WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Islamismus in Deutschland Jung, deutsch, männlich, Gotteskrieger

Im Kinderzimmer radikalisiert, in der Schule gescheitert, ohne Rückhalt bei Familie und Freunden: 400 meist junge, deutsche Männer sind ausgereist, um sich der IS-Miliz anzuschließen – und zu töten. Was treibt sie an?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Er starb nicht als Philip Bergner, sondern als Abu Usama al-Almani: Der junge Mann von Niederrhein sprengte sich im Irak in die Luft. Quelle: Screenshot Youtube

Düsseldorf Er hieß Philip, ging zur Berufsschule, fuhr in seiner Freizeit Pizza aus und spielte Fußball – beim SuS 09 in seiner Heimatstadt Dinslaken, am tiefsten Niederrhein. Dort, wo die Welt eigentlich noch in Ordnung sein sollte. Doch der junge Mann war der Welt, die er kannte und die ihn kannte, längst entglitten. Der 26-Jährige ist tot. Er starb nicht als Philip Bergner, als der er geboren wurde, sondern als Abu Usama al-Almani.

Der Berufsschüler sprengte sich im vergangenen Sommer nahe der irakischen Stadt Mossul in die Luft. Er hatte ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in eine Stellung der kurdischen Peschmerga gefahren. Mindestens 20 Menschen riss er mit in den Tod.

Erst Mitte Juli hat sich in Bagdad ebenfalls ein Islamist aus Deutschland in die Luft gesprengt und dabei 27 Menschen getötet. Er stammte aus Ennepetal in Nordrhein-Westfalen. Die Familie des 21-Jährigen, der sich nur noch Abu al-Kaakaa al-Almani nannte, habe die Todesnachricht aus dem Irak per Telefon erhalten, berichtete das Nachrichtenportal „Der Westen“. Am 28. Juli verübte laut der „Süddeutschen Zeitung” ein als Abu Ayyub Al Maghrebi vorgestellter junger Mann aus Deutschland einen Selbstmordanschlag im irakischen Ramadi. Der Attentäter hatte in einem Video erklärt: „Ich möchte meinen Geschwistern und speziell denjenigen im Westen sagen: ,Zieht aus, Zieht aus zum Dschihad und zu eurem Staat!’” 

Philip und der beiden anderen jungen Männer aus NRW sind nicht allein. Bei mindestens acht Selbstmordattentaten in Syrien und dem Irak waren die Attentäter junge Deutsche. Mehr als 200 Menschen kamen dabei ums Leben. Schätzungen zufolge kämpfen rund 9000 Ausländer in Syrien für den Islamischen Staat (IS), darunter etwa 3000 aus Westeuropa, 15.000 sind es weltweit – aus 81 Nationen. Deutsche Sicherheitsbehörden gehen von weit mehr als 400 Ausreisen von Islamisten aus Deutschland mit meist salafistischem Hintergrund in Richtung Syrien und Irak aus.

Befürchtet wird zudem eine hohe Zahl von nicht entdeckten Ausreisen. 130 Kämpfer aus Deutschland seien außerdem bereits wieder aus Syrien zurückgekehrt. Auch wenn es keine konkreten Hinweise auf Anschlagsplanungen gebe, gehe von ihnen eine Gefährdung aus. In Stuttgart stehen derzeit drei Männer vor Gericht, denen Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung des IS vorgeworfen wird.

Drei Merkmale sind den meisten, die in den vermeintlichen „Gotteskrieg“ ausreisen, gemein: Sie sind jung und männlich – und sie sind deutsch. Das ergeben laut Michael Kiefer, Islamwissenschaftler und Postdoc am Zentrum für Interkulturelle Islamstudien an der Universität Osnabrück, die vom Verfassungsschutz ausgewerteten 378 Fälle: Der Großteil ist zwischen 18 und 25 Jahre alt. Der jüngste, von dem Kiefer weiß, war 14 Jahre jung, als er in den Dschihad zog.

Frauen sind auch darunter, wenn auch in der deutlichen Unterzahl: „Frauen reisen auch nicht als Kämpferinnen oder für Bombenattentate in das Kriegsgebiet, sondern werden dort als Logistikerinnen und für die Organisation der Rückzugsräume eingesetzt“, sagt Kiefer.

Der Leiter des nordrhein-westfälischen Landesverfassungsschutzes, Burkhard Freier, schätzt die Zahl der ausgereisten Frauen aus NRW auf etwa 25. „Diese Frauen sind sehr jung, jünger als die Männer. Sie sind zwischen 16 und 20“, sagte der der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“.

Vor einigen Monaten hatte der Fall einer 16-jährigen Gymnasiastin aus Konstanz Aufsehen erregt. Sie war heimlich über die Türkei in ein Ausbildungslager in Syrien gereist. Diese Mädchen hockten vorher vor ihrem PC und betrachteten die jungen Männer im Kampf und fühlten sich von den Bildern und Ideen angezogen – sie lassen sich von Videos, Blogs und Facebook-Einträgen von anderen Frauen aus dem Herrschaftsbereich der Terrormiliz anlocken. Experten nennen das „Kinderzimmerradikalisierung“. Hinzu kommt sehr häufig laut dem Verfassungsschutz eine Art Protestkultur und der Wunsch, sich von der eigenen Familie abzugrenzen.


Auf der Suche nach Bedeutung

Die Anhänger der extremistischen Strömungen sind sehr heterogen: Gerade in den Führungskadern finden sich auch Studenten, Ärzte und Ingenieure. „Die angeworbenen jungen Leute dagegen sind eher die Bodentruppen oder – hart gesagt – das Kanonenfutter“, sagt Islamwissenschaftler Kiefer. Verfassungsschützer Freier meint, viel spreche auch dafür, dass der IS Druck ausübe, damit westliche Ausländer sich zu solchen Taten bereit erklärten. „Nach einer dreiwöchigen Grundausbildung kommen sie an die Front, so dass sie dort kaum eine Überlebenschance haben.“

Ein viertes Merkmal sei ebenfalls den selbsterkannten Dschihadisten gemein: „Sie sind alle auf der Suche nach Bedeutung“, sagt Kiefer. Dort verfängt die intelligente Propaganda des IS. Der IS inszeniert sich als Avantgarde, die erstmals nicht nur als terroristische Organisation im Untergrund kämpft, sondern bereits über ein quasi-staatliches Gebiet von der Größe Großbritanniens verfügt. So gelingt es der Miliz, den Eindruck zu erwecken, wer sich ihr anschließe, sei Teil von etwas ganz Neuem.

Der IS bezieht sich damit auf die in einem Hadith vorhergesagte Schlacht der Schlachten, die eschatologisch (die letzten Dinge betreffend) das Kalifat prophezeit, das letztlich bis nach Rom reichen soll. „Diese Endzeitvisionen kommen nun gerade durch die Verquickung mit realen Bürgerkriegs-Geschehnisse in Syrien einen realen Bezugspunkt und entwickeln so eine enorme Faszination“, sagt Kiefer.

Dass diese Ideen so verfangen, erklärt sich aus dieser Suche nach Bedeutung. Denn die meisten Menschen, egal ob Muslim oder Konvertit, haben ein sehr großes Defizitempfinden gemein. „Sie sind bildungsbenachteiligt, befinden sich in instabilen Lebenslagen und haben keine gefestigte emotionale Bindung zu Eltern und Freunden“, beschreibt Kiefer.

Das wird auch bei Philip, dem Pizzaboten vom Niederrhein, deutlich: In dem Anwerbe-Video erklärte er, er sei zum Islam konvertiert und er nenne sich nun Abu Osama nach dem Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center, den er liebe, weil Osama bin Laden „den Köpfen der Ungerechtigkeit einen Schlag verpasst“ habe. Wer so entwurzelt ist, bei dem verfängt die IS- und salafistische Propaganda, die genau vorgibt was richtig und falsch ist – ganz ohne nervenaufreibende Auseinandersetzung mit der komplexen Welt.


„Es ist unser Mann, der da mordet“

In der Regel kommen die jungen Extremisten nicht aus einem muslimisch gefestigten Elternhaus, in der der Glaube wichtig ist – im Gegenteil. „Religion spielt in diesen Familien keine oder nur eine untergeordnete Rolle“, sagt Kiefer. Es sind sogar auch junge Deutsche ohne muslimisches Elternhaus, die zum Islam konvertieren – oder besser zu dem, was sie für die Islam halten, die zum IS-Kämpfer werden wollen. Das macht die Thematik auch zu einem innerdeutschen Problem: „Es ist unser Mann, der da rummordet“, sagt Kiefer.

Gegen die Radikalisierung von jungen Menschen helfe nur, in sehr frühem Stadium anzusetzen – mit ähnlichen Mitteln wie sie auch in der Gewalt- und Drogenprävention eingesetzt werden. „Die jungen Menschen müssen in ihrer Lebenslage stabilisiert werden“, sagt Kiefer, zum Beispiel über klassische Jugendsozialarbeit.

Die Erfolge sind nicht leicht sichtbar, der Prozess ein langer, es dauert teils Jahre, bis der junge Mensch wieder weitgehend stabilisiert ist. „Da ist Deutschland aber noch sehr schlecht aufgestellt“, kritisiert Kiefer. Auf 4000 Berufsschüler komme je nach Region teils nur ein Sozialarbeiter.

Ist ein junger Mann – oder eine junge Frau – aber erst einmal so weit abgedriftet wie es Philip zum Zeitpunkt kurz vor seiner Abreise nach Syrien war, sind diese Mittel allerdings wirkungslos. „Gegen Haltungen helfen keine Argumente mehr. Das ist dann nur noch Sache der Strafverfolgungsbehörden“, sagt Kiefer. Den Familien und Freunden werde in solchen Situationen empfohlen, den Kontakt dennoch nicht abzubrechen. „Es gibt immer wieder Momente, wo die jungen Menschen zu zweifeln beginnen, zum Beispiel wenn sie von der massiven Gewalt doch angewidert sind.“ In diesem Momenten liegt die einzige Chance, die verlorenen jungen Menschen zurückzugewinnen.

So war es etwa bei zwei jungen Österreicherinnen. Sie sollen sich nach sechs Monaten im „Islamischen Staat“ und der Heirat mit IS-Kämpfern bei Freunden gemeldet haben, weil sie das Blutvergießen nicht mehr ertragen konnten. Dabei hatten die 16- und die 17-Jährige noch wenige Monate zuvor Bilder veröffentlicht, auf denen sie vollverschleiert ihre Sturmgewehre präsentierten. Sie hatten damals angekündigt, für Allah sterben zu wollen.

Dass ländliche Jugendliche stärker gefährdet sind als städtische, glaubt Kiefer nicht. „Es ist jetzt nicht so, dass die Jugendlichen in den Dörfern sitzen, sich zu Tode langweilen und sich dann deshalb dem Extremismus zuwenden“, sagt Kiefer. Die Überwachung der Sicherheitsbehörden der Szene sei in der Stadt nur engmaschiger.

In Hamburg oder Köln bekämen sie schwerer ein Bein auf dem Boden. Als Beispiel nennt er den Salafisten Pierre Vogel, der in Hamburg gescheitert sei. „Auf dem Land dagegen können sich die Kader freier bewegen als in der Stadt“ – und so dort leichter Anhänger rekrutieren. Auch Philip half dabei. In einem Anwerbe-Video erklärte er: „Du lebst in Deutschland, gehst zur Disko, hast eine Freundin, was bringt dir das? Heirate! Du musst keine Unzucht machen. Du darfst bis zu vier Frauen haben!“

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%