Infektionsschutz am Arbeitsplatz Jetzt müsst ihr es richten, liebe Unternehmer!

Quelle: Imago

Die Politik hat offenbar keine Lust mehr auf den lästigen Infektionsschutz. Jetzt müssen die Firmen Belegschaft und Bevölkerung schützen – auch aus eigenem Interesse. Ein Kommentar.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Sagen Sie eigentlich Quarantäne oder Isolation? Wie auch immer. Bald können Sie beide Begriffe aus dem Gedächtnis streichen: Wer sich jetzt noch mit dem Coronavirus infiziert, soll von Mai an nämlich selbst entscheiden, ob er oder sie sich die Abgeschiedenheit zu Hause noch antun will und wirklich tagelang wartet, bis der Schnelltest endlich nur noch einen Strich zeigt. „Freiwilligkeit“ nannte Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der in seinem Amt vom Mahner zum Lockerer mutiert, das Prinzip hinter der geplanten Abschaffung der Quarantäneregelungen. Dabei ist das mit der Freiwilligkeit am Arbeitsplatz so eine Sache. Die meisten Menschen nämlich müssen Geld verdienen. Und längst nicht alle können das vom Homeoffice aus erledigen. Ach, bevor das untergeht: Die Impfpflicht ab 18 Jahren, die Menschen mehr Sicherheit geben würde und nach Auffassung von Experten unabdingbar für eine Ende der Pandemie wäre, ist seit Montag auch vom Tisch.

Die Bundesregierung, so wird in diesen Tagen deutlich, will sich nicht länger um den lästigen Infektionsschutz kümmern. Und auch die Länder, die nun am Zug wären, handeln viel zu zaghaft: Nur Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern machten bislang von Hotspot-Regelungen Gebrauch, die strengere Maßnahmen vorsehen.

Sicherlich: Der Weg zurück zur Normalität ist der richtige. Doch Ansteckungen jetzt herbeizuregieren der falsche. Nur 76 Prozent der Bevölkerung verfügen über den vollständigen Impfschutz, in mehr als zehn Prozent der Intensivbetten liegen Covid-Erkrankte und zuletzt starben weiterhin mehr als 300 Menschen pro Tag.

Jetzt zum x-ten Mal an die Vernunft jedes einzelnen zu appellieren, wird keinesfalls genügen, um Ansteckungen zu verhindern. Es braucht weiterhin konkrete Maßnahmen. Und wenn die Politik schon keine vorschreibt, dann müssen es Unternehmer tun. Sie können zumindest im Büro, an der Supermarktkasse, beim Friseur und in der Fabrik Ansteckungen verhindern. Einfach wird das nicht. Schon Mitte März beklagte die Industrie, dass sie statt einer „pauschalen Rücknahme wirksamer Instrumente“ von der Regierung „konkrete Maßnahmen für mehr Stabilität oder Sicherheit“ erwartet hätte, so BDI-Präsident Siegfried Russwurm. Und auch an einer allgemeinen Impfpflicht als „Ultima Ratio“ führe kein Weg mehr vorbei. Bloß: So weit wird es wohl nicht kommen.

Umso mehr kommt es nun auf die Unternehmer an. So dürfen Maßnahmen, die sich in den vergangenen zwei Jahren bewährt haben, nicht fallen: Wer positiv ist, darf nicht zur Arbeit – ganz einfach. So ließen sich im Idealfall auch gleich Ansteckungen auf dem Weg zur Firma und wieder zurück verhindern. Und überall dort, wo es bei der Arbeit eng wird, braucht es die Maskenpflicht: In der Kaffeeküche, auf der Toilette, im Aufzug. Im Idealfall dürften Mitarbeiter die Maske nur am eigenen Arbeitsplatz absetzen. Arbeitgeber sollten Masken kostenlos verteilen und Testangebote fortführen. Betriebliche Impfanreize könnten auch in Zukunft Wirkung zeigen und alle, die bislang skeptisch waren, doch noch überzeugen. Und sei es die Gratis-Bratwurst in der Kantine. Viel hilft viel!

Keine Frage: Infektionsschutz ist teuer, erfordert zusätzliche Kontrollen. Doch massenhafte Ansteckungen im Betrieb wären noch teurer, wenn sie zu unbesetzten Schichten und Produktionsausfällen führten. Zwar soll gerade die Abschaffung der Quarantäne-Regeln eben solche Ausfälle verhindern. Doch wenn Mitarbeiter Symptome haben, können sie eben auch nicht zur Arbeit kommen. Ohne Symptome könnten sie trotzdem Kollegen anstecken. Und damit nicht genug: Nach der Infektion könnten Kolleginnen und Kollegen an „Long Covid“ erkranken und gleich monatelang ausfallen. Eine mehrtägige Quarantäne, in der in manchen Branchen ja sogar Homeoffice möglich wäre, ist das erheblich kleinere Übel. Und Unternehmen würden nicht nur im wirtschaftlichen Eigeninteresse handeln, sondern als Infektionsschützer auch ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nachkommen.

Dieser Beitrag entstammt dem WiWo-Newsletter Daily Punch. Der Newsletter liefert Ihnen den täglichen Kommentar aus der WiWo-Redaktion ins Postfach. Immer auf den Punkt, immer mit Punch. Außerdem im Punch: der Überblick über die fünf wichtigsten Themen. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%