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Impfungen „Die Idee, alle Kinder ab 12 durchzuimpfen, ist Science-Fiction“

Die vierte Corona-Welle droht. Booster-Impfungen für Risikogruppen und Impfangebote für Jugendliche ab 12 Jahren sollen helfen, sie zu brechen – doch Hausärztechef Ulrich Weigeldt ist skeptisch.  Quelle: dpa

Mit Booster-Spritzen und Impfangeboten für Jugendliche ab 12 Jahren soll die vierte Corona-Welle gebrochen werden. Doch Hausärztechef Ulrich Weigeldt ist skeptisch. Er warnt vor politischem Aktionismus, neuen Schulschließungen – und wünscht sich kreativere Impfanreize.

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WirtschaftsWoche: Herr Weigeldt, im September soll es losgehen mit den sogenannten Booster-Impfungen für Risikogruppen. Reicht das aus, um gut vorbereitet in den Herbst zu starten?
Ulrich Weigeldt: Auf mich wirkt das eher wie Aktionismus der Politik. Die Studien zu den Auffrischungs-Impfungen laufen noch, die sollten abgewartet werden. Aber die Politik glaubt offenbar, dass sie es besser weiß als die Ständige Impfkommission (Stiko).

Regierung und Gesundheitsminister wollen sich offenbar nicht wieder Zögern und Zaudern vorwerfen lassen. Entgegen der Stiko-Empfehlung soll es nach dem gestrigen Beschluss ein Impfangebot für alle Jugendlichen ab 12 Jahren geben. Vielleicht ist es dieses Mal ja die Stiko, die zu langsam ist – gerade auch mit Blick auf die drohende vierte Welle?
Nein, die Stiko entscheidet auf Grundlage der Studien, die ihr vorliegen – und das sind sicherlich die gleichen Studien, die auch die Politik hat. Ich plädiere dafür, den Empfehlungen der Expertinnen und Experten aus der Kommission zu folgen. Sie arbeiten selbstverständlich daran, schnellstmöglich Ergebnisse und Einschätzungen vorzulegen und werden diese auch neuen Erkenntnissen anpassen.

Wie gut sind Sie als Hausärztinnen und -ärzte denn in die aktuelle Planung zu den Impfungen zur Auffrischung und für Jugendliche einbezogen?
Wir werden gar nicht einbezogen, aber das sind wir seit Pandemiebeginn gewohnt. Oft wird kurzfristig etwas beschlossen, was dann in den Praxen schnell umgesetzt werden muss. Aber davor kann ich nur warnen, denn das verursacht Chaos. Im Frühjahr konnten wir das noch bewältigen, aber noch einmal werden unsere Praxismitarbeitenden das so sicher nicht mitmachen.

Ulrich Weigeldt, Vorsitzender des deutschen Hausärzteverbands. Quelle: imago images

Aktuell ist die Impfkampagne jedoch ins Stocken geraten, auch in den Hausarztpraxen. Wie groß ist bei Ihnen und Ihren Kolleginnen und Kollegen noch die Nachfrage nach Erstimpfungen?
Die Nachfrage geht tatsächlich deutlich zurück. Wir haben aktuell Ferienzeit, dazu sind bereits mehr als 52 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. Umso mehr gilt es jetzt, diejenigen von der Impfung zu überzeugen, die noch zögern oder skeptisch sind. Und wir dürfen auch nicht vergessen, was für ein Luxus das ist: Wir haben jetzt Impfstoff im Überfluss, während in Afrika noch nicht ein mal zwei Prozent der Menschen vollständig geimpft sind.

Wie gut gelingt es Ihnen, Skeptiker von der Impfung zu überzeugen? 
Wer zu einer Behandlung oder Routineuntersuchung kommt, den sprechen wir an. Aber als Hausärzte allein können wir das nicht schaffen. Denn es gibt genug Patienten, die gar nicht regelmäßig in die Praxen gehen. Die Vorteile der Impfung müssen deshalb auch in der politischen Kommunikation noch deutlicher werden, die Impfangebote niedrigschwelliger.

Und womöglich kreativer: In Thüringen kam eine Bratwurst als Belohnung gut an bei den Impflingen. Überrascht Sie das?
Nein, gar nicht. Solche Ideen nehmen auch die Härte aus der Diskussion. Diese Gnadenlosigkeit, die da gerade auch in der Debatte um die Notwendigkeit einer Impfpflicht mitschwingt, finde ich schade. Damit kommt man doch erst recht nicht an die Leute ran, die schalten ab und da hat man keine Chance mehr. Solche pfiffigen Ideen wie eine Bratwurst bringen wieder mehr Leichtigkeit in die Impfkampagne, davon können wir noch mehr gebrauchen.

Was Schulkinder und Eltern aktuell gebrauchen können, ist die Aussicht auf ein Schuljahr ohne Schließungen. Sind Impfangebote für Jugendliche ab 12 Jahren dazu ein wichtiger Beitrag?
Die Idee, dass wir selbst nach einer Stiko-Empfehlung alle Jugendlichen durchimpfen, ist genauso Science-Fiction wie die Vorstellung über eine Impfquote von 90 Prozent. Aber das ist auch nicht notwendig. Gesunde Kinder und Jugendliche haben bisher kaum schwere Verläufe, davon sind eher Menschen ab 50 betroffen. Worunter die meisten Kinder leiden, ist sicherlich weniger Long-Covid als vielmehr Long-Lockdown. Das darf nicht noch einmal passieren.

Kinder unter 12 Jahren werden vorerst kein Impfangebot erhalten. Sollte es deshalb eine Impfpflicht geben für Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, die diese Altersgruppen betreuen?
Eine Impfpflicht für solche Berufsgruppen sollte jedenfalls kein Tabu sein, denn diese Berufsgruppen haben eine besondere Verantwortung. Aber für die Politik ist das schwierig, denn sie hat eine Impfpflicht ausgeschlossen und wird diese nun kaum durch die Hintertür wieder einführen können. Zu viel Druck führt auch nur zu Widerstand, deshalb sollte man eher an die Vernunft der Beschäftigten appellieren, das gilt auch für den Pflegebereich.

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Sollten die Schulen auch geöffnet bleiben, wenn die Inzidenzen im Herbst unter den Kindern stark steigen?
Ja, statt gesamte Klassen bei einem Fall in Quarantäne zu schicken, sollten besser die betroffenen Schüler zu Hause bleiben, der Rest dann täglich getestet werden. Die Kinder haben in den vergangenen 18 Monaten enorm gelitten. Da geht es nicht nur um verpassten Schulstoff, sondern auch um das gesamte soziale Leben. Die Politik kann und muss jetzt beweisen, dass sie es ernst meint, wenn sie sagt, dass Kinder Priorität haben.

Mehr zum Thema: Der Ton wird dunkel, dräuend, drohend – die Regierenden verlieren die Geduld mit denen, die ihr Impfangebot ausschlagen. Auf der Strecke bleibt das liberale Denken. Und die Fähigkeit, moralisch zu diskutieren.

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