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Impfkampagne Was ein Impfmix für Impflinge bedeutet – und wie gefährlich Delta und Co. für Geimpfte wirklich sind

Erst AstraZeneca, dann Moderna: Ist Merkels Impfmix ungewöhnlich? Quelle: imago images

Angela Merkel wurde zum zweiten Mal geimpft – allerdings mit einem anderen Impfstoff. Viele Praxen müssen kombinieren, erklärt Hausärztechef Ulrich Weigeldt. Er warnt, dass es weiterhin kein „Wünsch-Dir-Was“ gibt.

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WirtschaftsWoche: Herr Weigeldt, Bundeskanzlerin Angela Merkel hat wieder den Ärmel hoch gekrempelt: Die Kanzlerin wurden zum zweiten Mal geimpft, allerdings hat sie nach AstraZeneca nun den Impfstoff von Moderna erhalten, sagte ein Regierungssprecher am Dienstag.  Ist dieser Mix aus Ihrer Sicht empfehlenswert?
Ulrich Weigeldt: Es ist vor allem zunächst eine Frage der Verfügbarkeit. Wir haben gerade kaum bis gar kein AstraZeneca zur Verfügung.  

Nur 504.000 Dosen AstraZeneca gab es diese Woche für die Hausärzte insgesamt nach Angaben des Gesundheitsministeriums. 
Deshalb musste womöglich auch der Arzt der Kanzlerin zur Mischung greifen – so, wie wir es täglich in den Praxen tun. Das ist ganz üblich. 

Aber sind Impflinge wie Angela Merkel durch Kombi-Impfung auch besser geschützt? 
Dazu würde ich jetzt keine Aussagen treffen wollen, denn wichtig ist vor allem: Sie ist geschützt – so, wie jeder, der sich impfen lässt. Die Impfstoffe sind miteinander gut kombinierbar. Und ein Blick auf die Situation in anderen Ländern mit knapper Verfügbarkeit von Impfstoffen zeigt, dass jetzt nicht die Zeit für „Wünsch-Dir-Was“ ist.

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des deutschen Hausärzteverbands. Quelle: imago images

Allerdings dürfte sich das ohnehin angekratzte Image von AstraZeneca nicht verbessern, wenn die Kanzlerin für ihre zweite Impfung zu Moderna greift?
Tatsächlich hat die Diskussion um AstraZeneca deutlich abgenommen. Gerade viele jüngere Menschen waren bei mir und wollten sich mit AstraZeneca impfen lassen, weil der Impfstoff zuvor verfügbarer war. Probleme gab es selten. Im Gegenteil. Und bei jedem Impfstoff kann es Reaktionen geben, mal tut der Arm weh, jemand fühlt sich grippig, aber das war’s dann in der Regel auch. Trainiert auf die Abwehr des Virus wird der Köper mit jedem in der EU zugelassenen Impfstoff.

Während die Kanzlerin offensichtlich ihre Impftermine einhält, fallen in Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern am Tag teils bis zu 40 Prozent der Termine in den Impfzentren aus. Obwohl es jetzt genügend Impfstoff gebe, würden die Menschen nicht mehr kommen, sagt Gesundheitsminister Harry Glawe (CDU). Sind das erste Anzeichen für eine Impfmüdigkeit?
Nein, zumindest kann ich das aus Sicht der Hausärztinnen und Hausärzte nicht bestätigen. Wir haben noch immer mehr Nachfrage nach Impfungen, als wir Termine vergeben können.

Warum aber werden die Impftermine dann nicht wahrgenommen? 
Vielleicht geht es den Leuten ähnlich wie mir. Ich hatte auch Probleme, mich durch das Online-System zu klicken, um meinen Termin abzusagen. Deshalb vermute ich hinter den Ausfällen auch keine Faulheit oder Vergesslichkeit, sondern die Absage hat vielleicht technisch nicht geklappt, nachdem die Leute einen Impftermin bei ihrem Hausarzt in der Nähe bekommen haben.



Schade für diejenigen, die den Termin im Impfzentrum gerne bekommen hätten.
Allerdings, zumal wir in den Hausarztpraxen gerade vorwiegend mit Zweitimpfungen beschäftigt sind. Umso wichtiger ist es, dass wir mehr Impfstoff für Erstimpfungen bekommen – denn gerade jetzt müssen wir aufpassen, den Schwung nicht zu verlieren. Jetzt, wenn die Ferien in vielen Ländern vor der Tür stehen oder schon begonnen haben wie in Hamburg, droht eine Verlangsamung. Das aber wäre fatal für den Erfolg der Impfkampagne. Wer heute seine erste Impfung bekommt, bekommt die zweite dann in rund sechs Wochen – da ist der Sommer schon fast rum...

...und die Delta-Variante womöglich noch weiter verbreitet. Wie groß ist die Gefahr durch die Mutation?
Viren werden immer mutieren, das lassen sie sich leider nicht verbieten – und in der Regel werden sie sich so verändern, dass sie noch ansteckender werden, um mehr Wirte zu finden. Aber auch wenn wir von Delta über Theta bis zu Zeta mit dem Coronavirus womöglich das ganze griechische Alphabet durchgehen, ist die gute Nachricht ja: Alle in der EU zugelassenen Impfstoffe wirken nach aktuellem Kenntnistand gegen diese Varianten, da sie auf die Grundstruktur des Virus geeicht sind. Aber umso wichtiger ist es, jetzt nicht nachzulassen mit dem Impftempo.



Inzwischen sind mehr als 50 Prozent der Bevölkerung erstmalig geimpft. Wer aber gehört zu den noch fehlenden 50 Prozent – abgesehen von Kindern unter 12 Jahren, die sich bisher nicht impfen lassen können?
Darüber wissen wir leider wenig, da die Daten dazu fehlen. Deshalb wäre es empfehlenswert, wenn die Regierung hier mehr Stichproben oder Studien machen würde, um eine Blackbox zu vermeiden und in der Impfkampagne bestimmte Zielgruppen besser ansprechen zu können. Denn eine allgemeine „Ärmel-Hoch“-Kampagne allein wird nicht reichen, um mögliche Impfskeptiker zu erreichen.

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Welchen Effekt die Ferien haben werden auf die Impfmotivation, ist noch offen. Können wir uns dennoch auf einen schönen Sommer freuen?
Man kann diesen Sommer gar nicht mit dem letzten Sommer vergleichen. Damals gab es kaum Coronatests, ohne konkreten Anlass mussten sie privat gezahlt werden. Heute ist die Situation dank der Selbst- und Schnelltests eine ganz andere. Mit dieser Kombination aus Testen und Impfen würde ich deshalb durchaus sagen, dass die Situation gut ist und wir hoffentlich einen schönen Sommer vor uns haben.

Mehr zum Thema: Mehr als 1000 Patienten haben manche Hausärzte auf ihren Listen stehen – doch mit Blick auf die nahende Urlaubssaison wollen nicht alle auf Biontech warten. Und: Wie sich die Impfstoffe unterscheiden

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