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Impfungen für Jugendliche ab 12 Lasst die Impfkommission in Ruhe, aber gebt den Jugendlichen eine Impfung

Freie Wahl: In Deutschland bekommen künftig alle Jugendlichen ab 12 Jahren ein Impfangebot - obwohl es keine generelle Empfehlung der Stiko (Ständige Impfkommission) gibt. Auch in anderen Ländern, wie hier in Estland, werden Teenager gegen das Coronavirus geimpft.  Quelle: dpa

Trotz fehlender Stiko-Empfehlung sollen jetzt alle Jugendlichen ab 12 ein Impfangebot bekommen. Das ist richtig – denn die Chancen überwiegen die Risiken. Doch nun darf die Politik Eltern und Kinder nicht alleine lassen mit der Entscheidung. Ein Kommentar.

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Noch haben die Expertinnen und Experten in der Ständigen Impfkommission (Stiko) keine offizielle Impfempfehlung für alle Jugendlichen zwischen 12 und 15 Jahren abgegeben. Doch für eine verantwortungsvolle Entscheidung wissen wir bereits heute genug. 

Zwei Impfseren gegen das Coronavirus sind in der EU zugelassen und damit als sicher befunden worden für Minderjährige ab 12 Jahren: der von Biontech und jener von Moderna. In anderen Weltgegenden werden Kinder und Jugendliche längst in größerem Stil geimpft. Die gelten den abwartenden Medizinern in der Stiko wohl als Probandinnen und Probanden, auf deren gesammelte Impfreaktion sie noch warten.

Die Stiko wirkt umständlich in der Meinungsfindung

Das Urteil der Stiko ist in den Augen vieler Eltern entscheidend und leitend. Ihr Urteil ist faktenbasiert, vielleicht aber etwas umständlich in der Findung. Es hebt sehr auf Daten ab, die in einer dynamischen Situation wie dieser Pandemie zwar zahlreich, aber oft nicht strukturiert vorhanden sind. 

Die sächsische Impfkommission, die einzige solche Fachkommission auf Länderebene, hat die bereits vorliegenden Daten dagegen zuletzt als ausreichend und valide genug bezeichnet, um eine Empfehlung für alle auszusprechen, für die der zweimalige Piks zugelassen ist. Das Warten der Stiko ist bedauerlich, nach dem politischen Druck vielleicht sogar aber naheliegend, um Unabhängigkeit zu demonstrieren. Es hilft aber den Betroffenen nicht.

Denn die gesundheitlichen Vorteile scheinen die Risiken für alle ab 12 Jahren zu überragen. Andere Impfungen werden in Jahren nicht so zahlreich verabreicht wie diese Vakzine und gelten dennoch als erprobt und sicher. Keine Impfung ist ganz ohne potenzielle Nebenwirkungen. Es geht darum, dass diese kleiner sein sollten als das Risiko der Krankheit. Und bei Jugendlichen geht es auch darum, was ihnen verwehrt bleibt, wenn sie erneut in den Lockdown gezwungen würden.

Kein Druck, aber viel Aufklärung – für Eltern und Kinder

Auf beiden Ebenen spricht fast alles für eine Impfung und deshalb haben die Gesundheitsministerinnen und -minister recht, wenn sie nach ihrer Entscheidung am Montag nun alles in die Wege leiten, dass der Schutz zu den Minderjährigen gelangt. Ohne Druck, aber mit viel Aufklärung – für sie und ihre Eltern.

Wie lässt sich das individuelle Risiko abwägen? Bei den zugelassenen Stoffen sind vereinzelt Herzmuskelerkrankungen als Folge aufgetreten. Das ist keine geringe Erkrankung. Nach den bekannten Informationen sind allerdings alle Jugendlichen – vor allem Jungen – wieder genesen und haben keine bleibenden Folgen davon. 

Das ist bei einer Coronaerkrankung, auch bei Jugendlichen,  nicht immer so. Zudem ist das Risiko einer solchen Ansteckung höher als die Risiken einer Impfung. Zudem ist das Risiko, mit Covid an einer Myokarditis, einer Herzmuskelentzündung, zu erkranken, selbst höher als nach der Impfung, der abgeschwächten Form einer solchen Infektion.

Das spricht also aus medizinischer Sicht bei jedem und jeder Einzelnen für eine Immunisierung. Deshalb wirkte es auch angemessen, dass die Bundesländer, in denen die Sommerferien nun enden, Jugendliche nicht nur in Impfzentren und in Praxen impfen. Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommer wollen auch mobile Teams in die Schulen schicken. Natürlich müssen die Eltern da dann zustimmen. Das müssen sie bei Minderjährigen allerdings regelmäßig, egal bei welcher Spritze.

Jetzt also müssen Expertinnen und Experten, Politikerinnen wie Politiker aufklären, aufklären, aufklären. Sie sollten Druck auf die Stiko vermeiden, aber auch einordnen, warum es unglücklich ist, dass das Bild bei einer wichtigen Entscheidung noch so unübersichtlich ist.



Jugendliche leiden unser Isolierung

Es gibt aber noch weitere Gründe, warum es richtig ist, dass die Politik Impfungen für alle, die sich schützen lassen dürfen, auch leichter zugänglich macht. Die Jugendlichen wurden in der Pandemie oft zuletzt beachtet und haben unter der Isolierung stärker zu leiden gehabt als jene, die mal von zuhause arbeiten können oder jene, für die ein Lebensjahr keinen so großen Unterschied in der Entwicklung ausmacht. 

Ein neuerlicher Lockdown, ein Schließen der Schulen oder Quarantäne für ganze Klassen, würde die Minderjährigen wieder rausreißen aus so vielem, was für ihr Wohlbefinden wichtig ist. Auch die Bildung bleibt auf der Strecke. Solche Einschnitte haben bei ihnen ja durchaus schon gravierende Folgen gezeigt.

Schließlich gibt es noch ein Argument fürs Impfen der Jugendlichen und vielleicht nach der Zulassung auch fürs Impfen jüngerer Kinder. Ohne diese Millionen Menschen ist es sehr schwer, die Verbreitung des Virus tatsächlich zu unterbrechen und so etwas wie Herdenimmunität zu erreichen. Auch wenn sie nur leicht erkranken, sie tragen das Virus weiter. 

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Es stimmt, dass dann vor allem erstmal die Erwachsenen zum Impfen sollen. Aber das Ziel ist wichtig, um wieder so etwas wie Normalität zu erreichen und allen ein einigermaßen freies Leben zu ermöglichen. Jugendliche in der Schule können sonst sehr leicht das Virus in ihre Familien und in Vereine oder zu ihren Freundinnen und Freunden tragen. Das ist das schwächste Argument, aber es ein wichtiger Punkt auf dem Weg zurück aus der Pandemie und fürs Leben mit einem Erreger, der wohl nicht verschwinden wird.

Mehr zum Thema: Während Google und Facebook ihre Mitarbeiter zur Impfung verpflichten, gerät die deutsche Kampagne ins Stocken. Deshalb überlegen Unternehmen derzeit, wie sie ihre Belegschaft vom Segen der Spritze überzeugen können. Doch wirken solche Anreize wirklich?

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