IG Metall Mit neuer Strategie nach vorne

Rote Fahnen, schwarze Zahlen Die IG Metall - kassiert 2011 über 442 Millionen Euro - erstmals seit 22 Jahren steigen die Mitgliederzahlen wieder. Wie hat die Gewerkschaft das geschafft und was bedeutet das für die Unternehmen?

Eine Stahlarbeiterin pustet am Quelle: dpa

Lüdenscheid ist weder übermäßig schön noch der Nabel der Welt – doch für die IG Metall hat das Städtchen im Märkischen Kreis eine besondere Bedeutung: 1948 schlossen sich in der örtlichen Schützenhalle die Metallgewerkschaften der amerikanischen und britischen Besatzungszone zusammen; es war die Geburtsstunde der Gewerkschaft nach dem Krieg.

Mehr als 60 Jahre später steht Lüdenscheid erneut im Fokus der Gewerkschaft, allerdings aus anderen Gründen. Die örtliche IG-Metall-Dependance sei „eine der erfolgreichsten in ganz Deutschland“, lobt Detlef Wetzel, zweiter Vorsitzender der IG Metall. Seit Jahren steigen hier die Mitgliederzahlen; allein in den ersten acht Monaten 2011 kamen über 900 Metaller hinzu. Jüngst legte ein eifriger Jung-Funktionär im Gewerkschaftshaus gleich 30 Neuanmeldungen von Auszubildenden auf den Tisch, die er angeworben hatte. Mitgliederschwund? Finanzprobleme? Bei den märkischen Metallern ist das Vergangenheit.

Erstes Mitgliederplus seit 22 Jahren

Und nicht nur dort. Nach langem Siechtum dürfte die IG Metall in diesem Jahr auch insgesamt den Turn-around schaffen. Rund 1,3 Millionen Mitglieder gingen seit der Wiedervereinigung verloren, die Gesamtzahl sank auf 2,24 Millionen – für 2011 aber kündigt IG-Metall-Chef Berthold Huber „das erste echte Mitgliederplus seit über 22 Jahren“ an. Am Jahresende dürfte es 15 000 organisierte Metaller mehr geben als am Jahresanfang. Das wirkt sich auch auf die Kassenlage aus: 2011 ist der Haushalt erstmals seit 20 Jahren ausgeglichen. Wenn Huber übernächste Woche auf dem Gewerkschaftstag in Karlsruhe seine Bilanz der vergangenen vier Jahre zieht, werden es ihm die 481 Delegierten mit einer sicheren Wiederwahl danken.

Neue Strategie

Dass die Gewerkschaft die Talsohle durchschritten und so ihre tarifpolitische Macht erhöht hat, liegt zum einem an der guten Arbeitsmarktlage. Auch habe sich „das gesellschaftliche Ansehen der Gewerkschaften seit der Wirtschafts- und Finanzkrise verbessert“, sagt Hagen Lesch, Gewerkschaftsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Doch vor allem ist der zarte Aufschwung das Ergebnis einer radikalen Strategie- und Organisationsreform. Unter Hubers Vorgänger Jürgen Peters hatte sich die Gewerkschaft in Flügelkämpfen zerrieben. Peters sah in der IG Metall eine allgemeinpolitische Kampfmaschine und träumte davon, mit Nichtregierungsorganisationen eine neue außerparlamentarische Opposition zu zimmern.

Nun lautet die Linie: Konzentration aufs Kerngeschäft. Dazu gehört eine zunehmend dezentrale Tarifpolitik. Die IG Metall müsse sich von einer „Betreuungsgewerkschaft“ in eine „Erschließungsgewerkschaft“ verwandeln, heißt es in einem Vorstandspapier. Alle Aktivitäten sollen dem Ziel dienen, neue Mitglieder und damit zusätzliche Tarifmacht zu gewinnen. Die 163 Verwaltungsstellen müssen Zielvorgaben erfüllen und sich einem Benchmarking stellen. Jeder Bezirk betreut „Zuwachsraum-Projekte“, um neue Branchen, Regionen oder Personengruppen für die IG Metall zu erschließen.

Personen sind hinter einer Quelle: dpa

Das wichtigste Instrument ist dabei der Aufbau neuer Betriebsräte. In Deutschland haben nur elf Prozent der Unternehmen eine Mitarbeitervertretung, was den Arbeitnehmerlobbyisten die Arbeit vor allem im Mittelstand erschwert. Gezielt rückt die IG Metall seit einiger Zeit betriebsratslosen Unternehmen auf den Pelz; seit 2009 hat sie die Gründung von rund 1600 neuen Betriebsräten initiiert. Zudem gibt es einen verstärkten Austausch von Personendaten: In einem Pilotprojekt erstellt die IG Metall derzeit mit betrieblichen Vertrauensleuten ein Raster, das bis in die kleinste Abteilung aufdröselt, wie viele Mitarbeiter eines Betriebes nicht in der Gewerkschaft sind.

Rückendeckung bei der Mitgliederakquise gibt es vom Bundesarbeitsgericht (BAG). Die Richter urteilten 2010, dass Gewerkschaften in den Unternehmen einmal pro Halbjahr durch betriebsfremde Funktionäre Mitglieder werben dürfen. In einem früheren Urteil hatte das BAG den Gewerkschaften bereits erlaubt, dienstliche E-Mail-Adressen von Beschäftigten für Anwerbeversuche zu nutzen – selbst wenn der Arbeitgeber den privaten Gebrauch der Adresse untersagt.

Je mehr Mitglieder, desto mehr Hilfe gibts

Kompromisslos gibt sich die Gewerkschaft aber auch gegenüber eigenen Leuten: Bei Streitfällen im Betrieb schaltet sich die IG Metall nur noch ein, wenn ausreichend Beschäftigte einen Mitgliedsantrag unterschrieben haben. In Lüdenscheid etwa hat Regionalchef Bernd Schildknecht das gerade durchexerziert. Als bei ihm empörte Beschäftigte eines Metallunternehmens aufliefen, das über Einschnitte in tarifliche Leistungen nachdenkt, gab es von dem 62-Jährigen statt brüderlicher Solidarität den Hinweis, „dass sich die IG Metall aus Mitgliedsbeiträgen finanziert“. Schildknecht: „Ich habe den Kollegen gesagt: Erhöht die Mitgliederzahl im Betrieb, dann helfen wir euch.“ Innerhalb von zwei Monaten stieg daraufhin der Organisationsgrad von 15 auf 60 Prozent.

Alte Herren

Parallel zur neuen Strategie baut die IG Metall auch organisatorisch um: Der Bundesvorstand schrumpft (siehe Kasten), rund 100 der 550 Stellen in der Frankfurter Zentrale wurden gestrichen. IG-Metall-Vize Wetzel: „Die Treppe wird von oben gefegt.“ 70 Prozent der jährlich eingesparten 20 Millionen Euro wandern in einen Investitionsfonds, den die Verwaltungsstellen anzapfen können, wenn sie neue Projekte zur Mitgliedergewinnung starten.

Weiße Flecken gibt es reichlich. Immer noch ist die IG Metall im Kern ein Koloss des Industriezeitalters – der Angestelltenanteil liegt bei rund 15 Prozent. Im Handwerk und in Wachstumsbranchen wie der Wind- und Solarindustrie findet die Gewerkschaft kaum statt. Überdies präsentiert sich die IG Metall noch weitgehend als Altherren‧riege. Der Frauenanteil liegt bei rund 18 Prozent, nur jeder zehnte Beitragszahler ist jünger als 27 Jahre – womit man in der IG Metall offiziell zur Jugend zählt. Immerhin: Mittlerweile ist jedes zweite Neu-Mitglied unter 27 Jahre, was daran liegen mag, dass die IG Metall derzeit massiv für eine unbefristete Übernahme aller Azubis trommelt. Wie nachhaltig die Renaissance der Gewerkschaft ist, muss sich freilich noch zeigen. IW-Mann Lesch: „Die Bewährungsprobe kommt im nächsten Abschwung.“

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