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Integration in den Arbeitsmarkt Der Fluch des Niedriglohnsektors

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Unterhalb ihres Qualifikationsniveaus

Das IAB geht davon aus, dass jeder vierte Geflüchtete bereits einen Job hat, jeder fünfte sogar einen sozialversicherungspflichtigen. „Das entspricht in etwa dem, was wir 2015 erwartet haben. Die Zahl ist nicht sensationell – aber auch nicht schlecht“, sagt Herbert Brücker, der Leiter des Forschungsbereichs „Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung“ des IAB. Dass die Zahl der Geflüchteten in Arbeit auf diesem Niveau liegt, ist vor allem der robusten Arbeitsmarktsituation in Deutschland geschuldet. Boomt die Wirtschaft nicht mehr, geht auch die Zahl der Arbeitsplätze im Niedriglohnsektor zurück – und die Konkurrenzsituation steigt weiter. Das dürfte die Situation für die Geflüchteten deutlich erschweren.  

„Das Problem ist: Viele Geflüchtete sind unterhalb ihres Qualifikationsniveaus beschäftigt“, sagt Brücker. Sie sind Leiharbeiter, schuften in Küchen oder bei Sicherheitsdiensten. Nur knapp 28.000 junge Geflüchtete haben eine Lehre begonnen, seit Ende 2017 bemühen sich 35.000 weitere bei der Bundesagentur für Arbeit um einen Ausbildungsplatz. 

Darin sieht auch Integrationsforscher Stefan Luft ein Problem. „Vieles deutet darauf hin, dass die bisher beschäftigten Flüchtlinge vor allem als Geringqualifizierte im Niedriglohnsektor angedockt sind.“ Langfristig dürfte das die gleichen negativen Konsequenzen haben, die schon die mangelhafte Integration der sogenannten Gastarbeiter zeitigte, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kamen. „Wir haben unsere Gesellschaft damals mit geringqualifizierten und nicht-integrierten Arbeitskräften unterschichtet – die negativen Folgen davon haben sich über Generationen hinweg fortgepflanzt“, sagt Luft. „Im Schnitt sind die Nachkommen der Gastarbeiter auch heute noch häufiger arbeitslos, benötigen eher Transferleistungen und verfügen über niedrigere Qualifikationen als der Durchschnitt der Aufnahmegesellschaft.“ Das bringt hohe soziale und fiskalische Kosten mit sich, die bei erfolgreicher Integration hätten vermieden werden können, meint Luft. Die Fehler der Vergangenheit scheinen sich nun bei den Geflüchteten zu wiederholen.

Warum versucht die Politik nicht, solchen Fehlentwicklungen entgegenzuwirken? Warum werden nicht mehr Anreize geschaffen, damit Geflüchtete wie Omar, die studiert und das Potenzial zur Fach- oder sogar Spezialkraft haben, dieses auch kultivieren können?

„Weil es hier einen Zielkonflikt gibt, ist es schwierig, diese Frage zu beantworten“, sagt Brücker vom IAB. 

Einerseits: Drei Viertel der Geflüchteten haben in ihrem Heimatland bereits einen Beruf ausgeübt. „Aus den Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosigkeit wissen wir: Je länger Menschen aus der Arbeitswelt heraus sind, desto unwahrscheinlicher wird es, sie noch einmal in den Arbeitsmarkt zu integrieren.“ Das spricht dafür, dass es erst einmal von Vorteil ist, überhaupt einem Job nachzugehen, einen geregelten Tagesablauf zu haben, nicht nur daheim zu sitzen.

Andererseits: „Der Erwerb von Humankapital ist langfristig betrachtet eminent wichtig“, sagt Brücker. Eine Ausbildung oder ein Studium zu absolvieren hilft der deutschen Wirtschaft langfristig mehr als weitere billige Arbeitskräfte, die auf dem ohnehin schon überfüllten Niedriglohnsektor gegeneinander um eine Stelle kämpfen.

Aktuell untersucht das IAB, wie sich Integrationskurse und Fortbildungsmaßnahmen auf die Chancen der seit 2015 ins Land gekommenen Geflüchteten auf einen Arbeitsplatz auswirken. „Wir haben noch keine abschließenden Ergebnisse“, sagt Brücker. „Aber die Evidenz zeigt: Wer einen Sprachkurs absolviert hat oder sogar eine Ausbildung gemacht hat, lässt sich eher in die Arbeitswelt integrieren.“

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