WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

IS-Attacken in Paris Wenn die Angst vor dem Terror die Wirtschaft bedroht

Die Furcht vor weiteren Anschlägen hat sich bisher kaum auf die europäischen Aktienmärkte ausgewirkt. Ökonomen halten diese Ruhe für trügerisch. Ein Dax-Konzern stellt sich bereits auf einen Konjunkturdämpfer ein.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
In Belgien patroulieren Polizei und Militär in einem Einkaufcenter. Quelle: dpa

Berlin Nach Einschätzung führender Ökonomen in Deutschland könnten neue Terrorattacken die Wirtschaftsentwicklung in Westeuropa bremsen. Falls es zu einer „Serie ähnlich schlimmer Anschläge“ wie in Frankreich kommen sollte, „könnte es zu mehr als kurzzeitigen Auswirkungen auf den privaten Verbrauch und die Investitionsneigung der Unternehmen kommen“, sagte der Chefökonom der Berenberg Bank, Holger Schmieding, dem Handelsblatt.

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn: Bislang habe die Wirtschaft zwar besonnen reagiert. „Neue terroristische Attacken,  auch ein Kriegstritt weiterer Länder, würden freilich zu Vertrauensverlusten führen, die die Ausgabefreudigkeit der Verbraucher und Investoren beeinträchtigen“, sagte Sinn dem Handelsblatt.

Anleger ließen sich allerdings von zuletzt aufkommenden Sorgen vor einer möglichen Terrorwelle in Europa kaum beeindrucken. Der deutsche Aktienmarkt war am Mittwoch nur kurzzeitig in Mitleidenschaft gezogen worden. Die Hoffnung auf weiteren Rückenwind durch die Geldpolitik hat dem Dax dann am Freitag sogar den höchsten Stand seit über drei Monaten beschert.

Dennoch ist in der Wirtschaft schon Verunsicherung spürbar. So stellt sich etwa der Siemens-Konzern nach den Terrorattacken von Paris bereits auf Nachteile ein. Typischerweise wirke sich ein solcher Schock auf das Investitionsverhalten in der Kapital- und Güterindustrie aus, sagte der Siemens-Vorstandsvorsitzende Joe Kaeser der „Süddeutschen Zeitung“. „Gerade der Mittelstand wird hier sicherlich vorsichtiger agieren.“ Die Kunden könnten möglicherweise mit Investitionen abwarten. „Ich gehe davon aus, dass diese schrecklichen Ereignisse 2016 sicherlich nicht einfacher machen“, ist Kaeser überzeugt. Siemens ist unter anderem in den Bereichen  Energie, Medizintechnik und Verkehr tätig und dabei vom Investitionsverhalten wichtiger Kunden abhängig.

Die US-Ratingagentur Standard & Poor’s betonte, dass die wachsende Bedrohung durch terroristische Angriffe allein kaum Auswirkungen auf die Bonität der europäischen Volkswirtschaften haben werde. Dennoch könnten solche Attacken einen indirekten Einfluss auf die ökonomischen Wachstumsaussichten und die möglichen fiskalischen Konsequenzen haben, was sich letztlich auch negativ auf Länderratings niederschlagen könnte. „Insbesondere die wirtschaftlichen und fiskalischen Aussichten könnten sich als anfällig bei einer Zunahme des Terrorismus erweisen“, schreiben die Bonitätswächter in einem Kommentar zu den terroristischen Angriffen in Paris.


„Eine verstärkte europäische Integration wäre wichtig“

In Westeuropa könnte sich demnach die Möglichkeit solcher Vorfälle, sollte sie vermehrt stattfinden, auf das Vertrauen von Verbrauchern und Investoren auswirken. Weniger durchlässige Grenzen könnten aus Sicht der S&P-Experten zudem die wirtschaftliche Integration und das Wachstum der Volkswirtschaften in der EU beeinträchtigen. „Das Gefühl zunehmender Unsicherheit könnte auch populistische Kräfte stärken, was wiederum implizit zu einer Verlagerung weg von Haushalts- und Strukturreformen führen könnte“, heißt es weiter in der Analyse.

Die Ökonomen Schmieding und Sinn fürchten ebenfalls einen Aufstieg populistischer Kräfte infolge der Pariser Attacken. Sie teilen allerdings nicht die Befürchtung der US-Ratingagentur, dass daraus Nachteile für die Wirtschaft entstehen könnten.

Schmieding glaubt zwar auch, dass politische Nutznießer der Pariser Terroranschläge zunächst die Rechtspopulisten sein könnten. „Ob das allerdings in einem solchen Ausmaß passiert, dass darunter der Reformwillen leidet, wage ich zu bezweifeln“, fügte er hinzu. „Schließlich machen die Anschläge in Paris ja auch deutlich, dass gerade Frankreich mehr tun muss, seine Jugendarbeitslosigkeit zu verringern.“ Außerdem hätten erfahrungsgemäß einzelne Terroranschläge „keine nachhaltigen Auswirkungen auf wirtschaftliche Trends“. Das zeigten die Terrorattacken in Madrid 2004 und London 2005.

Widerspruch zur der S&P-Bewertung kommt auch vom Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. „Die Aussage, dass populistische Kräfte Haushalts- und Strukturreformen verhindern könnten, ist  ökonomisch und politisch fragwürdig“, sagte Horn dem Handelsblatt. Ökonomisch sei eine Beziehung  zwischen  Reformen dieser Art  und  einer guten Wirtschaftsentwicklung nicht  gegeben. „Politisch richten  sich viele dieser Maßnahmen gegen die Einkommen der Mittel- und Unterschicht, sodass es ein Akt demokratischer Auseinandersetzung und nicht  populistisch ist, sich diesen zu widersetzen“, betonte der IMK-Chef. 

Richtig sei aber,  dass durch Terrorattacken „die Unsicherheit erhöht wird und der Verzicht  auf  offene Grenzen den Handel behindern würde“, sagte Horn weiter. „Dies zeigt wie wichtig eigentlich  eine verstärkte europäische Integration derzeit wäre und wie wenig davon bei der Bekämpfung der Krise des Euro-Raums erreicht wurde.“       


Ifo-Chef: AfD profitiert von Versäumnissen in Flüchtlingspolitik

Ifo-Chef Sinn sieht indes einen Zusammenhang zwischen dem unklaren politischen Kurs der Bundesregierung bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise und einem mögliches Erstarken der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD). „Sicherlich wird die AfD vom Zusammentreffen der Flüchtlingskrise mit den Anschlägen in dem Maße profitierten, wie es die etablierten Parteien versäumen, sich bei der Immigrationspolitik neu zu positionieren“, sagte er.

Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, geht noch weiter in seiner Analyse. Wie S&P glaubt auch er, dass Regierungen wegen der zunehmenden Bedeutung populistischer Kräfte notwendige Wirtschaftsreformen auf die lange Bank schieben würden. „Seit zwei Jahren nutzt die französische Regierung den Aufstieg von Marine Le Pen als Entschuldigung um wichtige Strukturreformen zu verschieben, und sie wird dies wohl auch die nächsten beiden Jahre so tun“, sagte Fratzscher dem Handelsblatt.

Dabei sei „das beste Mittel zur Bekämpfung extremer politischer und wirtschaftspolitischer Kräfte“ die entschiedene Umsetzung notwendiger Wirtschaftsreformen. „Nur dann wird sich Europas Wirtschaft aus der Krise erholen und dringend benötigte Arbeitsplätze schaffen.“

Für den Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, werfen die Terrorattacken in Paris gar ein grundsätzliches Problem auf, dass Europa insgesamt wirtschaftlich zurückwerfen könnte. Die Reaktionen in der EU auf die Anschläge zeigten deutlich das Dilemma. „Lediglich in der Verurteilung dieser Terrorakte sind sich alle 28 Mitgliedsstaaten der Europäischen Union einig“, schreibt Bielmeier in einer Analyse. In Fragen der Bewertung der Anschläge oder den notwendigen weiteren Maßnahmen gingen die Meinungen unter den EU-Staaten dagegen weit auseinander.


Europas Wettbewerbsfähigkeit in Gefahr?

Auch die aktuelle Flüchtlingskrise wirft aus Sicht Bielmeiers ein „grelles Licht“ darauf, wie schwer es Europa falle, auf eine neue Herausforderung kooperativ zu reagieren. „Es fehlt hier offensichtlich an einer gemeinsamen Vorstellung darüber, ob und wie Europa sich durch den Zustrom mit Migranten gesellschaftlich verändern sollte“, ist der Ökonom überzeugt. „Stattdessen sind die politischen Reaktionen von kurzfristigem Taktieren und gegenseitigem Misstrauen geprägt.“

Dabei wäre nach Bielmeiers Ansicht mehr Geschlossenheit in der EU unabdingbar für die anstehenden Herausforderungen. „Wenn Europa auf der weltpolitischen Bühne und in der Weltwirtschaft seine Wettbewerbsfähigkeit und sein Standing - und damit die Basis für Wohlstand und Lebensqualität – erhalten will, dann muss es mit Einigkeit, Flexibilität und Kreativität auf die sich veränderten Anforderungen reagieren“, schreibt der DZ-Bank-Ökonom in seiner Analyse.

Die notwendigen Veränderungen sollten sich jedoch entlang eines gemeinsamen Wertegerüstes bewegen, das die Basis für die europäische Integration sei. „Ansonsten verliert der Veränderungsprozess die Richtung, und die Gemeinschaft entwickelt sich möglicherweise hin zu politischen oder wirtschaftlichen Strukturen, die weder die Politik noch die Bürger Europas sich wünschen.“

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%