkampf massiv stört und etwa die Plakate der Euro-Kritiker systematisch zerstört, und mit sich selbst. Kruse erntete mit einem Versprecher – er erklärte, die Anschläge von Paris seien „viel früher passiert, als ich gehofft habe“ – einen Shitstorm. Auch ein manipuliertes TV-Interview für die ARD-Sendung „Panorama“ ließ die AfD in einem schlechten Licht dastehen. Die Folge: Die AfD liegt den neuesten Umfragen zufolge nur knapp über der magischen Grenze von fünf Prozent.

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Was würde „Dittsche“ zu den Wahlchancen der Parteien in Hamburg sagen? Sein Fernseh-Wohnzimmer ist in der Wirklichkeit die „Eppendorfer Grill-Station“. Olli Dietrich ist zwar nicht da, aber auch Wirt Oliver Kammerer schaut den Leuten aufs Maul. „Die Stimmung ist ganz gut“, sagt er, während er Pommes-Mayo und einen halben Hahn rausgibt. „Eigentlich gibt's kaum Leute, die sagen: Is' ja alles so schlecht.“

Um Politik gehe es hier ohnehin selten, sagt Kammerer. Fußball? „Das ist schon ein Trauerspiel.“ Und Olaf Scholz? „Wir hatten schon Schlechtere.“ Immerhin.

Fast drei Viertel der Hamburger würden Olaf Scholz direkt wählen. „Die Zustimmung zur Politik des Senats ist hoch, und die persönlichen Umfragewerte für Senat und Bürgermeister sind bemerkenswert“, sagt Olaf Scholz. „Sie beeindrucken mich.“

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