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IT-Branche Wer im „Internet of Things“ bestehen will, darf nicht nur auf „Things“ setzen

Das Internet der Dinge eröffnet der Industrie viele neue Chancen. Quelle: Imago

Deutschland ist eines der führenden Länder in der Technologieforschung. Doch Traditionsunternehmen tun sich schwer – auch, weil es in den Führungsetagen an IT-Expertise fehlt. Selbst unter den CIOs dominieren Juristen.

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Monika Schnitzer ist Professorin für Komparative Wirtschaftsforschung an der an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität München und seit 2020 Mitglied der Wirtschaftsweisen", dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Die Kanzlerin wurde für ihre Verhältnisse ungewöhnlich deutlich: Deutschland dürfe nicht den Anschluss an die führenden IT-Unternehmen verlieren. Speziell die Automobilindustrie warnte sie. Die Branche dürfe nicht zur „verlängerten Werkbank“ der IT-Riesen werden, sagte Angela Merkel (CDU) bei einem Digitalgipfel vor wenigen Wochen. Es ist bemerkenswert, dass es diese mahnenden Worte aus Sicht der Regierungschefin braucht – denn eigentlich sollte jedem klar sein: Mehr und mehr Wertschöpfung wird künftig durch IT-getriebene Dienstleistungen erwirtschaftet.

Das Auto der Zukunft wird eine Plattform sein, die eine Fülle von Dienstleistungen bereitstellen wird, von Navigation über Restauranttipps hin zur Vernetzung mit sozialen Netzwerken. Softwareupdates ergänzen und verbessern das Fahrzeug künftig alle drei Monate. Und ja: Es wird auch weiterhin fahren, und zwar zunehmend autonom.

Aber nicht nur die Automobilhersteller sind betroffen von der umfassenden Digitalisierung, sondern alle Branchen. Finanzdienstleistungen etwa werden zunehmend online abgewickelt; die bargeldlose Bezahlung nimmt zu, nicht nur per Kreditkarte, sondern auch via Smartphone und -watch. Die EZB denkt über die Einführung eines digitalen Euro nach. Im Internet of Things werden physische Geräte vernetzt, von Industrieanlagen bis hin zu Haushaltsgeräten, die Daten dazu in der Cloud gespeichert.

Die zentrale Frage ist, welcher Teil der Wertschöpfung in Zukunft auf die Geräte an sich entfallen wird – und welcher Teil auf ihre smarte Vernetzung und die digitale Dienstleistung inklusive Speicherung in der Cloud. Und wer damit jeweils Geld verdient.

In der Technologieforschung hat Deutschland bisher einen Platz in der Spitzengruppe eingenommen. Die Region München könnte nach Meinung mancher Standortexperten ein weltweit führender Technologiestandort werden neben dem Silicon Valley und London. Die Ansiedlung von Apples europäischem Chipdesign-Zentrum in der bayrischen Hauptstadt ist ein aktuelles Beispiel.

Doch die Forschungsergebnisse in marktfähige Produkte und Dienstleistungen zu bringen gelingt in Deutschland dagegen noch weniger erfolgreich. Immer wieder gibt es Defizite in der Softwareentwicklung. Als im vergangenen Jahr der neue ID.3 von Volkswagen eingeführt wurde, konnte die Software zunächst nur mit abgespecktem Leistungsumfang eingesetzt werden. Auch der Golf 8 konnte 2020 wegen Softwaremängeln zeitweilig nicht ausgeliefert werden, ein Teil der ausgelieferten Fahrzeuge muss jetzt für ein Softwareupdate zurück in die Werkstatt. Dabei hat VW-Vorstandsvorsitzender Herbert Diess bereits eindrucksvoll beschrieben, dass die Digitalisierung eine noch komplexere Herausforderung sein wird als die Elektromobilität.

Warum aber tun sich Traditionsunternehmen so schwer in der Umsetzung der Digitalisierung und der Einführung digitaler Geschäftsmodelle? Ein Blick in die Unternehmensvorstände hilft bei der Spurensuche: Denn in den Spitzengremien der deutschen Wirtschaft gibt es nur wenig bis gar keine Informatikexpertise. In den Dax-30-Vorständen haben – Stand 2019 – 60 Prozent der Vorstandsmitglieder Wirtschaftswissenschaften studiert. Informatik hingegen spielt praktisch keine Rolle, nur drei Prozent der Vorstandsmitglieder kommen aus diesem Bereich. Dabei waren zu der Zeit sechs Dax-Unternehmen aus dem Bereich Financial Services, drei aus dem Bereich Technology und vier aus dem Bereich Automotive – Wirtschaftsbereiche also, in denen Informatik nicht nur in der Anwendung, sondern für das Geschäftsmodell insgesamt eine große Rolle spielen sollte!

Zwar hat ein Großteil der Unternehmen inzwischen einen sogenannten Chief Information Officer (CIO), also jemanden, der zuständig ist für die Planung und Realisierung der IT-Projekte des Konzerns – aber auch hier ist die aus dem Studium mitgebrachte IT-Expertise eher gering: Lediglich jeder fünfte CIO eines DAX-30-Unternehmens hat Informatik studiert, zeigt eine Studie des Recruitinganbieters Taledo von August 2020. Bei Unternehmen von Bund und Ländern sieht es sogar noch schlechter aus, dort hat lediglich jeder zehnte CIO Informatik studiert. Der Beauftragte der Bundesregierung für Informationstechnik von 2015 bis 2020 war zwar ein studierter Informatiker, er wurde jedoch durch einen Juristen ersetzt. Überhaupt dominieren die Rechtswissenschaftler bei Bundes- und Landes-CIOs, vier von fünf CIOs haben Jura studiert.

Zugegeben, wer führt, muss nicht selbst erfinden. Aber er oder sie sollte eine Vision haben, wohin die Reise gehen kann. Wer im „Internet of Things“ bestehen will, darf nicht nur auf die „Things“ setzen. Um das zu erreichen, braucht es nun aber keine Informatikerquote für Vorstände – sondern vielmehr eine massive Bildungsoffensive: Digitalisierung muss auf allen Ebenen ankommen, vom Praktikanten bis zum CEO. Die Informatik muss dafür wesentlicher Bestandteil der Schuldbildung werden. Sonst wird Deutschland schneller zur „verlängerten Werkbank“ von Unternehmen aus den USA und Asien, als die Kanzlerin warnen kann.



Und wir brauchen die richtigen Führungskräfte, die die Möglichkeiten erkennen und nutzen. Digitalisierung muss Chefsache werden. Schnell!

Mehr zum Thema: Zwar ist es dem Gros der Industrie gelungen, den Betrieb während der Coronapandemie aufrechtzuerhalten. Der vermeintliche Digitalisierungsschub aber hat nicht stattgefunden. Im Gegenteil.

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