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Hans-Werner Sinn Der Euro-Fighter

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Hans-Werner Sinn bereitet schon den nächsten Coup vor

10 Gründe gegen den Euro
Das Portemonnaie ist schwerer geworden Quelle: dapd
Lieb gewonnene Sprichwörter sind nicht mehr gültig Quelle: AP
Eine Sammlung der im Dezember 2010 erhältlichen Ein-Euro Münzen der 17 Eurostaaten Quelle: dpa
Unser Vermögen wurde halbiert Quelle: dpa/dpaweb
Den politischen Talkshows gehen die Themen aus Quelle: REUTERS
Die Deutschen zahlen noch mit der Mark Quelle: AP
Keiner hat uns mehr lieb Quelle: dpa


Sinn sagt dazu, er sei weder rechts noch links. Sein „Bezugssystem“ sei die Volkswirtschaftslehre. Er meint das ernst.

Vielleicht ist es Hans-Werner Sinns Problem, dass es die Volkswirtschaftslehre nicht gibt, weil die Ökonomie keine exakte Wissenschaft ist. Sinn sagt, durch die Bankenunion werde die Krisenpolitik für die Steuerzahler noch teurer. Sein Gegenspieler, der Würzburger Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger, sagt, sie werde dadurch billiger. Beide berufen sich auf ökonomische Begründungsmuster.

Sinn hält die seinen für überzeugender. Er glaubt fest daran, dass die bisherige Rettungsstrategie Europa in eine große Katastrophe zu stürzen droht. Er glaubt, dass Deutschland in Brüssel über den Tisch gezogen wird, weil die Südländer in der Mehrheit sind und ihre Interessen aggressiv vertreten. Und er glaubt, dass von den Hilfsgeldern in Wahrheit vor allem die internationalen Investoren profitieren, die kritische Ökonomen mithilfe der angelsächsischen Presse „verteufeln“.

Er wolle Deutschland „retten“, hat Hans-Werner Sinn unlängst einmal gesagt. Er meint auch das ernst.

Schon deshalb gibt er sich mit der Rolle des Ratgebers nicht zufrieden und greift selbst in das Geschehen ein. Oft haben seine Aktionen etwas vom Geist der Sponti-Bewegung seiner Jugend. Als der Bundestag über den Rettungsfonds EFSF abstimmt, schickt er den Abgeordneten Briefe und fordert sie auf, das Vorhaben zu Fall zu bringen. Einige Monate später erhalten die Parlamentarier schon wieder Post: Diesmal ist es eine DVD mit einem seiner Vorträge. Sinn schreibt Leserbriefe und beteiligt sich an Debatten im Internet.

Der Preis für derlei Aktivismus ist, dass der brillante Spitzenökonom im Eifer des Gefechts immer wieder über das Ziel hinausschießt. 2003 wollte er zeigen, dass Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit verliert und deshalb dringend Reformen braucht. Tatsächlich holten die Unternehmen zu diesem Zeitpunkt aber auf den Weltmärkten bereits wieder auf, und Sinn muss seine These überarbeiten. In seinen viel beachteten Arbeiten über die Risiken im europäischen Zahlungsverkehrssystem argumentierte er, indem die Europäische Zentralbank immer mehr Geld in den Krisenländern verleihe, werde der deutschen Wirtschaft Kredit entzogen. Das musste er später korrigieren, weil die Notenbank beliebig viel Geld aus dem Nichts schaffen kann.

Deutschland



Fußballerisch gesprochen, schlägt Hans-Werner Sinn den Ball zunächst einmal so weit, wie es nur geht, in die gegnerische Hälfte – um ihn dann möglichst unauffällig wieder zurückzukicken.

Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass in der Mediengesellschaft nur weit geschlagene Bälle überhaupt wahrgenommen werden. Einer der weltweit einflussreichsten Wirtschaftswissenschaftler, der linksliberale amerikanische Nobelpreisträger Paul Krugman, bedient sich ähnlicher Methoden wie Sinn. Vielleicht holt die Zunft also nur jene mediale Aufrüstung nach, die andere gesellschaftlichen Gruppierungen schon durchgemacht haben.

Die Gefahr dabei ist, dass die Ökonomen zunehmend den Aktionsmodus der Politik übernehmen. Je mehr das taktische Kalkül die interessenfreie Analyse ersetzt, desto mehr schwindet – ökonomisch gesprochen – der komparative Vorteil der Ökonomie. Die „kurzlebige Empörung“ sei dem langfristigen Einfluss der Wirtschaftswissenschaften „nicht zuträglich“, so der Geldexperte Manfred Neumann.

Hans-Werner Sinn bereitet schon den nächsten Coup vor: ein neues Buch, das im Herbst erscheint. „Der bekannteste Ökonom Deutschlands lässt sich nicht den Mund verbieten und redet Klartext“, heißt es in der Ankündigung des Verlags. Eines ist jetzt schon klar: Es wird vor furchterregenden Zahlen und einprägsamen Bildern nur so strotzen.

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