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Ifo-Studie„Deutschland hat in puncto Attraktivität Federn gelassen“

Eine internationale Umfrage unter Wirtschaftsexperten bescheinigt dem Standort Deutschland schlechte Aussichten. Besonders die Bürokratie könnte zur Wachstumsbremse werden.Sebastian Schug 19.02.2024 - 16:53 Uhr

Die Sonne scheint hinter einer neuen, 26 Meter hohen Kolonne zur Phenolherstellung bei der Domo Chemicals GmbH in Leuna in Sachsen-Anhalt.

Foto: dpa

Ob Deutschland in zehn Jahren noch die Wirtschaftsmacht sein wird, die wir heute kennen, ist fraglich. Davon sind zumindest die Expertinnen und Experten überzeugt, die das Münchner ifo-Institut im Auftrag des Bundesfinanzministeriums befragt hat. Doch noch kann sich die Bundesrepublik den Ergebnissen der am Montag vorgestellten Studie nach behaupten, vor allem wenn es darum geht, bei heimischen Unternehmen eine gute Figur zu machen.

„Die Experten aus Deutschland schätzen den Standort für nationale Unternehmen als durchschnittlich wettbewerbsfähig ein – beispielsweise vergleichbar mit den Kollegen aus Frankreich.“ sagt Niklas Potrafke, der als Wirtschaftswissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) forscht und lehrt und einer der Autoren der Studie ist.

Wackeliger Status quo

Hinsichtlich des aktuellen globalen Status quo zeichnet die Studie noch ein vergleichsweise vertrautes Bild. Vor allem die Befragten in Nord- und Südamerika, Europa, dem arabischen Raum und Ostasien bis Australien sind zuversichtlich, was die Attraktivität für in- und ausländische Unternehmen angeht.

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Bei genauerem Hinsehen zeigen sich jedoch erste Schwächen: „Bei der Frage der Attraktivität für ausländische Unternehmen schneidet Deutschland unterdurchschnittlich ab, auch in Europa“, sagt Potrafke. Auch in Großbritannien und Italien wird die internationale Ausstrahlung des Standorts auf einer Skala von 0 bis 100 mit weniger als 50 Punkten bewertet.

Den größten negativen Einfluss auf das Urteil über Deutschland hat die Bürokratie – über 70 Prozent der Befragten gaben dies an. Es folgen die schleppende Digitalisierung, Probleme im Energie- und Ressourcenbereich sowie der Fachkräftemangel. Steuern mit einer Quote von rund 25 Prozent und Arbeitskosten mit unter 10 Prozent werden dagegen als weitaus weniger bedeutend wahrgenommen.

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Es gibt aber auch Lichtblicke: „Unter den positiven Faktoren wird am häufigsten die Bildungssituation genannt, die auf ein gutes Humankapital in Deutschland schließen lässt. Hinzu kommt aus Sicht der Experten die Stabilität der politischen Institutionen“, so der Münchner Ökonom.

Allerdings zeigt die Studie auch, dass der aktuellen Situation der Ansicht der Befragten nach bereits ein Niedergang vorausgegangen ist: „Beim Blick auf die vergangenen zehn Jahre wird klar: Deutschland hat in puncto Attraktivität Federn gelassen“, fasst Potrafke zusammen. Das gilt auch für weite Teile Mitteleuropas, Russland, Nord- und Südamerika, die afrikanische Kapregion, Südostasien und vor allem die ostasiatischen Länder einschließlich China.

Stagnation und Abstieg voraus?

Die wirklichen Probleme für die heutigen Industrieländer könnten aber erst in der Zukunft liegen. Betrachtet man die Landkarte der Länder, für die Wirtschaftsexperten in den nächsten zehn Jahren einen Attraktivitätsgewinn erwarten, sehen der Westen und seine einst als Werkbank bezeichneten ostasiatischen Handelspartner ziemlich alt aus: Stagnation in Nordamerika und Europa, langsamer Niedergang in Ostasien.

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Als Gewinner der Zukunft sehen sich vor allem große Teile Afrikas, Südostasiens, Mittelamerikas und der arabische Raum. Eine positive Entwicklung wird auch für Südamerika, Südasien und Ozeanien prognostiziert.

Rund um die Nulllinie tanzt Europa aber auch nur auf den ersten Blick, denn die Situation ist sehr heterogen. Während sich auf der Achse von Großbritannien über Deutschland nach Italien die Länder mit negativen Aussichten aufreihen, sieht es rundherum besser aus. Insbesondere Griechenland, die Balkanstaaten und Rumänien stechen positiv hervor.

Auch wenn es sich bei den Ergebnissen nur um Expertenmeinungen handelt, sieht das Ifo-Institut in der Studie einen belastbaren Kompass: „Unsere Ergebnisse decken sich gut mit anderen Studien zur Beschreibung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands“, sagt Potrafke.

Eine Handlungsempfehlung gibt die Analyse allerdings nur in Ansätzen: „Das mit Abstand wichtigste Handlungsfeld für die Politik ist laut unserer Umfrage der Bürokratieabbau, gefolgt von Investitionen in die Infrastruktur sowie der Erleichterung von (Arbeits-)Migration“, heißt es im Fazit.

Persönlich würde der LMU-Experte diese Aufzählung noch um einen Punkt erweitern: „Aus meiner Sicht sollten Reformen des Sozialversicherungssystems rund um die Standortdebatte mitdiskutiert werden. Allem voran eine Anpassung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung.“

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Hintergrund der Studie: Die „Economic Experts Survey“ (EES) genannte Befragung von rund 8000 Wirtschaftsexpertinnen und -experten aus mehr als 130 Ländern hat das Ifo-Institut gemeinsam mit dem Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP) durchgeführt. Sie fand zwischen dem 26. September und dem 11. Oktober statt. Potrafke nach antworteten 1541 Experten aus 128 Ländern, darunter 63 aus Deutschland. Die Beteiligung lag damit bei rund 20 Prozent. Darunter waren Wirtschaftswissenschaftler, Mitarbeiter von Ministerien und internationalen Organisationen sowie Unternehmer. Sie alle wurden zur Situation in ihren Heimatländern befragt.

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