In Gedenken an Egon Bahr Wie Egon Bahr meinen Alltag veränderte

Das SPD-Urgestein Egon Bahr ist im Alter von 93 Jahren gestorben. Der frühere Bundesminister gilt als Architekt der deutschen Ostpolitik unter Kanzler Brandt. Ganz persönliche Erfahrungen unserer Autorin Cordula Tutt.

Der SPD-Politiker Egon Bahr im Willy-Brandt-Haus in Berlin. Quelle: dpa

Manchmal dringt Politik erst nach Jahren oder Jahrzenten bis ins tägliche Leben vor. Mein Alltag heute würde ohne Egon Bahr anders aussehen. Ich bin in der Bundesrepublik aufgewachsen und lebe nun im Osten Berlins, umgeben von gelernten DDR-Bürgern und Zugezogenen. Ich habe Ost-Kitas mit Ganztagsbetreuung kennengelernt (manchmal schon für Babies ab acht Wochen). Ich schreibe Notizen ins „Muttiheft“. Der Name fürs Mitteilungsheft an Lehrerinnen und Erzieherinnen hält sich zäh, auch wenn Väter hineinschreiben, was sie fürs Klassenfest vorbereiten oder mal wieder ein Handschuh in der Schule liegengeblieben ist. Vor Jahren habe ich mit einer Polin die Wohnung geteilt.

Baumeister der deutschen Ostpolitik
Die Karriere des 1922 im thüringischen Treffurt geborenen Sozialdemokraten war eng mit dem ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt verknüpft. Bahr galt als einer der Wegbereiter der neuen deutschen Ostpolitik unter Brandt (1969 bis 1974). Quelle: imago
SPD-Abrüstungsexperte Bahr (li.), Karsten Voigt, damaliger Obmann der SPD im außenpolitischen Ausschuss des Bundestags, und SED-Politbüromitglied Hermann Axen debattierten am 21. Oktober 1986 in Bonn über Abrüstungsfragen. Quelle: dpa-dpaweb
Willy Brandt, 1963 noch Regierender Bürgermeister Berlins, begrüßte im Rathaus Schöneberg die mit Vertretern der Sowjetzone getroffene Regelung in der Passierscheinfrage. Links mit dabei Senatspressechef Egon Bahr. Quelle: dpa
Visite auf dem Roten Platz: Bahr reiste 1970 mit Bundeskanzler Willy Brandt, Außenminister Walter Scheel, Rüdiger von Wechmar und Staatssekretär Paul Frank (von links) in die sowjetische Hauptstadt Moskau. Quelle: imago
Egon Bahr bei einem Außerordentlichen Bundesparteitag der SPD in Bonn-Bad Godesberg im Jahr 1971. Erst im Alter von 44 Jahren war er in die Partei eingetreten. Quelle: imago
Bahr (vorne links), Innenminister Hans-Dietrich Genscher und CDU-Bundesvorsitzender Rainer Barzel empfingen 1971 den japanischen Kaiser Hirohito in Bonn. Quelle: imago
Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew (li.) erläuterte dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt 1971 während einer Fahrt mit der sowjetischen Regierungsjacht bemerkenswerte Punkte der Krimküste. Mit dabei: Staatssekretär Egon Bahr (SPD). Quelle: dpa

Mein Deutschland ist ostiger, größer und vielfältiger geworden als es das wäre, wenn es Menschen wie Egon Bahr nicht gegeben hätte. Der SPD-Politiker Egon Bahr ist nun im Alter von 93 Jahren gestorben. Er ist der unauffällige kleine Mann mit zurückgekämmtem Haar, der auf unzähligen Fotos von Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) einen Schritt hinter diesem steht, immer als Ratgeber in Hörweite.

Mein Leben würde anders aussehen, wenn Bahr Anfang der 1960er Jahre nicht ein neues Denken gewagt hätte. Der Osten und der Westen waren damals Gegner, man nannte es „Kalten Krieg“. Wenn er es nicht geschafft hätte, erst Willy Brandt davon zu überzeugen, der damals noch Regierender Bürgermeister im geteilten Berlin war. Wenn er es nicht vermocht hätte, die Politik der sozial-liberalen Bundeskoalition der 1970er Jahre unter Brandt zu prägen.

Wichtige Lebensstationen des Egon Bahr

„Wandel durch Annäherung“ war seine Formel, die er 1963 entwickelte. Das war mutig und hätte schief gehen können. Die Kritiker schrien damals, wer sich auf den Ostblock zu freundlich zubewege und Gespräche suche, der zeige nur Schwäche. Die CDU reagierte mit dem Slogan, Bahrsche Politik sei nur „Wandel durch Anbiederung“. Aber auch in der SPD, Bahrs eigener Partei, sahen viele nicht, dass Zuwendung statt Abschottung auch eine Stärke sein kann. SPD-Fraktionschef Herbert Wehner witzelte über den Erfinder der Ostpolitik: „Dies ist bahrer Unsinn!“ Mit h.

Schritt für Schritt näherten sich beide deutsche Staaten an. Der Bruch in Ost und West bestand weiter, doch es führten nun ein paar Brücken über die Schlucht. 1973 wurden beide deutschen Staaten in die Uno aufgenommen. Was als Methode erst den Ostblock zu stärken schien, führte letztlich dazu, dessen Schwächen zu offenbaren. Die Sowjetunion löste sich 1991 auf.  

Damals freilich hat bereits ein anderes Denken die deutsche Politik beeinflusst. Kanzler Helmut Kohl (CDU) strebte die schnelle Vereinigung Deutschlands und einen Beitritt der DDR-Länder zur Bundesrepublik an. Was die SPD so nicht wollte. Doch so wie in den 1970ern die regierende SPD mit der Ostpolitik richtig handelte, lag in der Zeit nach dem Bröckeln der Ost-West-Blöcke die Union in den 1990er Jahren richtig.

Der kleine Mann auf den Fotos der alten Bonner Republik hat also einige meiner Entscheidungen erst ermöglicht. Nicht nur das Internet, auch Politiker wie Egon Bahr haben mein Leben verändert.

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