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Indien Premiumpartner in Asien

Der Aufschwung in Indien hat endlich eine industrielle Basis. Bundeskanzlerin Angela Merkel reist in ein Land, das für die deutsche Politik glänzende Alternativen und für die deutsche Wirtschaft glänzende Perspektiven bietet.

Merkel, Indien Premier Singh: Die Bundeskanzlerin denkt in machtpolitischen Alternativen und sucht einen neuen Verbündeten, dpa

Wenn der indische Finanzminister, der auf den schönen Namen Palaniappan Chidambaram hört, vor ein internationales Publikum tritt, hält er fast immer die gleiche Rede. Sie handelt von Indiens steiler Karriere, von der Zahlungsbilanzkrise 1991 und den Reformen, mit denen das Land sich seither der Welt geöffnet hat, von verdoppelten Handelsbilanzen und verdreifachten Auslandsinvestitionen, von einer leistungsstarken Software-Industrie und indischen Weltunternehmen. Vor allem aber handelt die Rede von Indiens Zukunft, von seinen Milliarden, Menschen und Möglichkeiten, von seinen Potenzialen, Kunden und Konsumenten... – letztlich also davon, dass Indien noch immer mehr Projektion und Potenzial ist als Gegenwart und Tatsache. Vielleicht ist das der gegenwärtig entscheidende Unterschied in der Entwicklung der beiden asiatischen Supermächte: Während China seine Zukunft bereits teilweise in die Gegenwart geholt hat, läuft Indien ihr noch immer hinterher. Indien hat seinen Rückstand in den vergangenen drei, vier Jahren verkürzt wie nie. Laufend muss Chidambaram seine standardisierte Rede mit größeren Zahlen bestücken. Vor drei Jahren verkündete er auf dem India Economic Summit, sein Land werde in der nächsten Dekade um jährlich sieben Prozent wachsen und 150 Milliarden Dollar in Infrastrukturprojekte investieren; vor einem halben Jahr sprach er auf der Asia Investment Conference bereits von neun Prozent Wachstum und 320 Milliarden Dollar für die Infrastruktur – innerhalb der nächsten fünf Jahre. Auch die realen Zahlen wachsen in den Himmel: Der Börsenindex Sensex hat sich seit 2003 auf mehr als 18.000 Punkte versechsfacht, die indische Rupie im vergangenen Jahr 15 Prozent an Wert gegenüber dem US-Dollar zugelegt; die Direktinvestitionen aus dem Ausland summierten sich 2006 auf 15,7 Milliarden Dollar, die industrielle Produktion wuchs in der ersten Jahreshälfte um zwölf Prozent, die Exporte zogen um 30 Prozent an – es gibt in Indien keine ökonomische Kurve, die nicht steil nach oben zeigt. Viel wichtiger ist, dass die rasante Entwicklung heute förmlich mit Händen zu greifen ist – was das deutsche Interesse an Indiens Aufbruch dramatisch befeuert. So wird Bundeskanzlerin Angela Merkel, wenn sie in dieser Woche Indien besucht, schon von der ersten Anmutung her ein Land vorfinden, das ihrem Vorgänger Gerhard Schröder bei seinen Visiten 2001 und 2004 noch weitgehend verborgen blieb: Die Benutzeroberfläche südasiatischer Millionenstädte, die sich bis in die zentralen Geschäftsviertel hinein von den polierten Standards in Shanghai, Bangkok, Rio de Janeiro, Nairobi und Johannesburg unterschied, ist nun auch in Mumbai, Delhi, Chennai, Hyderabad und Bangalore der globalen Norm angeglichen – sehr zur Freude der Manager, die früher oft ein bisschen angegriffen wirkten, sobald die stinkende, staubige, laute, drängelnde, bettelnde, verkehrsverstopfte indische Wirklichkeit sie ereilte. Heute macht kaum noch jemand auf dem Absatz kehrt, wenn er es mit Indien zu tun bekommt, im Gegenteil, hier wie überall schießen blitzblanke Hotels und Krankenhäuser, Flughäfen und Bürogebäude, Tankstellen und Shopping-Malls, Flagship-Stores und Schnellrestaurants aus dem Boden und machen das Land zu einer leidlich bequemen Destination unter vielen – mit dem sympathischen Unterschied, dass es sich bei Indien um ein demokratisches Ziel mit Englisch als Geschäftssprache handelt, kaum sieben Lufthansa-Stunden von Frankfurt und München aus entfernt. Indien sei heute „unkomplizierter als jedes andere asiatische Land“, schwärmt Chefvermarkter Bernhard Steinrücke. Für Angela Merkel ist Indien nicht nur als Geschäfts-, sondern auch als außenpolitischer Premiumpartner in Asien wichtig – und das nicht nur, weil Gerhard Schröder hier, anders als in China und in Russland, kaum Spuren hinterlassen hat. Indien hat sich vom halbstarken Chef in Südasien zu einer global bedeutenden Regionalmacht entwickelt. Der Subkontinent hat die europäische Erfolgsgeschichte von Pluralismus und Demokratie in eine asiatische Sprache übersetzt. Bei den Vereinten Nationen stimmen Deutschland und Indien vielfach überein. Und im Unterschied zu China unterminiert Indien mit seiner Energiepolitik nicht systematisch die Position Europas, die Zusammenarbeit mit Schwellen- und Entwicklungsländern an politische Reformen zu knüpfen. Kurzum: Indien ist ein Land, das Deutschland von seinen Werten her nähersteht als China oder Russland – und dessen Aufwertung Angela Merkel auch innenpolitisch nur nützen kann.

Insofern ist Merkels Indien-Besuch vor allem eine Demonstration: Sie will Peking und Moskau zeigen, dass die deutsche Politik in machtpolitischen Alternativen denkt – und solche auch hat. Das fällt ihr umso leichter, als sie in Indien auf Dankbarkeit rechnen kann für den Empfang des Dalai-Lama und eine Außenpolitik, die nicht nur China im Blick hat, wenn sie gen Osten schaut. Hinzu kommt, dass Merkel sich in Indien an die Politik der USA anschließen kann: Die Bush-Administration hat mehrfach deutlich gemacht, dass sie den Aufstieg Indiens zur Großmacht unterstützt – und dass sie in Indien ein wichtiges Gegengewicht zu China erblickt. Entsprechend groß ist Merkels Auftritt in Indien; 20 Bosse bringt sie mit – darunter BDI-Präsident Jürgen Thumann, Jürgen Hambrecht (BASF), Thomas Enders (Airbus), Hartmut Mehdorn (Deutsche Bahn), Wolfgang Mayrhuber (Lufthansa) – und ein heißes Eisen: die Lieferung von 120 Eurofightern. Nach Information der WirtschaftsWoche hat der Bundessicherheitsrat das Rüstungsprojekt noch vor Merkels Abreise vorsorglich genehmigt. Dabei geht es um eines der größten Rüstungsgeschäfte nicht nur mit Indien, sondern in der Region überhaupt. Die indische Luftwaffe will ein Gesamtpaket, das nicht nur die Flugzeuge, sondern Bewaffnung, Ersatzteile und Service umfasst und damit der EADS die Tür zu diesem Markt weit aufstoßen würde. Anders als in früheren Zeiten, zu denen die Briten mit ihrer BAE Systems solche schwierigen Rüstungsmärkte aufschlossen, hat die EADS hier die Führung. Merkel soll, so heißt es bei den Firmen, den Verkauf des europäischen Gemeinschaftsprodukts vorantreiben – und die Konkurrenz aus dem Feld schlagen. Amerikanische, russische und französische Firmen bieten ebenfalls und erhalten massive Unterstützung durch ihre Regierungen. Deshalb hofft die deutsche Industrie, dass die Kanzlerin sich, wie einst Gerhard Schröder, als erste Handlungsreisende der Republik versteht.

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