WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Internetwahlkampf Die Piratenpartei dominiert den Wahlkampf im Netz

Seite 4/4

Twitter Buetikofer

„Die Piratenpartei ist die einzige politische Gruppierung in Deutschland, die tatsächlich basisdemokratisch funktioniert“, sagt Wolter. Diese Idee spiegelt auch das grundlegende Organisationsprinzip der Piratenpartei wider, die sogenannten „Crews“.

Die Partei hat keine Ortsverbände, die ihre Terrains strikt aufteilen, sondern ausschließlich kleine Aktionsgruppen. Die bilden sich spontan, sobald sich in einem Gebiet mindestens fünf Personen zusammentun. Sie organisieren sich über das Internet, treffen sich dann regelmäßig bei Stammtischen und planen ihre Aktivitäten in der realen Welt. Sobald zu einer Gruppe mehr als neun Personen gehören, kommt es zur Zellteilung — aus einer Crew werden zwei.

Transparenzprinzip dauerhaft haltbar?

Bei Entscheidungen in der Partei gilt das Prinzip absoluter Transparenz: Die Vorstandssitzungen werden per Video- oder Sprachkonferenz veranstaltet, jeder Pirat kann sich einschalten und mitreden. Sogar die Finanzlage der Partei, die Einnahmen und Ausgaben der einzelnen Crews und die Spendensummen sind im Internet öffentlich zugänglich.

Doch in der Partei mehren sich Zweifel, wie lange die praktizierte Demokratisierung aufrechtzuerhalten ist. Die Zahl der Crews ist in den vergangenen Wochen so stark gestiegen, dass es für die Landesverbände immer schwieriger wird, die Aktivitäten zu überblicken. Auch die inhaltliche Ausrichtung einzelner Crews bereitet der Partei zunehmend Probleme. So wollte eine Gruppe aus Brandenburg mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens in den Wahlkampf ziehen – erst kurz bevor die Plakate gedruckt wurden, konnte der Bundesvorstand die Crew zurückpfeifen.

In den Foren der Partei wird seit Wochen diskutiert, ob sich die unbegrenzte Transparenz durchhalten lässt oder ob strategische Entscheidungen in geheime Gremien gehören. Bisher ist die Mehrheit für Transparenz. Doch wie ein Erfolg bei der Bundestagswahl die Partei verändern würde, ist nicht abzusehen.

Zudem muss sich zeigen, wie es die Partei schafft, ihre Mitglieder vom Bildschirm auch zum Wahlkampf auf der Straße zu bewegen und die „Offlinies“ anzusprechen, wie es im Parteijargon heißt. Denn der Durchschnittswähler hat das Bild einer Chaotentruppe, wenn er die Piraten überhaupt kennt.

Deshalb tut Pirat Patrick Wolter zurzeit jedes Wochenende das, was schon etliche Parteimitglieder anderer Parteien seit Jahrzehnten praktizieren: Er tingelt durch die Fußgängerzonen und Bahnhofshallen des Ruhrgebiets, verteilt Flyer, diskutiert mit Passanten. Er weiß: Um ins Parlament einzuziehen, nutzen der Piratenpartei Sympathiebekundungen im Internet nichts — dafür muss sie rund 2,4 Millionen Menschen dazu bewegen, von der Couch aufzustehen und ins reale Wahllokal zu gehen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%