IW-Studie zu maroder Infrastruktur Wer für notwendige Investitionen zahlen soll

Marode Brücken oder langsames Internet: Die deutsche Infrastruktur ist verbesserungsfähig, die Wirtschaft beklagt sich bereits über die Mängel. Die Behebung der Schäden würde rund 120 Milliarden Euro kosten.

Kaputte Straßen wie diese sind kein Einzelfall in Deutschland. Doch für den Straßen- und Brückenbau sowie den Ausbau der Stromnetze wären Investitionen notwendig. Quelle: dpa

Überlastete Autobahnen, marode Brücken und langsame IT-Netze - rund 120 Milliarden Euro müssten einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge in den nächsten zehn Jahren in die Infrastruktur fließen, damit der Standort Deutschland seinen internationalen Wettbewerbsvorteil nicht verliert. Die heimischen Unternehmen bewerten den aktuellen Zustand derzeit zwar noch mit der Note "gut", wie das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) unter Berufung auf eine Umfrage unter 2800 Firmen mitteilte. Aber knapp zwei Drittel der Betriebe sehen ihre Geschäfte durch Mängel im Straßenverkehrsnetz bereits beeinträchtigt. Dabei stellten 23 Prozent eine deutliche und 41 Prozent eine geringe Beeinträchtigung fest. Im Vergleich der Regionen stellen Straßenschäden der Umfrage zufolge vor allem in Baden-Württemberg (71 Prozent) und Norddeutschland (70 Prozent) ein Problem dar. In Bayern (58 Prozent) wird am häufigsten über eine schwache Internetanbindung geklagt.

Das sind Deutschlands Problemzonen
Straßenbau: Der Investitionsstau führt zum VerkehrsinfarktDie A45 gilt als Deutschlands schönste Autobahn. Über Hügel und Täler schlängelt sie sich durch das Sauer- und Siegerland nach Hessen. Dennoch ist sie für die 10000 Lkw-Fahrer, die hier täglich unterwegs sind, ein Ärgernis: Allein im hessischen Teil gibt es ein Dutzend poröse Brücken, die mit nur 60 Stundenkilometern passiert werden müssen. Ein Abschnitt ist für schwere Lkw sogar vollständig gesperrt. Zwar hat der Staat längst begonnen, zu sanieren und zu erneuern – schließlich soll sich die Zahl der Lastwagen bis zum Jahr 2025 verdoppeln. Aber insgesamt kommt die Modernisierung viel zu langsam voran. Quelle: dpa
Das gilt für Straßen in vielen  Teilen Deutschlands. Ihr schlechter Zustand spiegelt den immensen Investitionsstau wider. Laut der Initiative „Pro Mobilität“ werden seit zehn Jahren nur rund fünf Milliarden Euro pro anno in die Bundesfernstraßen investiert. Es müssten aber mindestens acht Milliarden pro Jahr sein, zumal das Verkehrsaufkommen in den nächsten Jahren deutlich steigen wird. Quelle: dpa
Bei den kommunalen Straßen ist der Bedarf sogar noch größer. Hier müssten statt jährlich fünf Milliarden eigentlich fast zehn Milliarden Euro investiert werden, sagt Wolfgang Kugele vom ADAC. „Rund die Hälfte der Straßen weist deutliche Schädigungen wie Risse, Schlaglöcher oder Verformungen auf.“ Quelle: dpa
Schulgebäude: Kommunen fehlt Geld für überfällige SanierungenMehr als ein Schulterzucken bekommt Monika Landgraf nicht als Antwort, wenn die Vorsitzende der Dortmunder „Stadteltern“ von Stadträten mehr Investitionen in Schulen fordert. Das nötige Geld, es ist einfach nicht da. Dabei würde es dringend gebraucht: An jeder zweiten der rund 200 Dortmunder Schulen müsste investiert werden, schätzt Landgraf – denn in Klassenzimmern bröckelt der Putz von den Wänden, Toiletten sind heruntergekommen, Turnhallen völlig veraltet. Quelle: dpa
Vielen Schulen fehle außerdem der Platz, um eine – seit der Umstellung auf den Ganztagsbetrieb wichtige – Mensa einzurichten. „Wie sollen Kinder auf diese Weise gute Lernleistungen erzielen?“, fragt Landgraf. Dortmund ist eher Regel- als Einzelfall: ob im Osten oder im Westen, im Norden oder Süden: Die Bedingungen für die Schüler sind fast überall schlecht. Der bundesweite Investitionsstau bei den Schulgebäuden beträgt nach Schätzungen des Deutschen Instituts für Urbanistik 70 Milliarden Euro. Bei den Sportstätten sind es nach Angaben des Deutschen Sportbunds 40 Milliarden. Quelle: dpa
Doch nicht nur in die Gebäude, auch in die Lehre investiert Deutschland zu wenig: Mit Bildungsausgaben in Höhe von knapp fünf Prozent der Wirtschaftsleistung liegt das Land im Ranking der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) auf dem drittletzten Platz. Quelle: ap
Bahn: Manche Reisen dauern heute länger als vor dem KriegWer in Deutschland auf eine verspätete S-Bahn warten muss, wird inzwischen zumindest gut informiert. Selbst an kleinen Haltepunkten gibt es jetzt „dynamische Schriftanzeiger“, über die die aktuelle Verspätung flimmert. Rund 2800 dieser Anzeiger hat die Bahn mit Geldern der Konjunkturpakete finanziert. Doch an den vielen Zugverspätungen werden diese Zusatzinvestitionen kaum etwas ändern können: Quelle: dpa
Die deutschen Schienenstränge werden den Ansprüchen einfach nicht mehr gerecht. Nach Angaben des Verbands „Allianz pro Schiene“ müssten Bahn und Staat eigentlich jedes Jahr mehr als fünf Milliarden Euro in die Strecken stecken – zuletzt waren es aber immer nur vier Milliarden. „Bei der Zufahrt zu den Seehäfen zwickt und zwackt es schon heute überall“, klagt Geschäftsführer Dirk Flege. Die Nachfrage steige so stark, dass auf den Schienen einfach nicht mehr genug Platz sei. Rund um Hamburg können schon heute nicht so viele Nahverkehrszüge fahren wie benötigt werden. Quelle: ap
Gleichzeitig dauern Bahnfahrten auf vielen Strecken heute sogar deutlich länger als früher. Das zeigt ein Blick in alte Kursbücher: So brauchte der Reisende für die Strecke von Berlin nach Dresden vor dem Zweiten Weltkrieg eine Stunde und 40 Minuten. Heute sind es mehr als zwei Stunden. Quelle: dpa

Auch für andere wichtige Infrastrukturbereiche fiel das Ergebnis der Umfrage nur wenig besser aus. Rund 54 Prozent der Befragten bewerteten den Zustand der Kommunikationsnetze als Hemmnis für ihre Arbeit. Mit Blick auf eine sichere und bezahlbare Stromversorgung waren es 43 Prozent. Insgesamt erhielt der Straßenverkehr von der Industrie die Schulnote 2,4. Die Internet-Anbindung wurde mit Note 2,3 bewertet und die Stromversorgung mit 1,9.

Eine gute Infrastruktur sei ein Standortvorteil für Deutschland, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Es seien aber Reformen notwendig, um die Qualität zu sichern und den Anschluss nicht zu verlieren. Allein für den Erhalt der Fernstraßen seien in den nächsten zehn Jahren zusätzlich 40 Milliarden Euro nötig. Jeweils die gleiche Summe sei für einen guten Ausbau des Breitband-Internets und für Stromnetze erforderlich. Die Stromnetze hingegen zwar derzeit in einem guten Zustand. "Sie müssen künftig aber neuen Anforderungen gerecht werden, die sich zum Beispiel durch Schwankungen bei Wind- und Sonnenstrom ergeben", so Hüter.

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Als Geldgeber für eine bessere Infrastruktur sieht das IW aber nicht nur den Staat in der Pflicht, sondern auch Unternehmen und die privaten Haushalte. Allerdings müsse der Bund mehr Mittel für Fernstraßen aufbringen und sollte dies vor allem auch effizienter tun - etwa über eine Betreibergesellschaft für die Verkehrsinfrastruktur. Als Vorbild könne Österreichs Autobahngesellschaft Asfinag gelten.

Den Ausbau des Breitbandnetzes hingegen müssten private Investoren und damit letztlich die Kunden schultern, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Die Politik müsse hier Rahmen und Anreize für Investitionen schaffen. Auch die Stromnetze würden von den Netzbetreibern gebaut sowie betrieben und von den Stromkunden über Netzentgelte finanziert.

Langfristig zahlten sich Investitionen in die Infrastruktur erfahrungsgemäß aus, rechnet das IW vor: "Steckt die Politik zehn Milliarden Euro sinnvoll in Straßen, Stromnetze und Co, erhöht das laut Faustformel die Wirtschaftsleistung um 2,5 Milliarden Euro pro Jahr." Die Investitionen lohnten sich schon nach vier Jahren.

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