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Hans-Werner Sinn

Weg mit dem gesetzlichen Rentenalter!

Es ist unsinnig, rüstige Arbeitnehmer per Gesetz aus dem Job zu drängen, sobald sie 65 Jahre alt werden. Ein Plädoyer für eine neue Flexibilität und die Abschaffung des gesetzlichen Rentenalters.

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Die Rente mit 63 für langjährig Versicherte wird nach ersten Zahlen der Rentenversicherung von mehr Menschen in Anspruch genommen als von der Regierung erwartet. Volkswirtschaftlich gesehen ist die zur Jahresmitte eingeführte Reform hingegen ein Flop.

Leichtfertig hat die Politik eine unter der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder mühsam erkämpfte Reform verfrühstückt. Und schon wenige Monate später zeigt die deutsche Wirtschaft, dass sie diesen Belastungstest doch nicht so leicht wegsteckt, wie manche dachten.

Investitionen sinken

Die Investitionen, die eigentlich auf gutem Wege waren, gehen auch deshalb zurück. Warum soll man in einem Land investieren, in dem Facharbeiter in die Frührente geschickt werden?

Nun will der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sogar noch eins draufsetzen und eine Teilrente mit 60 einführen. Darunter versteht der DGB einen gleitenden Übergang, der ab 60 eine Kombination aus reduzierter Rente und Teilzeitbeschäftigung vorsieht.

Zur Person

Berg der Babyboomer

Das alles geht an der demografischen Wirklichkeit in Deutschland vorbei. Die Babyboomer, die um das Jahr 1965 geboren wurden, erreichen in einem Jahrzehnt die traditionelle Altersgrenze von 65 Jahren. In 15 Jahren wird die Spitze des Berges dort sein, in 20 Jahren wird der ganze Berg jenseits dieser Grenze liegen.

Dann werden wir 7,5 Millionen Alte (ab 65) mehr und 8,5 Millionen Junge (zwischen 15 und 64) weniger haben. Bereits 2030 muss ein Arbeitnehmer doppelt so viele Rentner ernähren wie im Jahr 2000 – was ohne eine Erhöhung des Rentenalters entweder eine Halbierung der Renten, eine Verdoppelung des Beitragssatzes oder eine Mischlösung zwischen diesen Extremen bedeutet.

Höhere Abschläge

Angesichts dieser Verhältnisse ist eine Staatskrise in Deutschland programmiert. Die Babyboomer wollen Renten von Kindern kassieren, die sie nicht haben. Der Staat wird sich verschulden wollen, sich aber angesichts der wirtschaftlichen Misere nicht verschulden können.

Und wenn die Sparer zu ihren Banken gehen, um das Geld zurückzubekommen, das sie sich für das Alter zurückgelegt haben, dürften sie ein böses Erwachen erleben. Die Kreditkunden, an die die Banken die Ersparnisse weiterreichten, waren es gewohnt, alte Kredite mit neuen zu tilgen.

Wenn das nicht mehr geht, müssen viele Konkurs anmelden. Dabei wird ein Teil des ersparten Geldes verdampfen. Die Deutschen werden also wieder länger arbeiten müssen.

Vielen Deutschen droht die Altersarmut
Die Ergebnisse einer neuen Studie besorgniserregend. Es droht eine riesige Versorgungslücke und vielen Bürgern eine akute Altersarmut. Den künftigen Rentnern ist dies zwar durchaus bewusst, allerdings tun sie kaum etwas dagegen. Im Gegenteil: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die Altersvorsorge komplett zu ignorieren. Das zeigt die Studie „Altersvorsorgereport: Deutschland 2014“ der Sparda-Bank in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jens Kleine vom Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule. Sie gibt einen umfassenden Überblick zum deutschen Altersvorsorgemarkt vorgelegt. Quelle: IMAGO
Das private Vorsorgeverhalten lässt in Deutschland zu wünschen übrig. Die Mehrheit der Bürger will den gegenwärtigen Lebensstandard nicht für die Altersvorsorge einschränken. Dadurch entsteht laut den Berechnungen der Experten eine Versorgungslücke von mehr als 27.000 Euro. Neben einer möglichen Altersarmut des Einzelnen droht in der Gesellschaft ein Generationenkonflikt beim Streit um die Höhe der staatlichen Rente. Quelle: IMAGO
Verantwortlich für die Versorgungslücke sind neben dem Lebensstandard zu geringe finanzielle Möglichkeiten. Rund 75 Prozent der Deutschen fehlt schlichtweg das Geld, um privat vorzusorgen. Besonders betroffen sind dabei die Arbeiter. In dieser Berufsgruppe verfügen nur 19 Prozent über ausreichende finanzielle Spielräume für die private Altersvorsorge. Quelle: IMAGO
Diese Vorsorgeproblematik hat zur Folge, dass die ohnehin schon in der Gesellschaft bestehende Schere zwischen Arm und Reich im Alter noch größer wird. Menschen mit ausreichender Kapitalausstattung sind nämlich in der Lage zusätzlich 325 Euro in die private Altersvorsorge zu stecken. „ Das soziale Ungleichgewicht wird sich im Alter weiter verschärfen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird im Alter gut leben können, wohingegen ein wesentlich größerer Teil mit Einschränkungen oder gar Altersarmut zu kämpfen haben wird“, so Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg. Quelle: IMAGO
Trotz dieser möglichen Scherenbildung herrscht insgesamt nur geringes Interesse für Altersvorsorge-Themen. Viele haken das Thema komplett ab – und das obwohl 82 Prozent der Befragten bewusst ist, dass eine rechtzeitige private Altersvorsorge notwendig ist, wenn der bestehende Lebensstandard im Alter fortgesetzt werden soll. Quelle: IMAGO
Neben dem Desinteresse spiegelte sich bei den Befragten auch Unkenntnis wider. Die Studie ergab, dass rund 73 Prozent der Bürger zwar von zu niedrigen Rentenansprüchen ausgeht, allerdings kennen auch weniger als die Hälfte deren tatsächliche Höhe. 50 Prozent der Deutschen hat zudem Angst im Alter vom Existenzminimum leben zu müssen. Vor allem junge Menschen treibt diese Angst um – was Wings zufolge ein gutes Ergebnis ist: „Dass die jungen Menschen die Bedeutung der Altersvorsorge erkannt haben, ist ein äußerst positives Zeichen. Sie haben jedenfalls vom Alter her noch Möglichkeiten, um ausreichend vorzusorgen.“ Quelle: IMAGO
Die Versorgungslücke von 27.000 Euro ergibt sich durch die Berechnung des durchschnittlichen Sparverhaltens. So wollen die Befragten bei Renteneintritt circa 96.000 Euro angespart haben. Doch hierfür legen die Bürger in einem Zeitraum von 21 Jahren im Monat lediglich 179 Euro im Monat zur Seite. Die Experten der Studie haben außerdem mit einem recht hohen Zinssatz von vier Prozent gerechnet. Alles zusammengerechnet – die Sparquote und der durchschnittliche Zinssatz – ergeben statt der anvisierten 96.000 nur 69.000 Euro. Quelle: IMAGO

Natürlich lässt sich das Rentenalter flexibler gestalten. Man könnte durchaus eine Rente mit 63 oder 64 Jahren erlauben. Nur müssten die Rentenabschläge versicherungsmathematisch korrekt berechnet werden, damit der frühere Austritt den Staat kein Geld kostet.

Dazu müsste man für jedes Jahr, das ein Arbeitnehmer vor 65 in Rente geht, einen etwa doppelt so hohen Abschlag wie heute realisieren. Dieser höhere Abschlag ist nötig, weil die Zahl der Jahre bis zum Tode steigt und insofern der Barwert der verfügbaren Geldsumme über mehr Jahre verteilt werden muss.

Als Ausgleich für die höheren Abschläge sollten die Betroffenen jedoch die Möglichkeit erhalten, nach Belieben Geld hinzuzuverdienen, indem sie eine Teilzeitbeschäftigung oder auch eine volle Beschäftigung ausüben, obwohl sie schon Rente beziehen.

Ruhestand unter Palmen: Geht das?

Mehr noch: Die Politik sollte ernsthaft darüber nachdenken, die feste Altersgrenze für die Beendigung des Arbeitslebens vollständig aufzuheben und gegenüber dem Arbeitgeber einen Rechtsanspruch auf Fortsetzung des Beschäftigungsverhältnisses zu gleichen Bedingungen zu ermöglichen.

Wer diese Option wählt, erhält seine Rente später. Doch würde die Rente versicherungsmathematisch korrekt so aufgestockt, dass dem Staat im Mittel bis zum Tode des Versicherten keine Mehr- oder Minderausgaben entstehen.

In Arbeit
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Ich befürchte nur, Deutschland ist noch nicht so weit, dass es diese Regel akzeptieren würde. Wer noch rüstig ist und weiterarbeiten möchte, wird hierzulande von seinem Arbeitsplatz entfernt. Nach einem Leben unter Kündigungsschutz wird man dann als vogelfrei erklärt.

Länger arbeiten

Da dies nach Auffassung des amerikanischen Obersten Gerichtshofes eine Altersdiskriminierung darstellt, haben die USA das gesetzliche Rentenalter schon lange abgeschafft. Praktisch jeder Amerikaner kann so lange arbeiten, wie er will, ohne dadurch wirtschaftliche Nachteile zu erfahren.

Der Arbeitgeber ist aber berechtigt, den Mitarbeitern Angebote zum Ausscheiden aus dem Job zu unterbreiten. Auf diese Weise pendelt sich das Rentenalter von ganz allein so ein, dass es den Wünschen und Möglichkeiten der Menschen entspricht.

Auch in Großbritannien, Australien und Kanada gibt es inzwischen kein gesetzliches Rentenalter mehr. Schon weil es sonst nicht fertig wird mit den Babyboomern, wird auch Deutschland die Diskriminierung der Älteren beenden.

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