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Interview: Martin Kannegiesser befürchtet Unruhe in Betrieben

Erstmals seit mehr als 20 Jahren steigt die Zahl der IG-Metall-Mitglieder. Gesamtmetall-Chef Kannegiesser warnt vor einer Nachschlagsdebatte und Unruhestiftern in den Betrieben. Die Forderungen der IG-Metall hält er für inakzeptabel.

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Martin Kannegiesser, Gesamtmetall-Chef Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Kannegiesser, erstmals seit mehr als 20 Jahren steigt in diesem Jahr die Zahl der IG-Metall-Mitglieder. Finden Sie das als Arbeitgeber gut oder schlecht?

Martin Kannegiesser: Ich sehe das positiv. Dass wieder mehr Arbeitnehmer die Arbeit der IG Metall schätzen, ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Gewerkschaft seit dem sogenannten „Pforzheim-Prozess“ und mit der gemeinsamen Bewältigung der Wirtschaftskrise einen Kurs zu mehr Betriebsnähe und kompetentem Pragmatismus gefunden hat. Ideologische Phrasen und Krawall stoßen heute in unserer Technologiebranche eher ab.

Ihre Gelassenheit in Ehren, aber steigt mit wachsendem Organisationsgrad nicht das Konfliktpotenzial in den Betrieben?

Nicht zwangsläufig. Wir haben aus gutem Grund eine verfassungsrechtliche Unterscheidung zwischen Betriebs- und Tarifparteien. Deren Rollen dürfen nicht miteinander vermengt werden. Wenn die IG Metall versuchen würde, unsere Belegschaften aus ideologischen oder organisationspolitischen Gründen vor ihren Wagen zu spannen, würde dies vermutlich misslingen – und zu massiven Gewerkschaftsaustritten führen. Wer aus organisationspolitischem Interesse Unruhe in die Betriebe trägt, höhlt die friedensstiftende Wirkung des Flächentarifs aus.

Sehen Sie dafür Anzeichen?

In den vergangenen Jahren konnten wir auch in komplizierten tarifpolitischen Fragen und in schwierigem wirtschaftlichem Umfeld tragfähige Lösungen finden. Dennoch: Die Gefahr bleibt latent. Zum Beispiel werden von der IG Metall zwei Themen überproportional gewichtet und hochstilisiert – allein weil man dort Mitgliederpotenzial sieht. Das sind die Forderungen nach einer unbefristeten Übernahme aller Auszubildenden und nach stärkeren Blockademöglichkeiten der Betriebsräte beim Einsatz von Zeitarbeitern.

Darüber möchte die Gewerkschaft schon vor der im Frühjahr 2012 anstehenden Lohntarifrunde mit den Arbeitgebern verhandeln. Sind Sie gesprächsbereit?

Wenn die IG Metall ihre Wünsche mitteilt, halten sich die Arbeitgeber nicht die Ohren zu. Die Forderungen sind aber nicht akzeptabel. Die Zeitarbeit ist angesichts der zunehmenden Volatilität der Konjunktur unverzichtbar für eine flexible Personalpolitik. Und Betriebsräte in unseren Unternehmen sind allein für die Stammbelegschaft zuständig – und nicht für Zeitarbeiter, die bei völlig anderen Unternehmen angestellt sind. Die Behauptung, die Metallindustrie würde massenweise Festangestellte durch Zeitarbeiter ersetzen, ist böswillig. Aktuell liegt der Anteil der Zeitarbeiter knapp unter fünf Prozent…

...und damit höher als in der Gesamtwirtschaft. Da sind es 2,2 Prozent.

Trotzdem sind die Attacken der IG Metall unverhältnismäßig.

Sie könnten ja Zugeständnisse bei Leih-arbeit und Azubis gegen einen niedrigeren Tarifabschluss 2012 eintauschen.

Nein, das sollten wir nicht vermengen. Unabhängig davon gilt stets: Wenn qualitative Neuerungen zu höheren Kosten führen, müssen wir darüber reden, wie die Betriebe das schultern können.

Erste IG-Metall-Funktionäre fordern, der Abschluss 2012 müsse deutlich über den 2,7 Prozent liegen, die es 2011 gab. Befürchten Sie eine Nachschlagsdebatte?

Wir haben uns in der vergangenen Entgeltrunde auf den Vorrang von Beschäftigungssicherung verständigt – und die war für die Betriebe unglaublich teuer. Die Produktivität ist dramatisch abgestürzt. Wir sind mit dem Überhang aus einer unverhältnismäßig hohen Lohnsteigerung in die Krise gegangen, haben dann eine Einmalzahlung geleistet, die 0,8 Prozent auf den Durchschnittslohn betrug. Und die vereinbarten 2,7 Prozent ab April 2011 sind für über 50 Prozent der Beschäftigten um zwei Monate vorgezogen worden.Wir sind so aus einem Unwetter herausgekommen, bei dem sich viele schon am Meeresboden gesehen haben...

...und das Pessimisten in ähnlicher Form schon wieder heraufziehen sehen. Wie ist die aktuelle Lage in der Metallindustrie?

Konsumnahen Branchen geht es gut, bei den Anlagenbauern wird es schwieriger. Nach allem, was ich aus den Unternehmen höre, verlaufen die Kundenverhandlungen im Ausland immer zäher. Wir rechnen zwar im Schnitt des Jahres 2011 noch mit einem Plus in der Produktion von acht bis zehn Prozent. 2012 aber dürfte sich die Zahl halbieren. Die Risiken wachsen. Von unserem Aufholprozess als XL-Aufschwung zu schwadronieren ist genauso schlicht wie von einer heraufziehenden Rezession zu sprechen.

Was bedeutet das für die Arbeitsplätze?

Vom Ende der Rezession bis Juli 2011 sind in der Metall- und Elektroindustrie 143 000 neue Jobs entstanden. Was wir an Jobs in der Krise verloren haben, ist wohl bis Ende des Jahres nahezu wieder aufgebaut. 2012 dürften die Belegschaften stabil bleiben.

Ist denn der Mitgliederschwund auch bei den Arbeitgeberverbänden gestoppt?

Ja. Unsere Mitgliedsverbände haben 2009 ganze elf Betriebe verloren und 2010 wieder 82 hinzugewonnen. Aktuell sind rund 6500 Betriebe unter dem Dach von Gesamtmetall organisiert. Der Zuwachs findet allerdings nur in sogenannten OT-Verbänden statt, in denen man die Verbandsleistungen bekommt, aber nicht dem Flächentarif unterliegt. Dennoch liegen diese Betriebe nicht im tarifpolitischen Niemandsland: Viele orientieren sich an der Fläche oder schließen einen Haustarifvertrag ab. n

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