Joachim Gaucks Weihnachtsansprache Es spricht der Bundespriester

In seiner traditionellen Weihnachtsansprache kehrt Bundespräsident Joachim Gauck den Pfarrer heraus. Anstatt von Politik zu sprechen, stellt Gauck Frieden und Verständigung in den Mittelpunkt seiner Ansprache in Berlin.

Was Gauck über die Wirtschaft denkt
Er sei ein lernender Demokrat, sagt Joachim Gauck. In den Bereichen der Demokratie und Gesellschaft hat der Ex-Bürgerrechtler im Unrechtsstaat DDR wohlmöglich viel gelernt. Wofür er in Wirtschaftsfragen steht, ist in der öffentlichen Wahrnehmung längst nicht so präsent. Gauck hat in diesem Bereich jedoch grundlegende Ansichten geäußert. Ein Überblick in Zitaten zur Finanzkrise und Hartz IV. Quelle: dpa
Auf eine Europafahne fallen ein Euro Münzen Quelle: dpa
Zum Thema Sozialstaat & Hartz IV: „Neulich erzählte mir mein Fahrer von seinem Cousin, der mit den gesamten Sozialleistungen ungefähr 30 Euro weniger als er hat. Mein Fahrer muss aber fast immer um fünf Uhr aufstehen. Er sei der Dumme in der Familie, aber er sagte mir auch:
Zum Thema Marktwirtschaft: „Ich sage: Das Land (Deutschland) mag kapitalistisch sein, aber es ist lernfähig. Wer ausgerechnet aus der Wirtschaft alle Freiheit herausnimmt, der wird scheitern. Ich plädiere es so zu machen wie im Sport: Wir schaffen den Fußball nicht ab, weil es Raubeine und Foulspiele gibt, aber wir setzen Regeln und sanktionieren den Regelverstoß.“ Quelle: sueddeutsche.de„Wer aus dieser (Finanz-) Krise die Schlussfolgerung zieht, dass die Wirtschaft eine Art strenger Zähmung braucht, dem widerspreche ich. Ich wäre immer dagegen, einen Staatsdirigismus zu schaffen, der ein Primat der Politik über die Wirtschaft schafft.“ Quelle: Berliner Tagesspiegel am Sonntag Quelle: dpa
Zum Thema Einwanderung: „Wir dürfen die Menschen nicht ruhigstellen durch Versorgung. Das perpetuiert Abhängigkeit. Demokratie ist auf Mitwirkung angelegt. Im Gegensatz zur linken Propaganda muss klar sein, das wir den Menschen nichts Böses tun, wenn wir ihre Mitwirkung stimulieren und fordern. Darum bin ich für aktivierende Sozialpolitik.“ „Wenn wir gerne in diesem Land leben, dann können wir auch einladend sein. Ich sehe das aber noch nicht. Als ich in den Vereinigten Staaten war, bin ich auf Einwanderer getroffen, die innerhalb kürzester Frist begeistert waren von den USA, dieser so harten Gesellschaft. Sie sind stolz, Bürger dieses Landes zu sein. Dieses Bewusstsein hat sich tradiert in der US-amerikanischen Gesellschaft. Es gibt eine stärkere natürliche Bereitschaft, den Fremden als Teil der eigenen Umgebung zu akzeptieren. Da haben wir Nachholbedarf. Selbst in Europa gibt es Länder, die eine höhere Aufnahmebereitschaft haben als wir. Und das tut ihnen gut.“ Quelle: sueddeutsche.de„Es schwächt die Schwachen, wenn wir nichts mehr von ihnen erwarten.“ ( im Zusammenhang mit Integrationsforderungen an Migranten, bei einer Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus zum Einheits-Jubiläum) Quelle: ZB
Zum Thema Occupy-Bewegung sagte der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde auf einer Veranstaltung der Wochenzeitung Die Zeit„Unsäglich albern

Bundespräsident Joachim Gauck stürzt die Bürger in ein Wechselbad der Gefühle. Mal scheucht er sie mit seinen Mahnungen, Deutschland müsse mehr Verantwortung in der Welt übernehmen, aus ihrer heimeligen Selbstzufriedenheit auf. Damit stützt er die aktuelle Außenpolitik der Bundesregierung. Dann wieder rüffelt er die Koalition, wenn sie zu wenig an die nächste Generation denkt. Oder er schilt die SPD, weil sie sich in Thüringen der Linkspartei als Koalitionsjuniorpartner andient (die Linkspartei schilt er dabei natürlich auch).

Vom Pastor zum Präsidenten
Joachim Gauck, Angela Merkel Quelle: dapd
Denn schon vor knapp zwei Jahren war der ehemalige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde der Kandidat der Opposition aus SPD und Grünen und scheiterte erst im dritten Wahlgang am Favoriten der Kanzlerin, Christian Wulff (CDU). Quelle: Reuters
Damals schossen die Umfragewerte für den Mecklenburger Theologen bei der Bevölkerung in die Höhe und so war es nicht verwunderlich, dass nach dem Wulff-Abgang sein Name erneut in aller Munde war. Quelle: dpa
Nach seinem Theologie-Studium in Rostock von 1958 bis 1965 nahm Joachim Gauck (geboren am 24. Januar 1940 in Rostock) seine Tätigkeit bei der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Mecklenburg auf. Zunächst als Vikar und Pastor in Lüssow (Kreis Güstrow) und ab 1970 im Neubaugebiet Rostock-Evershagen. Quelle: dpa
Als Bürgerrechtler machte Gauck als Mitinitiator der kirchlichen und politischen öffentlichen Protestbewegung in Mecklenburg von sich Reden. In den Jahren 1989 und 1990 leitete er wöchentliche Gottesdienste mit anschließenden Großdemonstrationen in Rostock. Darüber hinaus war Gauck Mitglied und Sprecher des Neuen Forums Rostock. Das Neue Forum war eine Bürgerbewegung, die in der DDR entstand und die Wende wesentlich mitprägte. Quelle: dpa
Die Wendezeit war eine der prägenden Perioden in Gaucks Biografie: Von März bis Oktober 1990 war Gauck Abgeordneter der frei gewählten Volkskammer für das Neue Forum. In dieser Funktion übernahm er die Leitung des „Sonderausschusses zur Kontrolle der Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) /Amt für Nationale Sicherheit (AfNS)“. Im August agierte Gauck als Mitinitiator des Stasiunterlagen-Gesetzes der Volkskammer. Darin wurde vor allem die Öffnung der Stasi-Akten für die „politische, juristische und historische Aufarbeitung“ festgelegt. Quelle: Reuters
Am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit, wurde Gauck vom damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker und Bundeskanzler Helmut Kohl zum „Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes“ berufen. Die Weichen für die „Gauck-Behörde“ waren gelegt, die es später Millionen von Ex-DDR-Bürgern ermöglichen sollte, Einsicht in ihre Stasi-Unterlagen zu erhalten und zu erfahren, von wem und in welchem Umfang sie bespitzelt worden waren. Quelle: dapd

Am Abend des ersten Weihnachtstages kommt das Staatsoberhaupt den Deutschen als Pastoral-Präsident in die Wohnstube. In der traditionellen Weihnachtsansprache spürt jeder: Dieser Mann war einst Pfarrer, ein einfühlsamer Prediger. Anders als bei seinen markanten Äußerungen im zu Ende gehenden Jahr spricht Gauck am Weihnachtstag kein Wort zur aktuellen Politik. Die wirtschaftliche Situation des Landes kommt nur als kurzer Teil in einem frohgemuten Satz vor: „Deutschland hat mehr Arbeit als je zuvor, es ist im Ausland beliebt wie nie, und Fußball-Weltmeister sind wir auch.“

In dieser Weihnachtsansprache geht es um Frieden und Verständigung – in Deutschland wie in der Welt. Die vielen Krisen in der Welt zeigten, dass Frieden nicht selbstverständlich sei. „Jeder Frieden, ja, auch der, den wir bei uns glücklich und in Freiheit erleben, ist kostbar.“ Deutschland müsse alles in seiner Macht stehende tun, Leid zu lindern und eine bessere Zukunft zu bauen. „Unsere Kultur, unsere Demokratie steht gegen Unfrieden, Hass und todbringende Gewalt.“

Die feierliche Vereidigung von Joachim Gauck
Joachim Gauck Quelle: dapd
Die Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker (l.) und Roman Herzog ließen es sich nicht nehmen, zum Amtsantritt des neuen Bundespräsidenten ins Reichstagsgebäude in Berlin zu kommen. In einer gemeinsamen Sitzung von Bundestag und Bundesrat wurde Gauck vereidigt. Quelle: dpa
Gruppenfoto: In trauter Einigkeit präsentieren sich Bundeskanzlerin, Bundestagspräsident, Bundespräsident a.D. und Bundespräsident in spe vor der Zeremonie. Quelle: Reuters
Etliche Abgeordnete nahmen an der Vereidigung des neuen Bundespräsidenten teil. Am Sonntag hatte die Bundesversammlung den ehemaligen DDR-Bürgerrechtler und Theologen zum neuen Staatsoberhaupt gewählt. Quelle: dpa
Bundestagspräsident Norbert Lammert würdigte die Wahl Gaucks in seiner Rede als Zeichen des unaufhaltsamen Fortschritts beim Zusammenwachsen von Ost und West. Gauck werde getragen von einer Woge der Sympathie, die Erwartungen seien hoch. Quelle: dpa
Alter und neuer Bundespräsident: Auch Christian Wulff (r.) erschien mit Ehefrau Bettina im Reichstag. Er trat zurück, nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen wegen Vorteilnahme gegen ihn aufnahm. Quelle: Reuters
Norbert Lammert vereidigt Joachim Gauck zum Bundespräsidenten Quelle: dpa

Deshalb sehe er mit Freude, wie viele Menschen „ein deutliches Zeichen für die Menschlichkeit“ setzten, indem sie sich für die Aufnahme von Flüchtlingen engagierten. „Dass die Allermeisten von uns nicht denen folgen, die Deutschland abschotten wollen, das ist für mich eine wahrhaft ermutigende Erfahrung dieses Jahres.“ Das ist bei diesem Auftritt schon der deutlichste Anklang an die aktuelle politische Debatte, obwohl bei diesem Thema die Einmischung des Staatsoberhauptes nicht problematisch wäre – anders als seine gezielte Kritik an der damals hoch aktuellen Koalitionsbildung.

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Gauck warnt davor, verängstigt an die anstehenden Probleme heranzugehen. „Fürchtet Euch nicht“ – diesen Teil der Weihnachtsbotschaft betont er ebenso stark wie das „Friede auf Erden“. Zuversicht möchte Gauck verbreiten: „Mit angstgeweiteten Augen werden wir Lösungswege nur schwer erkennen, wir werden eher klein und mutlos.“ Nicht zuletzt erinnere der 25. Jahrestag des Mauerfalls daran, „dass sich die Verhältnisse zum Besseren wenden lassen“.

Bei seiner Weihnachtsansprache war das Staatsoberhaupt also pastoral und milde gestimmt wie selten. Diesmal also der Bundespriester. Aber was kommt als nächstes? Mit Joachim Gauck wird auch das Jahr 2015 spannend.

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