Innovationskraft: So wird Deutschland zum Start-up-Mekka
Erfindergeist und Innovationskraft sind nicht nur die Grundlage unseres Wohlstands, sondern auch Voraussetzung für die Lösung drängender Herausforderungen von der Energie- über die Mobilitätswende bis hin zur digitalen Transformation. Mit einem einzigartigen Wirtschaftsstandort, der neben innovationsstarken Mittelständlern und etablierten Konzernen zunehmend auch von Start-ups geprägt wird, hat Deutschland das Potenzial, eine solide Wohlstandsgrundlage für nächste Generationen zu entwickeln. Wenn wir für bessere Standortbedingungen sorgen. Wenn!
Die Innovationskraft von neuen Technologien – von KI bis New Space – entscheidet letztlich über die Zukunftsfähigkeit unseres Landes. Der Anspruch, unsere Wettbewerbsfähigkeit nur zu erhalten, genügt nicht. Denn wir haben das Potenzial, in den entscheidenden Feldern führend zu werden. Das verdeutlicht auch ein Blick auf die Weltbühne: Europa und Deutschland haben zwischen den gespaltenen USA mit einer zunehmend monopolistischen Digitalwirtschaft und der staatskapitalistischen Diktatur China die Möglichkeit, ein offener Innovationshub zu werden.
Umso ernüchternder ist es, mit welcher Abneigung viele Entscheidungsträger derzeit in der Debatte um disruptive Technologien wie künstliche Intelligenz agieren. Sofern wir jetzt nicht für exzellente Standortbedingungen sorgen, entstehen gerade in den USA und China die Akteure, die das Spielfeld der Zukunftstechnologien unter sich aufteilen werden – und weitaus weniger ethische und rechtliche Anforderungen an die Technologien stellen als wir.
Unternehmerischer Erfolg entsteht nicht dabei nur durch innovative Ideen, sondern auch durch deren erfolgreiche Umsetzung in die Praxis. Hier bleiben deutsche Akteure weit hinter ihrem Potenzial zurück. Beispiel KI: Obwohl viele Durchbrüche bei neuronalen Netzen und Bilderkennung auf die deutsche Wissenschaft zurückgehen, sitzen die großen Unternehmen und Unicorns fast ausschließlich in den USA und China – während Start-ups hierzulande zu selten über das Forschungsstadium hinauskommen.
Entscheidend für ein starkes Gründungsökosystem ist eine bessere Vernetzung von Hochschulen, Unternehmen, Kapitalgebern und Start-ups. Dies belegt auch eine aktuelle Studie von BDI und Roland Berger. Im Ranking der innovationsstärksten Länder liegen diejenigen an der Spitze, die nicht nur in leistungsfähige Wissenschaft investieren, sondern auch das Potenzial der Zusammenarbeit von Forschung und Wirtschaft besonders effektiv nutzen.
Auch bei Plattformen, die innovativen Start-ups den Zugang zu Investoren erleichtern können, bleiben wir im globalen Vergleich hinter unseren Möglichkeiten zurück.
Ein positives Beispiel mit internationaler Strahlkraft ist das Gründerzentrum UnternehmerTUM, hinter dem die BMW-Erbin Susanne Klatten steht. Die Start-up-Schmiede beschäftigt rund 400 Mitarbeitende und hat sich jüngst in einer Allianz mit anderen europäischen Zentren zusammengeschlossen. Über 550 Unternehmen sind mittlerweile aus UnternehmerTUM hervorgegangen – auch weil das Team um Gründer und Vorstandschef Helmut Schönenberger seit dem Start vor über 20 Jahren in ein starkes Netzwerk aus Wissenschaft, Familienunternehmen, Konzernen und jungen Gründern investiert.
KI-Verwaltung made in Europe – das wär' was!
Spricht man mit Gründern über den Standort Deutschland, spürt man aber meist den großen Frust über langsame und komplizierte Behörden. Der Start-up-Verband bestätigt in einer aktuellen Umfrage, dass fast 90 Prozent der Gründer in der Beschleunigung und Vereinfachung von Verwaltungsprozessen den entscheidenden Faktor zur Stärkung des Start-up-Ökosystems sehen. Start-ups, die Lösungen für eine digitale Verwaltung entwickeln, gibt es in Deutschland genug. Beispiel Aleph Alpha: Das mehrfach ausgezeichnete Heidelberger Start-up entwickelt KI-Modelle für Texte und Bilder – im Gegensatz zu Konkurrenzsystemen wie GPT-4 sollen die Modelle transparent, fehlerfrei und nachvollziehbar arbeiten. Und als Produkt „made in Europe“ halten sich die Systeme an europäisches und deutsches Recht. Systeme wie die von Aleph Alpha könnten eine Schlüsselrolle in der digitalen Souveränität des öffentlichen Sektors spielen. Doch statt die Verwaltung nicht nur zu digitalisieren und die modernste Verwaltung der Welt zu schaffen, hat der Bundesrat kürzlich eine Initiative zum Einsatz von KI bei Verwaltungsentscheidungen gestoppt. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Fehler bald korrigiert wird.
Auch die Gewinnung von Fachkräften ist nach wie vor eine der größten Wachstumsbremsen für Start-ups. Wenn Deutschland zum Mekka für die besten Fachkräfte werden soll, reicht das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz allein nicht aus. Was viele zu vergessen scheinen, die das Thema derzeit maßgeblich mit Schlagworten aus den Neunzigerjahren diskutieren, ist, dass sich die Welt seitdem grundlegend verändert hat. Unser demografisches Problem teilen wir mit Dutzenden anderen Industriestaaten – darunter auch neuen Wettbewerbern wie Estland. Während beispielsweise Gründer aus dem EU-Ausland in Deutschland derzeit ein Visum und eine Aufenthaltserlaubnis beantragen müssen, um sich selbstständig zu machen, gibt es in Estland und rund 30 weiteren Ländern Programme, die Gründungswillige ins Land locken sollen.
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