Hessen Schwarz-Grün wird zur Gefahr für den Flughafen Frankfurt

Union und Grüne wollen Hessen regieren. Für den wichtigen Frankfurter Flughafen sind das keine guten Nachrichten. Der Airport droht im internationalen Wettbewerb zurückzufallen.

Schwarz-Grün gefährdet den Frankfurter Flughafen. Quelle: REUTERS

"Good Day, USA", lautet der verheißungsvolle Taufname der nagelneuen Lufthansa-Frachtmaschine, die Mitte November vom Frankfurter Flughafen zum Erstflug nach New York abhob. Doch der Freude der Lufthanseaten über ihren neuen 270-Millionen-Dollar-Flieger folgte schnell Katerstimmung. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier hat als Zuckerl für die Koalitionsverhandlungen mit den Grünen sogleich Kompromisse zulasten des Flughafens in Aussicht gestellt.

Ungeliebte Donnervögel
Fluglärm belastet die Gesundheit, das haben wissenschaftliche Untersuchungen gezeigt. Wer etwa über Jahre hinweg einem hohen Fluglärm-Pegel ausgesetzt ist, hat ein höheres Herzinfarkt-Risiko als Menschen ohne diese Schallbelastung. Doch wie entsteht Fluglärm eigentlich? Und was tun Hersteller und Flughafenbetreiber, um die Belastungen zu reduzieren? Ein Überblick. Quelle: dpa
StartHauptlärmquelle beim Start sind die Triebwerke des Flugzeugs. Je nach Triebwerksart sind der Motor selbst oder die Abgase für die Geräuschentwicklung verantwortlich. Bei Turboprop-Maschinen entsteht Lärm vor allem an den Propellerblättern, bei Jettriebwerken kommt es bei der Vermischung der Austrittsgase mit der umgebenden Luft zur Lärmentwicklung. Quelle: ap
TriebwerkeDurch neu entwickelte Strahltriebwerke versuchen Hersteller, den Lärmpegel beim Start zu senken. Im Zentrum des Interesses steht dabei der Fan, ein Gebläse zur Beschleunigung des Luftstroms. Experten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben einen neuen, langsam drehenden Fan entwickelt, der nicht nur deutlich leiser arbeitet, sondern auch Triebwerke mit höherer Leistung ermöglicht. In die gleiche Richtung geht ein Gemeinschaftsprojekt des amerikanischen Herstellers Pratt & Whitney und der deutschen MTU, das es bis 2013 zur Marktreife bringen soll. Quelle: dpa
Zero-SpliceUntersuchungen des DLR haben ergeben, dass ein Drittel des Triebwerklärms nach vorne abgestrahlt wird. Ein Grund dafür sind baubedingte Nähte und Lücken an Teilen im Lufteinlass des Triebwerks. Mit dem Zero-Splice-Verfahren, bei dem der Lufteinlass lückenlos umkleidet wird, lässt sich diese Lärmquelle beseitigen. Zum Einsatz kommt das Verfahren etwa beim Super-Airbus A380. Quelle: dapd
BrennstoffzellenAuch der Weg zur Start- oder Parkposition geht nicht ohne Lärm ab – müssen die Flugzeuge doch auch für die Fahrt über das Rollfeld ihre Triebwerke einsetzen. Abhilfe verspricht hier eine neue Entwicklung des DLR: Brennstoffzellen im Bugrad der Maschine liefern Energie für zwei Elektromotoren, die das Flugzeug ohne Lärm und Abgase über das Rollfeld befördern. Quelle: dpa
LandungBei der Landung sind weniger die Triebwerke als vielmehr Tragflächen und Fahrwerk für die Lärmentwicklung verantwortlich. Das ausgefahrene Fahrwerk und die geöffneten Klappen, hinter denen die Räder während des Fluges verborgen liegen, erhöhen den aerodynamischen Widerstand und bremsen das Flugzeug ab. Gleichzeitig macht sich die Luftströmung an den Rädern sowie an den zur Landung ausgefahrenen Vorflügeln und Landeklappen unangenehm laut bemerkbar. Quelle: dpa
Frankfurter VerfahrenZur Vermeidung von Anfluglärm wurde am Frankfurter Flughafen das sogenannte „Frankfurter Verfahren“ entwickelt. Kern dieser mittlerweile weltweit zum Standard gewordenen Methode ist ein möglichst spätes Ausfahren von Vorflügeln, Landeklappen und Fahrwerk. Gleichzeitig ist der Pilot angehalten, das Flugzeug in einem gleichmäßigen Gleitflug ohne übermäßigen Triebwerkseinsatz sinken zu lassen. Quelle: dapd

Der CDU-Mann soll die Union zu den Grünen hin öffnen. Seit die SPD im Bund ein künftiges Zusammengehen mit der Linken nicht mehr ausschließt, ist ein mögliches Bündnis mit den Grünen auch auf Bundesebene eine wichtige Machtoption für die Unions-Vorsitzende Angela Merkel. Da hat der Flughafen eben Pech. Eine Ausweitung des Nachtflugverbots ist nun ziemlich sicher, der geplante Neubau des dringend nötigen dritten Terminals am Rhein-Main-Airport dagegen reichlich ungewiss.

Lufthansa-Chef Christoph Franz protestierte gemeinsam mit Verdi-Chef (und Grünen-Mitglied) Frank Bsirske. Auch die Pilotengewerkschaft Cockpit warnt vor einer Schwächung der deutschen Luftfahrt. Der Flughafen operiert ohnehin schon am Limit – trotz der 2011 in Betrieb genommenen neuen Landebahn. Denn seither gilt ein strenges Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr. „Schwarz-Grün wird den Rhein-Main-Airport in einen Schönwetterflughafen verwandeln“, sagt ein hochrangiger Vertreter der deutschen Luftfahrtindustrie. Das heißt: Sobald Nebel, Sturm und Streiks den Flugplan durcheinanderwirbeln oder bei Ferienbeginn Passagiere in Massen anstürmen, bricht der Betrieb regelmäßig zusammen. Das immer enger gezogene Zeitfenster, in dem Maschinen starten und landen dürfen, lässt keine Möglichkeiten mehr, Verspätungen aufzufangen. Schadenfroh werben Konkurrenten der Lufthansa und des Frankfurter Flughafens damit, bei ihnen würden die Passagiere nicht stranden.

Die Fluggesellschaften, allen voran die Lufthansa, haben auch in den Randstunden des Nachflugverbots Verbindungen gestrichen. Zu groß ist die Gefahr, bei nur geringfügigen Verspätungen gar nicht mehr abheben zu dürfen. Ein profitabler Flugbetrieb ist in Nähe der Flugverbotszeit nicht mehr möglich. Denn wenn mehrere Hundert Passagiere eines am Boden gebliebenen Jumbojets über Nacht auf Kosten der Lufthansa oder einer anderen Airline im Hotel übernachten müssen, ist schnell mal der wöchentliche Gewinn der betroffenen Flugverbindung weg.

Hessens Grüne unter Führung von Tarek Al-Wazir haben im Landtagswahlkampf gefordert, das Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr auszuweiten. Als Kompromiss der Koalitionsverhandlungen mit der CDU könnten auch einzelne Bahnen während der Randstunden von 22 bis 23 Uhr und 5 bis 6 Uhr gesperrt werden. Bei Hessens Unternehmerschaft und Managern gilt Al-Wazir als besonnen, aber konsequent. Das heißt im Klartext: Ihm und seiner Wählerklientel liegen Lärmschutz näher als Wirtschaftswachstum und Standortpolitik.

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