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Integration in den Arbeitsmarkt Der Fluch des Niedriglohnsektors

Auch gut gebildete Flüchtlinge landen oft in Aushilfsjob Quelle: dapd

Geflüchtete sollten den Fachkräftemangel beheben, hieß es. Doch selbst diejenigen, die studiert haben und über großes Potenzial verfügen, landen bis heute oft in Aushilfsjobs, statt ausgebildet zu werden. Warum?

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Für Omar* bedeutet in Deutschland leben bisher vor allem eines: in Deutschland warten. Nach seiner Ankunft 2015 wartete der Syrer acht Monate auf seine Papiere, damit er einen Sprachkurs besuchen durfte. Er wartete auf einen weiteren Sprachkurs, der nötig war, um sein in Damaskus begonnenes Chemie-Studium fortsetzen zu können. Er wartete zwei Monate auf die Anerkennung seines Bachelor-Zeugnisses. Und dann – als feststand, dass er keinen Master in der Stadt, in der er lebt, würde machen können – monatelang auf einen Bildungsgutschein vom Jobcenter, um sich zum Pharmaberater fortbilden zu lassen. Als er den Gutschein hatte, erfuhr er, dass die Maßnahme ausfällt – und er wartete auf die nächste. 

„Ich habe so viel gekämpft“, sagt Omar und lächelt beinahe entschuldigend. „Ich habe keine Ahnung, warum das bei mir alles so lange dauert.“

Als der heute 28-Jährige 2015 wie Hunderttausend andere aus Syrien nach Deutschland floh, sagte Daimler-Chef Dieter Zetsche, die Geflüchteten würden die Basis „für das nächste deutsche Wirtschaftswunder“ und Post-Chef Frank Appel prognostizierte, die Flüchtlingshilfe sei eine „langfristige Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland“. Die Geflüchteten als Lösung des deutschen Fachkräftemangels. Omars Geschichte dagegen zeigt: Die Chance, mithilfe der gutausgebildeten und studierten Geflüchteten gegen den Fachkräftemangel anzugehen, lassen Großunternehmer und die Gesellschaft liegen zugunsten kurzfristiger Erwägungen. 

Anstatt die Potenziale dieser Geflüchteten zu heben, anstatt sie weiter zu qualifizieren, werden sie aufs Abstellgleis im Jobcenter geschoben. Am Ende tummeln sich viele von ihnen im Niedriglohnsektor und erhöhen die Konkurrenz um eine Helferstätigkeit, für die es keine Ausbildung braucht und auf die schon jetzt zehn Arbeitslose pro Stelle kommen. 

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) schätzte im vergangenen Jahr die Zahl der offenen Stellen in diesem Bereich auf 150.000. Dem stehen aktuell allein 500.000 Geflüchtete gegenüber, die bei der Bundesagentur für Arbeit als arbeitssuchend gemeldet sind – und ungleich mehr weitere Arbeitslose. Gleichzeitig steigt die Arbeitskräftenachfrage im qualifizierten Bereich, für gutausgebildete Geflüchtete böten sich hervorragende Berufschancen, würden sie weiter qualifiziert. 

Eine Analyse des IAB aus dem vergangenen Jahr zeigt: Der Erwerb eines deutschen Bildungsabschlusses oder sehr guter Deutschkenntnisse erhöhten die Beschäftigungswahrscheinlichkeit und das Gehalt von Geflüchteten in der Vergangenheit jeweils um rund 20 Prozent. Eine Investition von 3,3 Milliarden Euro in Bildung und Sprache, schließen die Autoren, könnte die Kosten der Flüchtlingszuwanderung bis 2030 um 11 Milliarden Euro reduzieren. Doch eine solche „langfristige Investition in die Zukunft des Wirtschaftsstandorts Deutschland“ (Postchef Appel) bleibt bislang weitgehend aus.

Zwar sind es mittlerweile mehr als 300.000 geflüchtete Syrer, Afghanen und Iraker, die eine Anstellung gefunden haben. Trotzdem leben zwei von drei Geflüchteten von Hartz IV – manche komplett, andere stocken ihren Lohn auf. 

*Name von der Redaktion geändert

Unterhalb ihres Qualifikationsniveaus

Das IAB geht davon aus, dass jeder vierte Geflüchtete bereits einen Job hat, jeder fünfte sogar einen sozialversicherungspflichtigen. „Das entspricht in etwa dem, was wir 2015 erwartet haben. Die Zahl ist nicht sensationell – aber auch nicht schlecht“, sagt Herbert Brücker, der Leiter des Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“ des IAB. Dass die Zahl der Geflüchteten in Arbeit auf diesem Niveau liegt, ist vor allem der robusten Arbeitsmarktsituation in Deutschland geschuldet. Boomt die Wirtschaft nicht mehr, geht auch die Zahl der Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor zurück – und die Konkurrenzsituation steigt weiter. Das dürfte die Situation für die Geflüchteten deutlich erschweren.  

„Das Problem ist: Viele Geflüchtete sind unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt“, sagt Brücker. Sie sind Leiharbeiter, schuften in Küchen oder bei Sicherheitsdiensten. Nur knapp 28.000 junge Geflüchtete haben eine Lehre begonnen, seit Ende 2017 bemühen sich 35.000 weitere bei der Bundesagentur für Arbeit um einen Ausbildungsplatz. 

Darin sieht auch Integrationsforscher Stefan Luft ein Problem. „Vieles deutet darauf hin, dass die bisher beschäftigten Flüchtlinge vor allem als Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor angedockt sind.“ Langfristig dürfte das die gleichen negativen Konsequenzen haben, die schon die mangelhafte Integration der sogenannten Gastarbeiter zeitigte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen. „Wir haben unsere Gesellschaft damals mit geringqualifizierten und nicht-integrierten Arbeitskräften unterschichtet – die negativen Folgen davon haben sich über Generationen hinweg fortgepflanzt“, sagt Luft. „Im Schnitt sind die Nachkommen der Gastarbeiter auch heute noch häufiger arbeitslos, benötigen eher Transferleistungen und verfügen über niedrigere Qualifikationen als der Durchschnitt der Aufnahmegesellschaft.“ Das bringt hohe soziale und fiskalische Kosten mit sich, die bei erfolgreicher Integration hätten vermieden werden können, meint Luft. Die Fehler der Vergangenheit scheinen sich nun bei den Geflüchteten zu wiederholen.

Warum versucht die Politik nicht, solchen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken? Warum werden nicht mehr Anreize geschaffen, damit Geflüchtete wie Omar, die studiert und das Potenzial zur Fach- oder sogar Spezialkraft haben, dieses auch kultivieren können?

„Weil es hier einen Zielkonflikt gibt, ist es schwierig, diese Frage zu beantworten“, sagt Brücker vom IAB. 

Einerseits: Drei Viertel der Geflüchteten haben in ihrem Heimatland bereits einen Beruf ausgeübt. „Aus den Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosigkeit wissen wir: Je länger Menschen aus der Arbeitswelt heraus sind, desto unwahrscheinlicher wird es, sie noch einmal in den Arbeitsmarkt zu integrieren.“ Das spricht dafür, dass es erst einmal von Vorteil ist, überhaupt einem Job nachzugehen, einen geregelten Tagesablauf zu haben, nicht nur daheim zu sitzen.

Andererseits: „Der Erwerb von Humankapital ist langfristig betrachtet eminent wichtig“, sagt Brücker. Eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren hilft der deutschen Wirtschaft langfristig mehr als weitere billige Arbeitskräfte, die auf dem ohnehin schon überfüllten Niedriglohnsektor gegeneinander um eine Stelle kämpfen.

Aktuell untersucht das IAB, wie sich Integrationskurse und Fortbildungsmaßnahmen auf die Chancen der seit 2015 ins Land gekommenen Geflüchteten auf einen Arbeitsplatz auswirken. „Wir haben noch keine abschließenden Ergebnisse“, sagt Brücker. „Aber die Evidenz zeigt: Wer einen Sprachkurs absolviert hat oder sogar eine Ausbildung gemacht hat, lässt sich eher in die Arbeitswelt integrieren.“

„Wenn ich nichts Besseres finde, gehe ich zu Amazon“

Dass nicht mehr Geflüchtete bereits im Arbeitsmarkt Fuß gefasst haben, ist aus Sicht von Integrationsforscher Luft auch der Überforderung der Behörden geschuldet ­ in Anbetracht der Hunderttausende, die 2015 nach Deutschland kamen. Die Folgen dieser Überforderung sind immer noch zu spüren. „Es gibt weiter zu wenig Integrationskurse für alle Flüchtlinge, die einen Anspruch darauf hätten“, sagt Luft. „Das erschwert die Eingliederung in den Arbeitsmarkt zusätzlich.“

Daneben sieht Luft die Unternehmen, insbesondere die großen Daxkonzerne, in der Verantwortung. „Die Ankündigungen der Konzernlenker 2015 waren enorm“, sagt Luft. Allein: Der große Wurf blieb aus. Gerade einmal 800 Geflüchtete waren im vergangenen Jahr bei den 30 Daxkonzernen angestellt, weitere 700 absolvierten dort eine Ausbildung, wie eine Umfrage des Deutschlandfunk ergab. Gemessen an der weltweiten Belegschaft der Daxkonzerne waren das gerade einmal 0,2 Prozent – geflüchtete Praktikanten und Auszubildende miteingerechnet. „Die Unternehmen müssten sich deutlich stärker engagieren“, fordert Luft.

Das wünscht sich auch Omar. Der studierte Chemiker wartet nun seit mehr als drei Jahren darauf, arbeiten zu dürfen, sich einzubringen in die Gesellschaft, die ihn aufgenommen hat. In der Zeit hat er hervorragend Deutsch gelernt, ein Praktikum beim Max-Planck-Institut absolviert, ehrenamtlich als Englisch-Sprachlehrer in einem Mehrgenerationenhaus gearbeitet. Allein, einen Job hat er nicht gefunden.

„Ich hatte die Hoffnung, weiter studieren zu können“, sagt Omar. Aber er verfehlte knapp den Numerus Clausus für ein Masterstudium der Chemie in seiner Heimatstadt. Deswegen absolviert er aktuell weitere Fortbildungen. Jeden Tag, von 8:30 Uhr bis 13:30 Uhr sitzt er in den Räumlichkeiten eines privaten Bildungsunternehmens vor einem Computer und folgt per Videoschalte einer Schulung. „Das ist extrem passiv und langweilig“, sagt er. Statt ernsthaft ausgebildet zu werden, hat er das Gefühl, seine Zeit zu vertrödeln – um am Ende ein Zertifikat zu erhalten, ein Stück Papier. „Jetzt will ich nur noch arbeiten“, sagt Omar. „Wenn im November meine Maßnahme endet und ich nichts Besseres finde, gehe ich ins Lager zu Amazon.“ Er lächelt und zuckt die Schultern.

Durch eine gigantische Halle laufen und Produkte aus Regalen zusammenklauben, anstatt einen Beruf zu lernen: Das steht dem 28-Jährigen womöglich bevor. „Hauptsache nicht mehr rumsitzen. Das Rumsitzen macht depressiv“, sagt Omar. „Ich kann nichts dagegen machen. Was für einen Wert habe ich? Ich habe nichts, ich kann nichts machen, was soll ich tun?“

Er versucht es mit Bewerbungen, die er zu hunderten in den Briefkasten wirft. „An manchen Tagen verschicke ich 25 Bewerbungen, jeden Tag kriege ich Ablehnungen, Ablehnungen.“ Mal heißt es, er sei überqualifiziert wegen seines Bachelorabschlusses, mal reicht ebendieser nicht aus. Und wenn doch einmal ein Arbeitgeber interessiert ist, scheitert es an etwas anderem, etwa dem fehlenden Führerschein. Das war im Juni. „Als der Rückruf von der Firma kam, war ich so glücklich“, erzählt Omar. „Sie waren sehr sympathisch und interessiert – aber ohne einen Führerschein kann ich nicht als Pharmaberater arbeiten.“

Zwei Monate vergingen, bis das Jobcenter ihm einen Fahrschulkurs bewilligte, im September oder Oktober dieses Jahres könnte er den Führerschein haben. „Ich habe keine Ahnung, ob ich die Stelle dann noch kriegen werde. Aber so weit war ich noch nie“, sagt Omar und schöpft ein wenig Hoffnung. Ansonsten wartet das Amazon-Lager. 

Dass Omar dort landen könnte, hängt weniger mit seinen Fähigkeiten zusammen. Wie viele Geflüchtete in der Großstadt, hat er kaum Kontakt zu Menschen, die schon lange in Deutschland leben. „Aus der Integrationsforschung wissen wir, dass Netzwerke, und zwar interethnische, eine ganz zentrale Rolle spielen für den Spracherwerb, die Integration in den Arbeitsmarkt und die kulturelle Integration“, sagt Integrationsforscher Stefan Luft. „In ländlichen, klein- und mittelstädtischen Regionen werden Arbeits- und Ausbildungsplätze vor allem über lokale Netzwerke vergeben.“ Wer sich in der freiwilligen Feuerwehr engagiert und so in die Gemeinschaft hineinwächst, verbessert seine Chancen.

Das hat auch Omar längst verstanden. „Uns Geflüchteten fehlt oft eine Chance, um uns beweisen zu können, jeder von uns wäre dankbar, wir würden 110 Prozent geben“, sagt er. „Wenn ich jemanden kennen würde, der in der Chemie-Industrie arbeitet und ich mich in einer Firma beweisen könnte...“ – und dann bricht er ab. „Aber so jemanden finde ich nicht.“

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