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Hannelore Kraft Langzeitarbeitslose können die Flüchtlingskrise nicht lösen

Die Langzeitarbeitslosen sind Deutschlands letzte Hoffnung. Immer, wenn es irgendwo brennt, ruhen alle Augen auf ihnen. Sie müssen Erzieher werden, Altenpfleger - oder jetzt eben Flüchtlingshelfer. Was ein Unsinn.

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Ein Kunde geht in Erfurt durch die Tür des Jobcenters Quelle: dpa

An den Bahnhöfen in München, Frankfurt, Dortmund und Köln kommen immer mehr Flüchtlinge an. Und überall gibt es Begrüßungskommitees: Bürger, die "Willkommen"-Transparente hochhalten und die erschöpften Flüchtlinge mit dem Nötigsten versorgen. Leben diese dann erst in Flüchtlingsunterkünften, gibt es immer noch zahlreiche Hilfsbereite und Ehrenamtliche, die sich engagieren: Sie versuchen, Ihnen Deutsch beizubringen, helfen beim Einkaufen oder stellen den Kontakt zum örtlichen Fußballverein her. Die Menschen spenden Kleidung, Möbel, Spielzeug oder Geld. Manche helfen wenige Stunden in der Kleiderkammer oder an der Essensausgabe, andere übernehmen längere Patenschaften, manche bieten sogar Unterkunft. Derzeit ist die Hilfsbereitschaft - zumindest bei der Mehrheit der Bevölkerung - sehr groß. Der Migrationssoziologe Thomas Faist von der Universität Bielefeld sieht darin aber auch eine Reaktion auf den Rechtspopulismus: "Die Menschen wollen zeigen: Es gibt ein anderes Deutschland."

Länder mit der höchsten Zahl der Asylbewerber (2014)

Die Motive der Helfer sind zunächst einmal egal. Aber Fakt ist: Ohne die Ehrenamtlichen würde es nicht funktionieren. "Die Ehrenamtlichen sind der Kitt für das Funktionieren des Gesamtablaufs", lobte am Montag der oberbayerische Regierungspräsident Christoph Hillenbrand auf dem Münchner Hauptbahnhof die Freiwilligen. Dass die Aufnahme Tausender Migranten innerhalb kürzester Zeit so friedlich verlaufe, sei ihnen zu verdanken, sagte Hillenbrand. Entsprechend sei ihre Hilfe auch weiter dringend erforderlich. Denn die Kommunen haben nicht das Personal, die Menschen willkommen zu heißen, ihnen zu Essen und zu trinken zu geben, zu trösten und zuzuhören. Die Städte sind froh, wenn sie ausreichend Schlafplätze organisieren können, Flächen finden, auf denen Zelte aufgeschlagen werden können - für menschlichen Zuspruch und Eingliederungshilfe fehlen Geld und Menschen.

Was, wenn die Hilfsbereitschaft abebbt?

Das Problem ist, dass die derzeitige Welle der Hilfsbereitschaft abebben wird, wie Faist sagt. "Ewig lässt sich das auf dem jetzigen Niveau natürlich nur schwer durchhalten", bestätigt auch Dieter Schütz vom Deutschen Roten Kreuz. Doch was ist dann? Die Probleme der Flüchtlinge lösen sich schließlich nicht in Luft auf. Die Menschen brauchen Hilfe bei Behördengängen, bei der Kinderbetreuung, bei der Jobsuche, beim Ankommen. Doch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) hat die rettende Idee. Sie will Langzeitarbeitslose als Flüchtlingshelfer einsetzen. "Die Flüchtlinge gut unterzubringen und zu betreuen ist eine nationale Aufgabe. Dabei können auch Langzeitarbeitslose eingesetzt werden", sagte Kraft den Dortmunder „Ruhr Nachrichten“.

Arbeitslose als Rettung für alles

Haben Sie auch gerade ein Déjà-vu? Im Juli 2012 beklagten die Kommunen einen besonders ausgeprägten Fachkräftemangel in den Kindertagestätten. Sozialökonomen warnten: Wenn die Kitaplatzgarantie der Bundesregierung ab dem Jahr 2013 funktionieren soll, fehlen mehr als 25.000 Erzieher und noch deutlich mehr Tagesmütter. Die Lösung des Problems kam damals nicht von der SPD, sondern von der Bundesagentur für Arbeit (BA): "Unter den Arbeitslosen haben wir etwa 800.000 Menschen, die zumindest die schulischen Voraussetzungen dafür erfüllen", sagte damals BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt. "Durch intensive Beratung können wir vielleicht rund 5000 Arbeitslose für den Beruf der Erzieherin oder des Erziehers gewinnen."

Die Hartz-Reformen

Persönliche Eignung, Spaß an der Arbeit mit Kleinkindern und Lust daran, die kleinen Menschen zu fördern? Zweitrangig. Wer lesen, schreiben, basteln kann und nicht vorbestraft ist, kann doch Erzieher werden - schließlich besteht dort ein Mangel. Statt einer vierjährigen Ausbildung sollte eine zweijährige Umschulung aus dem Maurer einen Erzieher machen. Mit der Argumentation sollte man dringend auch noch Umschulungen zum Ingenieur, Maschinenbauer oder Software-Entwickler anbieten. Schließlich werden auch diese Berufe gebraucht.

Doch wenn es darum geht, Langzeitarbeitslose zu den Rettern der Nation zu erklären, dann immer in sozialen Berufsfeldern. Was das über die Langzeitarbeitslosen oder die entsprechenden Berufe aussagt, sei mal dahin gestellt. Die Frage ist doch vielmehr: Warum langweilt man diese Menschen in Bewerbungs-, Vorstellungs- und Computerkursen, anstatt sie ihrem Potenzial gemäß für einen Beruf fit zu machen und an einen der zahlreichen Arbeitgeber zu vermitteln, der offene Stellen beweint.

Wo Fachkräfte fehlen

Beispiel Altenpflege: Weil es an Pflegekräften fehlt - Schätzungen gehen derzeit von rund 10.000 offenen Stellen aus - schlug die BA 2013 nicht nur vor, die Ausbildung von drei auf zwei Jahre zu verkürzen, sondern auch - Überraschung - Langzeitarbeitslose umzuschulen. "Die BA sei in der Lage aus dem Reservoir von Arbeitslosen mit Berufserfahrung in der Pflege innerhalb von zwei Jahren zwischen 5000 und 10.000 Kräfte zu examinierten Altenpflegern ausbilden zu lassen", hieß es. Wenn mehrere Zehntausend Langzeitarbeitslose das Potenzial haben, Altenpfleger zu werden, man sie aber nicht entsprechend geschult und vermittelt hat, kann das nur drei Gründe haben: Die Menschen wollen kein Altenpfleger werden, sie können es nicht oder der BA-Mitarbeiter hat sich gedacht: aus dem wird nie ein Altenpfleger.

Aber nun haben ja all die verhinderten Kranken- und Altenpfleger oder Erzieher, die es in den vergangenen beiden Runden nicht geschafft haben, eine Chance, sich zum Flüchtlingshelfer ausbilden zu lassen. Doch Krafts Hintergrund scheint gar nicht zu sein, Menschen, die seit einem Jahr keinen Job mehr bekommen, in Lohn und Brot zu bringen. "Es wäre für die gesellschaftliche Akzeptanz nicht gut, wenn der Eindruck entsteht, dass wir viel für Flüchtlinge tun, aber wenig für diejenigen, die es bei uns auf dem Arbeitsmarkt schwer haben." Damit der arbeitslose Dortmunder Nazi nicht mehr sagen kann, dass ihm der syrische Arzt den Job wegnimmt, soll der Bund die Programme für öffentlich geförderte Beschäftigung massiv ausweiten und den Leuten zeigen: "Wir tun auch etwas für euch."

In Arbeit
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Dabei würde es vielleicht reichen, den besorgten Bürgern lesen beizubringen - immerhin 7,5 Millionen Deutsche sind funktionale Analphabeten - denn im Gesetz steht ganz klar: Flüchtlinge dürfen frühestens nach drei Monaten Aufenthalt in Deutschland arbeiten. Und auch nur dann, wenn es wirklich keinen einzigen Deutschen gibt, der den Job machen kann. 15 Monate muss der afghanische Betriebswirt also warten, bis er bei Aldi für 400 Euro Regale einräumen darf. So lange lebt der alleinstehende Asylbewerber von 143 Euro im Monat plus Sachleistungen. Für Kinder stehen den Familien je nach Alter zwischen 85 und 92 Euro zu. Nach Angaben des paritätischen Wohlfahrtsverbandes liegen die Sach- und Geldleistungen zusammen bei einem Flüchtling etwa zehn Prozent unter den Hartz-IV-Regelsätzen.

Der besorgte Bürger braucht also nicht zu fürchten, dass wir die Flüchtlinge in Gold aufwiegen. Frau Krafts Vorschlag jedoch wird weder dafür sorgen, die Flüchtlinge besser zu integrieren, noch dazu beitragen, dass langjährige Hartz IV-Empfänger ad hoc wieder in den Arbeitsmarkt einsteigen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass sich beide Gruppen absehbar im Jobcenter erneut begegnen.

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