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Industriepolitik Der Staat ist ein schlechter Erfinder

Wirtschaftspolitik: Wettbewerb statt staatlicher Förderung? Quelle: Illustration: Mario Wagner

Viele Politiker glauben, sie könnten durch die Förderung von Zukunftstechnologien die Wirtschaft voranbringen. Doch tragfähige Innovationen entstehen meist durch Wettbewerb, nicht durch staatliche Lenkung.

Kaum ein Horrorfilm kommt ohne sie aus: die Wiederkehrer – Halbtote, die, plötzlich zum Leben wiedererweckt, die Welt in Angst und Schrecken versetzen. Auch in der Ökonomie gibt es Wiederkehrer. Dort treten sie nicht als zerfledderte Zombies auf, sondern als wirtschaftspolitische Ideen, die man längst für tot gehalten hat. Eine dieser Ideen ist die Vorstellung, der Staat könne den Wohlstand steigern, indem er Zukunftstechnologien fördert.

Die Idee taucht meist dann auf, wenn sich technologische Umbrüche anbahnen, wie derzeit durch die Digitalisierung, durch künstliche Intelligenz und E-Mobilität. Ohne staatliche Assistenz, heißt es oft, werde die heimische Wirtschaft im internationalen Wettbewerb zurückfallen. Vor allem China versetzt Politiker und Manager derzeit in Unruhe. Das Land holt auf und gibt sich ehrgeizig. „China hat einen konkreten Plan, wo das Land im Jahr 2025 beziehungsweise 2050 stehen soll“, sagt Till Reuter, Chef des Augsburger Roboterherstellers Kuka, der mittlerweile zum chinesischen Küchengerätehersteller Midea gehört. „So etwas“, findet Reuter, „brauchen wir in Deutschland auch.“

Ähnlich sieht es die EU-Kommission. Sie fordert eine staatliche Strategie, die „der Industrie hilft, Wachstum und Arbeitsplätze zu schaffen, die die vom industriellen Wandel am stärksten betroffenen Regionen und Arbeitnehmer schützt und die die Führungsrolle, Wettbewerbsfähigkeit und Spitzentechnologie Europas stärkt und bewahrt“. Ein politischer Plan soll also her. Einer, der der Wirtschaft den Weg zu mehr Wachstum und Wohlstand weist.

Das hört sich gut an. Könnte man meinen. Treibt nicht ein Land ohne kohärentes Geschäftsmodell orientierungslos umher wie ein Dampfer ohne Kompass? Da scheint es sinnvoll, wenn die Regierung Geld in die Hand nimmt, innovative Unternehmen aus Branchen mit Erfolg versprechender Zukunft fördert und so Wohlstand und Beschäftigung sichert. Doch Ökonomen warnen: Die Idee, man könne Unternehmen mit Staatsgeld zu kreativen Höchstleistungen anspornen, sei eine Illusion. „Wer denkt, mit Fördergeldern ließe sich ein zweites Google oder gar ein zweites Silicon Valley aus dem Boden stampfen, der irrt“, sagt Georg Licht, Leiter des Forschungsbereichs Innovationsökonomik am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW).

Ähnlich skeptisch ist Andreas Freytag, Professor an der Universität in Jena. Auch wenn Länder wie China nicht immer „fair play“ spielten und ihre Unternehmen mit staatlichen Fördergeldern päppelten, sollte der Westen es ihnen nicht gleichtun. Statt auf die Kreativität von Politikern zu setzen, „sollten wir lieber der Kreativität unserer Ingenieure vertrauen“, sagt Freytag. Denn die sitzen in den Unternehmen und kennen den Markt. Anders als Politiker.

Krude Theorie

Die Furcht, der Westen könne technologisch und wirtschaftlich hinter andere Länder zurückfallen, ist nicht neu. In den Achtzigerjahren versetzte der wirtschaftliche Aufstieg Japans westliche Politiker in Alarmstimmung. Damals koordinierte das mächtige Ministerium für internationalen Handel und Industrie (MITI) die Aktivitäten der japanischen Unternehmen.

Die kanadischen Ökonomen James Brander und Barbara Spencer entwickelten vor diesem Hintergrund eine Theorie, derzufolge staatliche Eingriffe in die Branchenstruktur unter bestimmten Bedingungen die allgemeine Wohlfahrt steigern. Staatliche Fördergelder, so die beiden Ökonomen, ermöglichen Hightechunternehmen, ihre Forschungsaktivitäten auszuweiten und neue Technologien zu entwickeln. Lernkurveneffekte und Massenproduktionsvorteile verschafften ihnen einen Vorsprung vor der ausländischen Konkurrenz.

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