WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Islamischer Staat Deutschlands Problem mit den IS-Heimkehrern

Seite 4/4

„Wir tragen für ihre Radikalisierung Verantwortung“

„Das Aussteigerprogramm hat zudem einen zweiten Effekt“, erklärt Bertelsen. „Wenn junge Leute sehen, dass sie noch eine Chance haben, obwohl sie in Syrien waren, kehren manche heim, bevor sie verloren sind.“ Durch das Programm würde ihnen gezeigt, dass sie in der dänischen Gesellschaft willkommen seien – es sei ein Statement: „Wir sind nicht gegen Moslems.“

Die Vorteile hat auch die dänische Regierung erkannt. Im September verabschiedete sie ein Programm, das in großen Teilen dem Aarhus-Programm entspricht. In den nächsten Monaten soll es nach und nach in ganz Dänemark etabliert werden.

Schießereien erschüttern Ottawa
Nach dem Anschlag auf das Parlament in Ottawa hat Ministerpräsident Stephen Harper ein härteres Vorgehen Kanadas gegen Terror-Organisationen auch im Ausland angekündigt. Kanada werde sich nicht einschüchtern lassen, sagte Harper in einer Fernsehansprache. Quelle: AP
Ein Mann hat am Mittwoch einen Soldaten der Ehrenwache an Kanadas nationalem Kriegsdenkmal in Ottawa niedergeschossen. Wiederbelebungsmaßnahmen blieben erfolglos - der Mann verstarb. Quelle: AP
Bewaffnete Sicherheitskräfte sind am Mittwochabend vor dem Parlamentsgebäude zu sehen. Es wurde umgehend abgeriegelt. Der Schütze lieferte sich einen heftigen Schusswechsel mit den Sicherheitskräften, wobei er erschossen wurde. Zunächst blieb unklar, ob es sich um einen Einzeltäter handelte oder ob er Komplizen hatte. Erste Erkenntnisse deuteten auf Verbindungen des Mannes zum Islamismus hin. Quelle: REUTERS
Mit den Ermittlungen vertraute Insider in Kanada sagten, im Zentrum der Untersuchungen stehe ein Mann aus der Provinz Quebec. Aus Gerichtsdokumenten geht hervor, dass er kürzlich wegen Raubes in Vancouver sowie wegen mehrfacher Drogendelikte in Montreal vor Gericht stand. Quelle: REUTERS
Laut Augenzeugen lief der Schütze zunächst an dem Raum vorbei, in dem sich Regierungschef Harper aufhielt. Vor der Parlamentsbibliothek wurde er schließlich erschossen. Harper hat mit Leuten aus seiner Fraktion gesprochen, als es plötzlich einen lauten Knall gab, gefolgt von einen Ra-ta-ta-ta an Schüssen", sagte das Kabinettsmitglied Tony Clement. "Es ist genau vor unserer Tür passiert." Quelle: dpa
Die Polizei sperrte das Gebiet weiträumig ab und forderte alle Passanten auf, sich vom Parlamentshügel fernzuhalten. Das Gebiet in einem Park unmittelbar am Fluss Ottawa ist sonst frei zugänglich. Der neuerliche Anschlag ist ein Schock für die Kanadier, die als friedlich und weltoffen gelten. Quelle: AP
Kanada werden zusammen mit seinen Verbündeten in der Welt noch entschiedener gegen jene terroristischen Organisationen kämpfen, die Menschen radikalisierten, damit sie die Gewalt auch an Kanadas Küsten trügen, sagte Harper in seiner Ansprache. Aus US-Regierungskreisen verlautete zuvor, tatverdächtig sei ein zum Islam konvertierter Mann. Der kanadische Geheimdienst CSIS warnt seit Jahren davor, dass sich junge Menschen radikalisieren. Nach seinen Erkenntnissen haben sich mehr als 50 Kanadier dem IS oder anderen extremistischen Gruppen im Nahen Osten angeschlossen. Quelle: dpa

Bertelsen betrachtet ein solches Vorgehen in Anbetracht der 3000 jungen Europäer, die in Syrien kämpfen, als notwendig für ganz Europa. „Wenn der IS zerschlagen ist, was wollen wir dann mit den Europäern in Syrien machen? Wenn sie nirgends in der Welt willkommen sind, werden sie sich anderen Gruppen anschließen und sich weiter radikalisieren.“

Sie alle einzusperren, sei keine Lösung. Warum, sieht man derzeit in Frankreich. Dort rekrutieren inhaftierte IS-Anhänger Gefängnisinsassen für ihre Sache. „Wenn wir den Europäern in Syrien nicht helfen, haben wir ein riesiges Problem“, sagt Bertelsen.

Keine Strategie für den Umgang mit den Salafisten in Deutschland

„Die Bundesregierung hat verschlafen, ein Frühwarnsystem aufzubauen“, sagt Ceylan. „Jetzt versuchen wir verspätetet etwas aufzubauen.“ Und das, obwohl sich die aktuelle Entwicklung schon seit den Terroranschlägen vom 11. September abgezeichnet habe. Schon damals hätten sich erste salafistische Gruppen zu Wort gemeldet. „In Deutschland hat sich die Politik in puncto Prävention gegen Salafismus und Extremismus nicht gekümmert“, sagt Ceylan.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Zumindest macht sich mittlerweile ein Verantwortungsgefühl in den Reihen der Politik breit. „Die deutschen Kämpfer sind nun mal Teil des Konflikts, den wir zu lösen haben“, sagt Innenminister Thomas de Maizière (CDU). „Ein Großteil wurde hier geboren. Sie sind in unsere Schulen gegangen, in unsere Moscheen, in unsere Sportvereine. Wir tragen für ihre Radikalisierung Verantwortung.“

Für die Heimkehrer sieht Ceylan wie Innenminister de Maizière die Deutschen in der Verantwortung. Gäbe die Gesellschaft orientierungslosen Jugendlichen keinen Halt, vollzögen sich „Terror-Karrieren“ in der Regel sehr schnell, sagt Ceylan unter Verweis auf Erik B., der 2008 binnen drei Monaten vom Musterschüler zum Terroristen wurde und schließlich in Afghanistan fiel.

Solche Schicksale könnten in Zukunft seltener werden. Doch dafür müsste sich die Bundesregierung ein Vorbild an Dänemark nehmen und flächendeckende Extremismuspräventions- und Deradikalisierungsprogramme aufbauen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%