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IT-Gipfel Eine Charta für die Kanzlerin

Exklusiv

Deutschlands Topmanager fordern in der "Charta der digitalen Vernetzung" eine schnellere Digitalisierung des Landes – und blenden die Sicherheitsrisiken aus. Die WirtschaftsWoche veröffentlicht die Charta im Wortlaut.

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Quelle: dpa

Wahrscheinlich ist es die größte Ansammlung von Regierungsmitgliedern, die jemals mit Topmanagern über das „Neuland“ Internet und die Folgen für die deutsche Wirtschaft debattieren wird. Und die deutsche Wirtschaft will bei dem am Dienstag beginnenden IT-Gipfel ein paar eigene Akzente setzen.

Noch bevor das Elefantenrunde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel an der Spitze in der Hamburger Handelskammer um 10 Uhr offiziell beginnt, treffen sich  Politik und Industrie in diversen Arbeitsgruppen. Besonders spannend wird es in Arbeitsgruppe 2, die von Wirtschafts-Staatssekretärin Brigitte Zypries und Telekom-Vorstand Reinhard Clemens geleitet wird.

14 Topmanager, darunter der RWE-Vorstandsvorsitzende Peter Terium, BMW-Vorstand Herbert Diess, Bosch-Geschäftsführer Dirk Hoheisel und Bahn-Vorstandsmitglied Heike Hanagarth, werden ihre Unterschrift unter eine von ihnen ausgearbeitete „Charta der digitalen Vernetzung“ setzen. Ob Energiewende, das vernetzte Auto oder die künftig automatisch miteinander kommunizierenden Maschinen – die Industrie drängt auf eine möglichst schnelle Vernetzung Deutschland.

Die Botschaft des Grundsatzpapiers, das in zehn Punkten die Position der Industrie zusammenfasst, ist klar: Über die Sicherheitsrisiken der Vernetzung aller gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche ist lange genug geredet worden, jetzt sollten die Chancen in den Fokus rücken.

Dabei geht es nicht nur um zusätzliche Wachstumsimpulse für die gesamte Wirtschaft, auch den Kunden bringt das nach Ansicht von RWE-Chef Terium, einem der Initiatoren der Charta, viele Vorteile: „Die digitale Vernetzung ist Voraussetzung für die smarten Lösungen rund um das Zuhause, die dem Kunden helfen, Energie zu sparen und dann zu verbrauchen, wenn sie preiswert sind“, sagte er der „WirtschaftsWoche“. Die ersten Entwürfe der Charta waren nach Angaben von Mitgliedern der Arbeitsgruppe 2 viel detaillierter und ausführlicher.

Doch am Ende stimmten alle Industrievertreter, darunter auch Führungskräfte von Vodafone, Intel, Oracle und Cisco, darin überein, ein möglichst knappes und prägnantes Programm zu verabschieden, dass sich – anders als die 36seitige „Digitale Agenda“ der Bundesregierung, auf zehn wichtige Punkte konzentriert.

Die Charta der digitalen Vernetzung im Wortlaut

Die finale Fassung der „Charta der digitalen Vernetzung“, wie sie die Topmanager verabschieden und Bundeskanzlerin Angela Merkel überreichen wollen:

Die Vielfalt unserer modernen Gesellschaft, die Globalisierung, der demografische Wandel und die immer neuen Möglichkeiten innovativer Informations- und Kommunikationstechnologien prägen das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben in Deutschland maßgeblich. Die Zukunft unseres Landes hängt zunehmend davon ab, wie wir digitale Technologien einsetzen und in Wirtschaft und Gesellschaft integrieren. Deutschland muss heute die Grundlagen für Wachstum und Fortschritt in der zukünftigen digitalen Gesellschaft schaffen.

Im Inneren des Cyber Defence Centers

Es geht dabei nicht allein um die Nutzung von Internet, Computer oder Smartphone, sondern um eine stark wachsende Anzahl vernetzter Geräte, die mit anderen Geräten, Maschinen oder Personen digital vernetzt kommunizieren - etwa im Haushalt, in einer Windkraftanlage, in einem Fahrzeug oder in einer Straßenlaterne. Die digitale Vernetzung aller Lebens- und Arbeitsbereiche, die fortschreitende Automatisierung und die Digitalisierung in den Basissektoren Energie, Gesundheit, Verkehr, Bildung und Verwaltung darf nicht zufällig geschehen, sondern muss bewusst und in einem gemeinsam getragenen gesellschaftlichen Grundverständnis erfolgen.

Deutschland kann nur dann wirtschaftlich erfolgreich bleiben, wenn wir die Potenziale der digitalen Vernetzung gezielt erschließen.

Der Einsatz und die Förderung moderner Informations- und Kommunikationstechnologien eröffnen Chancen für neue, kreative Lösungen, für Wachstum, Wettbewerb und Innovation. Diese müssen wir rechtzeitig und konsequent nutzen, um Arbeitsplätze zu halten und zu schaffen und die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandortes Deutschland zu stärken. Die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz erfordert einen breiten Zukunftsdialog über alle gesellschaftlichen Ebenen hinweg.

Die nachfolgenden Grundsätze sind Ausdruck unseres gemeinsamen Verständnisses für den Weg in die digitale Gesellschaft:

1.    Wir verstehen die digitale Vernetzung – ihre Nutzung und Entwicklung – als entscheidenden Standortfaktor für Deutschland.

2.    Wir sind überzeugt, dass sich die digitale Vernetzung im nächsten Jahrzehnt zu einer Grundlage des gesellschaftlichen Wohlstandes entwickeln und die Lebensbedingungen der Menschen deutlich verbessern wird.

3.    Wir suchen den offenen Dialog über alle Branchen und gesellschaftliche Gruppen hinweg, um gemeinsam den technologischen Fortschritt im Sinne der Gesellschaft voran­zubringen. Dabei wägen wir gesellschaftliche Chancen und Risiken gegeneinander ab.

4.    Wir sind uns der Verpflichtung bewusst, mit personenbezogenen Daten und Informationen datenschutzgerecht und sicher umzugehen. Dies gewährleisten wir durch effektive technische und organisatorische Maßnahmen zum Schutz vor unberechtigtem Zugriff und missbräuchlicher Verwendung. Wir sehen ein einheitliches europäisches Datenschutzrecht als wichtige Rahmenbedingung. Eine weitere internationale Harmonisierung rechtlicher Grundlagen muss zügig angegangen werden.

5.    Wir wollen die aus der digitalen Vernetzung generierte große Menge und Vielfalt von Daten im Sinne von Chancen und Nutzen für unsere Gesellschaft und für das Individuum stärker nutzbar machen. Wir verstehen es als gemeinsame Aufgabe von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft hierfür einen geeigneten Rahmen zu setzen.

6.    Wir sehen den allgemein verfügbaren Zugang zu modernen Breitbandnetzen als Grundvoraussetzung für eine diskriminierungsfreie Teilhabe an den Vorteilen der digitalen Vernetzung. Bildung und Medienkompetenz sowie gezielte gemeinsame Forschungsanstrengungen staatlicher und nicht staatlicher Institutionen sind weitere Schlüssel zu einer zukünftig digital vernetzten Gesellschaft.

7.    Wir unterstützen die zügige Entwicklung und Anwendung von offenen, internationalen Standards und Normen für interoperable und globale Lösungen.

8.    Wir begreifen in erster Linie die Menschen und die Unternehmen als treibende Kräfte der digitalen Veränderung. Damit die Gesellschaft von diesen Kräften profitiert, sind stabile rechtliche und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen erforderlich.

Deutschland



9.    Wir wollen dem Fachkräftemangel vorbeugen und neue Kompetenzen fördern, indem wir dazu beitragen, die Vermittlung erforderlicher neuer fach- und branchenübergreifender Qualifikationen zur Planung, zur Realisierung und zum Betrieb digital vernetzter Anwendungen und Systeme in die Aus-und Weiterbildung zu integrieren.

10.  Die digitale Vernetzung soll der Freiheit und dem Wohlstand der Gesellschaft dienen. Gemeinsam wollen wir dazu beitragen, Deutschland zukunftsgerecht zu gestalten.  

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