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Infrastruktur Der Aufstand gegen den Lärm

Der wachsende Widerstand vieler Bürger gegen Bahn-, Flug- und Industrielärm verteuert und verzögert Bauprojekte. Der Interessenkonflikt könnte den Wirtschaftsstandort Deutschland in Gefahr bringen.

Das sind die größten Flughäfen der Welt
Platz 20 - IstanbulDer Flughafen der türkischen Metropole startet durch und verbessert sich auf Platz 20 der Rangliste der größten Flughäfen der Welt. Im Jahr 2012 verzeichnete der Airport Istanbul (IST) ein Plus bei den Passagierzahlen von 20,6 Prozent. 45,1 Millionen Fluggäste zählte der Airport insgesamt und verdrängte damit sogar Shanghai aus den Top 20. In einem Ranking aus dem Januar sah es noch so aus. Quelle: REUTERS
Platz 19 - MadridMit 45,2 Millionen Passagieren kommt der Flughafen Madrid-Barajas (MAD) auf Platz 19 der Weltrangliste. Damit ist der Airport der Verlierer der vergangenen Jahres: Das Aufkommen ist 2012 stark um 9 Prozent gesunken, der Flughafen in der Rangliste um vier Ränge abgerutscht. Der Airport im Nordosten der spanischen Hauptstadt ist das wichtigste europäische Drehkreuz für Flüge nach Mittel- und Südamerika. Quelle: dpa
Platz 18 - Guangzhou (China) Guangzhou (CAN) ist 2010 in die Top 20 aufgerückt und mittlerweile auf Platz 18 vorgerückt. Der chinesische Flughafen verzeichnete einen Zuwachs an Passagieren von 7,8 Prozent. Die Anzahl der Fluggäste, die in der Stadt starteten und landeten, lag insgesamt bei 48,6 Millionen. Quelle: AP
Platz 17 - New YorkAuf Rang 17 mit 49,3 Millionen Passagieren (plus 3,5 Prozent) landet der John F. Kennedy Airport (JFK), der größte der New Yorker Flughäfen. Mit seinen neun Terminals ist JFK eines der wichtigsten Drehkreuze Nordamerikas. Trotz des Plus bei den Fluggästen stagniert konnte der Airport sich in der Rangliste nicht verbessern Quelle: REUTERS
Platz 16 - AmsterdamPlatz 16 im Ranking nimmt der viertgrößte Airport Europas ein: Amsterdam Schiphol (AMS). Der Flughafen mit seinen sechs Start- und Landebahnen zählte im Jahr 2012 51 Millionen Passagiere (plus 2,6 Prozent). Das Bild zeigt die Rückkehr der holländischen Fußball-Nationalmannschaft nach dem verlorenen Finale der WM 2010. Quelle: REUTERS
Platz 15 - SingapurEine Maschine der Singapore Airlines startet vom Flughafen Airport Singapur Changi International (SIN): Gemessen an den Verkehrszahlen landet der Airport im Jahr 2012 auf Rang 15 der weltweit größten Flughäfen – und setzt damit seinen Aufstieg fort. Insgesamt wurden 51,25 Millionen Passagiere abgefertigt. Das waren 10,0 Prozent mehr als im Vorjahr. Quelle: dpa
Platz 14 - BangkokIn der thailändischen Hauptstadt Bangkok (BKK) wurden 2012 10,6 Prozent mehr Passagiere abgefertigt als ein Jahr zuvor. Damit rückt der Airport zwei Plätze vor. 53 Millionen Flugreisende zählte der Flughafen insgesamt. Der neue Flughafen Suvarnabhumi 30 Kilometer östlich der Hauptstadt nahm Ende September 2006 seinen Betrieb auf, die Baukosten beliefen sich auf rund drei Milliarden Euro. Quelle: AP/dapd

Ortwin Baier spricht schnell, dafür ist er bekannt. Doch geht es um den neuen Hauptstadtflughafen BER in Berlin, redet sich der Bürgermeister der Gemeinde Blankenfelde-Mahlow in Rage. „Ich erwarte vom Ministerium die zügige Umsetzung des Urteils“, sagt der SPD-Politiker und fügt ohne Punkt und Komma hinzu: „Es kann nicht sein, dass wir unser Recht erstreiten müssen.“ Seit 2003 kämpft Baier für besseren Lärmschutz in seiner Gemeinde. Mit „akrobatischen Berechnungen“ hätten Behörden und Flughafen versucht, seine 26 000 Mitbewohner zu linken. Das Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin-Brandenburg habe „die Willkür zum Glück beendet“.

Baiers zehnjähriger Kampf hat sich gelohnt. Die Richter am OVG rügten im April den Rechentrick des Flughafenbetreibers. Der Planfeststellungsbeschluss zum BER von 2004 sah vor, dass der Lärmschutz von 55 Dezibel für 14 000 umliegende Wohnungen „kein Mal“ überschritten werden dürfe. Der Flughafen rechnete vor, das sei der Fall, wenn jeden zweiten Tag ein lauter Flieger landete – durch statistisches Abrunden auf null. Doch „kein Mal“ heißt „kein Mal“, so die Richter. Der Flughafen muss den Lärmschutz für die Anwohner nachbessern. Kosten: bis zu 500 Millionen Euro.

Die Flüster-Flugzeuge der Zukunft
Der FlüsterfliegerEin möglichst leises Flugzeugmodell benötigt dünne, nach vorne gekrümmte Flügel für geringe Luftverwirbelungen. Weil die Triebwerke zudem auf dem Höhenruder sitzen, strahlt der Lärm hauptsächlich nach oben ab. Quelle: Illustration: Javier Zarracina
Der SpritsparerPassagierjets mit geringem Treibstoffverbrauch fliegen langsamer als heute übliche Maschinen und haben besonders sparsame, aber quälend laute Open-Rotor-Turbinen mit großen, frei stehenden Triebwerksschaufeln. Quelle: Illustration: Javier Zarracina
Der grüne KompromissFlieger mit geringer Umweltbelastung verbrauchen etwas weniger Treibstoff durch Spartriebwerke mit größerem Durchmesser. Für geräuschärmeres Gleiten sorgen größere Flügel, die am Flughafen hochgeklappt werden können. Quelle: Illustration: Javier Zarracina
Der AusdauerrieseGrößere Flügel ermöglichen Jets für mehr Passagiere und weitere Strecken. Der Grund: In die größeren Tragflächen passt wesentlich mehr Sprit und in der breit gezogenen Kabine finden mehr Passagiere Platz. Quelle: Illustration: Javier Zarracina

Die Null-Toleranzgrenze der Richter bedeutet für den Flughafen, der ohnehin schon drei Milliarden Euro teurer wird als geplant, nicht nur ein wirtschaftliches Desaster. Sie markiert auch den neuen Zeitgeist in Deutschland: Beim Bau von Infrastrukturprojekten gilt konsequenter Lärmschutz. Der Interessenkonflikt zwischen Anwohnern und Wirtschaft lässt sich nur mit hohen Kosten befrieden.

Die Proteste der Bürger sind nachvollziehbar. Für rund 13 Millionen Deutsche gilt Lärm als potenzielle Gesundheitsgefahr. „Lärm ist die am stärksten unterschätzte Umweltbelastung“, sagt Jochen Flasbarth, Präsident des Umweltbundesamts (UBA). Die Europäische Kommission schätzt die durch Verkehrslärm verursachten Kosten europaweit auf 40 Milliarden Euro pro Jahr: Herzinfarkte, Schlafstörungen, Umweltschäden. 54 Prozent der Deutschen fühlen sich laut UBA durch Straßenlärm belästigt, jeder Dritte durch Züge und Industrieanlagen. Selbst die Nachbarn gelten bei 42 Prozent der Deutschen als störende Geräuschkulisse.

Doch inzwischen schälen sich die Kosten heraus, wenn das Pendel in die andere Richtung schwingt. Lärmminderung verschlingt zig Milliarden. Klagewellen verzögern Ausbauprojekte. Politische Vorgaben ersticken den finanziellen Spielraum von Städten und Kommunen. „Die Leistungsfähigkeit der Verkehrsinfrastruktur droht dadurch zu kippen“, sagt Frank Schmid, Chef der Verkehrsberatung Schmid Mobility Solutions in Willich bei Düsseldorf. „Der Zielkonflikt zwischen Lärmschutz und Infrastrukturausbau bedroht inzwischen auf gefährliche Weise den Standort Deutschland.“

Lärm - Urteile
Foto einiger Hühner Quelle: dpa
Foto von spielenden Kindern Quelle: dpa
Foto eines großen Biergartens Quelle: dpa
Foto eines Staus auf einer Autobahn Quelle: dpa
Foto einer stark befahrenen Straße Quelle: dpa
Foto des Berliner Hauptbahnhofes Quelle: dpa
Bild einer Motorradfahrer-Truppe Quelle: dpa

Allein der Zeit- und Kostenplan beim Schienenkorridor zwischen Karlsruhe und Basel hinkt wegen des Krachs um Lärm deutlich hinterher. Für Deutschland ist die Güterstrecke wichtig. Bis 2025 soll sich die Zahl der Container, die aus den Häfen Rotterdam, Bremerhaven und Hamburg gen Italien rollen, verdoppeln.

Um Lärmschutz zu gewähren, versenkt die Deutsche Bahn nun zwischen den zehn Kilometer entfernten Orten Bad Krozingen und Buggingen bei Freiburg die Gleise in einen mehrere Meter tiefen Trog – und damit zusätzliche 166 Millionen Euro. Die Bürger von Offenburg verlangen sogar die Untertunnelung der Stadt, damit Güter nicht hindurchrollen. Mehrkosten: 780 Millionen Euro. Die Kosten für die gesamte Strecke, die ursprünglich mit fünf Milliarden Euro veranschlagt waren, drohen durch die umfassende Vorsorge um bis zu 20 Prozent teurer zu werden.

„Im Einzelnen sind die Belange nachvollziehbar“, sagt Schmid. „Doch unterm Strich gehen die Mehrkosten zulasten anderer Projekte, die im Bundesverkehrswegeplan aufgelistet sind, aber keine Chancen haben, realisiert zu werden.“ Es sei einfach „zu wenig Geld im Verkehrsetat“.

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