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Hans-Werner Sinn Der Euro-Fighter

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So viel Staat wie nötig, so viel Markt wie möglich

10 Gründe für den Euro
Boxer trainieren in einer Box-Halle Quelle: dpa
Mit herausgezogener Hosentasche steht ein Autofahrer vor der Preistafel einer Tankstelle Quelle: dpa
Eine Fugzeugpassagierin an einer Geldwechselstube in London Quelle: AP
Eine Frau hält ein euro starter kit neben einem Zwanzig-Mark-Schein Quelle: REUTERS
Thilo Sarrazin präsentiert sein Buch "Europa braucht den Euro nicht" Quelle: REUTERS
Kunden im Westfield Stratford City Shopping-Center in London Quelle: REUTERS
Ministerpräsidenten beim EU-Gipfeltreffen am 23.05.2012 Quelle: dpa


Nach der Veranstaltung lädt er zum Mittagessen im kleinen Kreis. Man trifft in solchen Momenten ohne Kameras auf einen nachdenklichen Menschen. Sinn ist einer der wenigen Experten seines Kalibers, die wirklich zuhören. Er fragt nach, will Gründe hören, wägt sie ab. Meistens legt er dann den Kopf etwas schief und stützt ihn mit seiner linken Hand. Man meint, beobachten zu können, wie er die Argumente durch die ökonomischen Gleichungssysteme jagt, die in seinem Gehirn abgespeichert sind. Es kann sehr anregend sein, sich mit Hans-Werner Sinn zu unterhalten.

Einige Wochen später, die Debatte über den Ökonomenaufruf ist in vollem Gang, meldet er sich am Telefon. Er sagt, dass er von den heftigen Reaktionen doch überrascht worden sei, seinen Überzeugungen aber treu bleiben müsse. Er sei nicht gegen Europa, nicht einmal gegen die Vereinigten Staaten von Europa. Aber einfach weitermachen wie bisher nütze niemandem. Auch den Griechen nicht. Er sagt das mit leiser Stimme. Die Geschichte scheint ihn trotz allem mitzunehmen.

Hans-Werner Sinn strahlt im persönlichen Umgang eine Wärme aus, die im Widerspruch zur Kälte seiner Argumente steht.

Man muss sich, um diesen Widerspruch aufzulösen, mit Sinns Politikverständnis befassen. Denn auch wenn er es genießt, im Rampenlicht zu stehen – man würde ihm nicht gerecht, reduzierte man ihn darauf.

Sinn wächst im westfälischen Brake auf, wo sein Vater einen kleinen Taxibetrieb hat. Wie viele seiner Generation wird Sinn durch Vietnamkrieg und Notstandsgesetze politisiert. Er schließt sich dem Sozialdemokratischen Hochschulbund an und geht nach Münster, um dort Volkswirtschaftslehre zu studieren. Dort trifft er einen Menschen, der sehr wichtig werden wird für seinen weiteren Lebensweg: Herbert Timm, Professor für Finanzwissenschaft und Sinns akademischer Lehrer. Für Timm ist die Ökonomie ein Mittel zur Verbesserung der Welt. Was die Wirtschaftswissenschaftler aus ihren Modellen ableiten, ist gut für die Allgemeinheit.

Sinn ist beeindruckt. Die Disziplin gibt seinem Veränderungswillen eine Richtung. Man hat ihm oft vorgeworfen, dass er immer nur rein ökonomisch argumentiert und die politische Dimension der Probleme vernachlässigt. Der Vorwurf trifft ihn nicht, weil diese vermeintliche Schwäche für ihn eine Stärke ist. Der politischen Logik des Ausgleichs zwischen Interessen und Weltanschauungen setzt er die Wahrheitslogik des Experten entgegen. Aus seiner Sicht heißt das konkret: So viel Staat wie nötig, so viel Markt wie möglich.

Das führt zu teilweise überraschenden Positionen. Sinn war für die Agenda 2010, kritisierte aber früh die Abhängigkeit Deutschlands vom Export. Er ist gegen die Energiewende, aber für eine strenge Regulierung der Banken. Als er sich für niedrige Löhne einsetzte, war er Dauergast bei den Wirtschaftsverbänden. Neuerdings stimmt ihm Sahra Wagenknecht von der Linkspartei häufig zu, weil er gegen die Rettung der Banken ist.

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