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Inseln der Jungen und Gebildeten Die neue Spaltung Deutschlands

Frau zieht Hund von einem vernagelten Fenster weg: Während die Städte einen nie gekannten Boom erleben, bluten die Dörfer aus Quelle: imago images

Von wegen Landlust: Junge Menschen ziehen in Scharen in die Ballungszentren. Zurück bleiben überalterte Dörfer ohne Infrastruktur. Der Trend ist inzwischen so stark, dass sich eine neue Spaltung Deutschlands abzeichnet.

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Deutschland muss ein gespaltenes Land sein, eine andere Schlussfolgerung lassen die Daten nicht zu. Die Rede ist hier nicht von Ost gegen West oder Linksalternativen gegen Rechtskonservative – zumindest nicht direkt –, sondern vom wachsenden Stadt-Land-Gefälle. Jahr für Jahr wandern mehr Dörfler und Kleinstädter in die Großstädte. Und das Schlimmste: Sie kommen nicht zurück.

So hat sich über die Jahre aus einem zarten Trend eine Massenbewegung geformt, die das Antlitz Deutschland verändert hat. Die Abwanderer zeichnen sich vor allem durch zwei Merkmale aus: Sie sind jünger als der Durchschnitt. Und sie sind besser qualifiziert.

Das zeigen neue Daten, die das Institut für Wirtschaftsforschung (IW) Köln ausgewertet hat. Die Forscher haben dafür unter anderem die Anzahl der Akademiker in Deutschlands Landkreisen untersucht. Sind viele von ihnen an einem Ort, so haben die Forscher festgestellt, dann deutet das auf eine überdurchschnittlich junge Bevölkerung hin, außerdem auf attraktive Arbeitgeber und hohe Kaufkraft.

Die Studie zeigt: Die Studierten haben sich sehr ungleich über die Bundesrepublik verteilt. Die wenigsten Akademiker leben im niedersächsischen Wittmund. Dort haben gerade einmal sechs Prozent der Bevölkerung studiert. Nur wenig besser sieht es in Freyung Grafenau aus (6,2 Prozent), im Eifelkreis Bitburg Prüm (6,4 Prozent) oder in Cham (6,6 Prozent).

Was auffällt: Obgleich in der Debatte der Osten Deutschlands oft als abgehängt wahrgenommen wird und der Westen als besser situiert, so zeigen diese Daten ein anderes Bild. Die zehn Regionen mit den wenigsten Akademikern liegen sämtlich in Westdeutschland. Die bundesweit meisten Akademiker kann Jena mit knapp 40 Prozent verzeichnen. Ostdeutschland also.

Es ist jedoch auch nicht so, als habe der Osten den Westen abgehängt. Nach Jena folgt ein langer Reigen an zumeist westdeutschen Großstädten. Und nach den städtischen Akademiker-Top-Ten folgen stadtnahe Landkreise wie Starnberg oder der Landkreis München. Die Stadt-Land-Spaltung zeigt sich auch auf der Landkarte: Die meisten Kreise weisen einen niedrigen bis sehr niedrigen Akademiker-Anteil auf, während die Großstädte wie vereinzelte Inseln hervorstechen, auf denen sich die Akademiker treffen. Oder, wie es die IW-Forscher formulieren: „Die Vorliebe junger, qualifizierter Menschen für große Städte sorgt inzwischen für eine starke Konzentration dieser Bevölkerungsgruppe in den Metropolen.“

Das hat auch den Altersschnitt verändert: War noch vor 20 Jahren die Stadtbevölkerung im Schnitt ein Jahr älter als die Menschen auf dem Land, so ist sie heute mehr als zwei Jahre jünger. Die Städte werden damit überrannt von vornehmlich jungem Potential, während das Land immer hoffnungsloser zurückbleibt.

Zu diesem Ergebnis ist auch Karl Martin Born gelangt, der am Institut für Strukturforschung der Universität Vechta lehrt und zudem den Arbeitskreis Dorfentwicklung leitet. „Die Kluft zwischen gutversorgten und schlechtversorgten Regionen wächst“, konstatiert Born und meint hier vor allem örtliche Infrastruktur wie Geschäfte, Krankenhäuser oder soziale Treffpunkte. Ein Schlüssel, um dieses Problem zu lösen, sei Mobilität. Wer eine Auto hat, kann zum Arbeiten oder Einkaufen in die nächste Kreisstadt fahren. Doch was ist mit denen, die nicht mobil sind?

Born hat vor allem zwei Verlierer-Gruppen ausgemacht; die Abgehängten des Mobilitäts-Zwangs: alte und junge Menschen. Alte Menschen, die nicht mehr mobil sind, bleiben in der Regel auf dem Dorf. Und viele sind nicht einmal unglücklich damit, wie Born erzählt: „Das subjektive Wohlbefinden bei ihnen ist höher als bei Städtern.“

Anders sieht das bei der zweiten Gruppe aus, den Kindern und Jugendlichen. Wenn die alt genug werden, um mobil zu sein, nutzen sie die Mobilität oft nicht nur zum täglichen Pendeln in die nächste Kreisstadt. Sie ziehen gleich ganz weg.

Und das vielleicht Schlimmste ist: Wer das Land einmal verlassen hat, kommt den Erkenntnissen der Forscher zufolge nicht mehr zurück. Dadurch wird eine unheilvolle Spirale in Gang gesetzt: Weil kaum noch junge Menschen da sind, gibt es keine Infrastruktur mehr für sie, keine Schulen, keine Kitas. Das wiederum hält selbst die motivierteren Exil-Dörfler davon ab, zurück aufs Land zu ziehen.

Bleibt die Frage, ob die neue Spaltung Deutschlands unumkehrlich ist, die die IW-Experten etwas umständlich als „großräumige Bildungs- und Alterssegregation in Deutschland“ bezeichnen. Die IW-Forscher wollen sich zumindest nicht geschlagen geben. Im Anschluss an ihre Analyse folgt ein ganzer Katalog an Vorschlägen, der vor allem darauf abzielt, junge Menschen auf dem Land zu halten. Berufsschulen und Praktika sollen gestärkt, Forschungseinrichtungen angesiedelt werden.

Auch gegenüber den Akademikern könnten die ländlichen Kreise einige Trümpfe ausspielen, glauben die Forscher: So gebe es auf dem Land statistisch gesehen mehr Gehaltserhöhungen als in Ballungsräumen. Zudem bleibe mehr Geld übrig, weil die Lebenshaltungskosten niedriger seien.

Sollte all das nicht reichen, raten die Forscher zu einem letzten Befreiungsschlag: Wenn nicht die gesamte Fläche mit Infrastruktur versorgt werden könnte, dann sollten die Regionen sich auf zentrale Orte fokussieren, die die Versorgung des Umlandes sicherstellen können. Damit die Region nicht ganz entvölkert wird. Profiteure wären die Klein- und Mittelstädte, die sich ohnehin neuer Beliebtheit erfreuen. Vielleicht würden dann ja auch die Akademiker ihre Insel-Metropolen wieder verlassen.

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