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Herbert Giersch im Interview Standortpolitik: "Keine Zeit zum Jammern"

Herbert Giersch, Altmeister der deutschen Ökonomenzunft, über die historischen Ursachen deutscher Standortprobleme, die Rolle der Lohnpolitik und das Zukunftspotenzial unseres Landes. 

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WirtschaftsWoche: Professor Giersch, in den vergangenen drei Jahren stagnierte das Wachstum in Deutschland. Nun kommen einige Reformen in Gang. Hat Deutschland als Wirtschaftsstandort doch noch eine Zukunft? 

Giersch: Ja. Ganz so schlimm, wie ich es einmal befürchtet hatte, ist alles nicht gekommen. Deutschland hat nach wie vor seine Chancen – und damit eine Zukunft. 

Was befürchteten Sie damals? 

Dass wir längere Zeit kein Wachstum haben könnten. Deshalb habe ich ja auch immer dafür plädiert, die Marktkräfte zu entfesseln. Davon ist nicht alles erfüllt worden, aber etwas ist in Gang gekommen. Heute werden Themen diskutiert, die früher tabu waren: die Flächentarife, die Rolle der Gewerkschaften... 

Was war der Auslöser für Ihre Befürchtungen? 

Die Wende in den Langfristerwartungen für die westdeutsche Wirtschaft nach dem Auslaufen des Wirtschaftswunders vollzog sich im Sommer 1972. Bis dahin hatten wir praktisch Vollbeschäftigung, ein gefestigtes soziales Gefüge, außenwirtschaftliches Gleichgewicht bei den neuen Wechselkursen und Geldwertstabilität bei zunehmender Wirtschaftsverflechtung mit Europa und der Dritten Welt. Die Attacken auf unsere Wirtschaftsordnung im Gefolge der Studentenrevolte von 1968 wurden seltener, aber hinzu kam die Wachstumskritik der einflussreichen Stimmen des Club of Rome. In meinem Optimismus war ich dann am meisten getroffen, als Karl Schiller als Superminister das Handtuch warf. 

Aber reichte das schon, um eine Stagnation der deutschen Wirtschaft zu erklären? 

Unsere Besorgnis war, dass Deutschland den Strukturwandel nicht bewältigt. Die entscheidende Rolle hat die Kluncker-Tarifrunde gespielt... a 

...1974, als die ÖTV unter ihrem Chef Heinz Kluncker mit Streiks im öffentlichen Dienst zweistellige Lohnerhöhungen durchsetzte. 

Damit war für mich das Ende der Hoffnung besiegelt, je wieder vier bis fünf Prozent Wachstum jährlich zu schaffen wie in den Fünfziger- und Sechzigerjahren. Damals hatten wir noch Vollbeschäftigung; wegen der niedrigen Löhne herrschte eine Übernachfrage nach Arbeit. Für die Arbeitskräfte war dies eine Befreiung von der hierarchischen Unterordnung in den Betrieben, die Freiheit, dem Chef sagen zu können: Hier passt es mir nicht mehr, ich suche mir einen anderen Job – und ihn auch ganz schnell zu finden. Das bedeutete eine große immaterielle Freiheit für den Arbeitnehmer. Bei hoher Arbeitslosigkeit hat er diese nicht. 

Und diese Position haben die Gewerkschaften durch überhöhte Lohnforderungen verspielt? 

Ja, die Sicherheit eines Arbeitsplatzes, die man sich durch Lohnzurückhaltung erkauft, ist ein wertvolles Gut, das damals nicht hoch genug geschätzt wurde. In einer Wirtschaft ohne Arbeitslosigkeit haben die Arbeitskräfte etwas, was sie sonst nicht besitzen– räumliche Mobilität, berufliche Flexibilität. 

Die zu starken Lohnerhöhungen haben die steigende Arbeitslosigkeit hervorgerufen? 

Ja, mit den Lohnvereinbarungen entscheiden Gewerkschaften und Arbeitgeber über das Volumen der Beschäftigung. Ich habe deshalb damals von einer Reprivatisierung des Beschäftigungsrisikos gesprochen: Die staatliche Vollbeschäftigungsgarantie, die Willy Brandt den Arbeitnehmern gegeben hatte, ließ sich nicht mehr gewährleisten. 

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