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Jobverlust Arbeitsmarkt: Die Folgen von Corona

Kein Auto steht auf dem Werksparkplatz von Volkswagen Sachsen vor dem Motorenwerk in Chemnitz. Ein Großteil der Mitarbeiter ist wegen Corona in Kurzarbeit. Quelle: dpa

Anders als bei der Rezession 2009 kann sich der Arbeitsmarkt diesmal nicht von der Krise abkoppeln. Es trifft vor allem Geringverdiener, darauf muss die Politik reagieren. Sie sollte die zunehmende Regulierung stoppen und Neueinstellungen in der Privatwirtschaft erleichtern.

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Im Jahr 2009 blickte ganz Europa nach Deutschland und wunderte sich. Während infolge der globalen Finanzkrise und scharfen Rezession allerorten die Jobs wegbrachen, präsentierte sich der deutsche Arbeitsmarkt erstaunlich robust. Das Wirtschaftswachstum krachte um fast sechs Prozent herunter, die Arbeitslosenquote erhöhte sich jedoch nur um 0,3 Prozentpunkte – und sank bereits ein Jahr später unter das Vorkrisenniveau. Es begann bei der Beschäftigung eine der längsten Boomphasen der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Doch diese Erfolgsstory dürfte sich im Jahr 2020 nicht wiederholen. „Die Coronakrise hat spürbare Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Infolge des Einbruchs der gesamtwirtschaftlichen Aktivität fällt das Arbeitsvolumen kurzfristig beträchtlich“, schreiben die großen Forschungsinstitute in ihrem am Mittwoch präsentierten Frühjahrsgutachten. Die Ökonomen rechnen damit, dass die Zahl der Erwerbstätigen in diesem Jahr um 282.000 Personen zurückgeht und die Zahl der Arbeitslosen um 236.000 steigt. Die Arbeitslosenquote werde im dritten Quartal auf fast sechs Prozent hochschnellen.

Zwar wird wohl auch diesmal das Instrument der Kurzarbeit eine neue Massenarbeitslosigkeit verhindern. Die Forschungsinstitute gehen davon aus, dass die Zahl der Kurzarbeiter von rund 110.000 Personen Anfang des Jahres auf etwa 2,4 Millionen im Durchschnitt des zweiten Quartals hochschnellen wird. Die Kasse der Bundesagentur für Arbeit ist mit rund 26 Milliarden Euro prall gefüllt.

Gleichwohl fürchten viele Ökonomen eine neue soziale Schieflage durch Corona. Eine aktuelle Studie des Instituts für Weltwirtschaft kommt am Beispiel des Landes Schleswig-Holstein zu dem Ergebnis, dass vor allem Geringverdiener und Geringqualifizierte vom Jobverlust bedroht sind. Denn ihr Anteil ist in den von der Politik weitgehend stillgelegten Sektoren wie Handel, Gastronomie, Tourismus oder Freizeitwirtschaft überproportional hoch. In Schleswig-Holstein sind aktuell rund 240.000 Arbeitnehmer von Betriebsschließungen betroffen, und ein Drittel davon sind Geringverdiener. Erschwerend kommt hinzu, dass es bisher nicht erlaubt ist, Kurzarbeitergeld an Minijobber zu zahlen.

In dieser Lage wäre es politischer Irrsinn, würde die Bundesregierung ihre seit Jahren laufende Re-Regulierung des Arbeitsmarkts fortsetzen. Der Plan etwa, die sachgrundlose Befristung von Stellen radikal einzuschränken, sollte unter Coronabedingungen ganz unten in den Schubladen von Arbeitsminister Hubertus Heil verschwinden. Auch die Debatte um einen Mindestlohn von 12 Euro sollte man lieber auf bessere Zeiten vertagen, will man die Beschäftigungschancen von Menschen ohne Ausbildung oder mit persönlichen Handicaps in der aktuell schwierigen Lage nicht vollends ruinieren.



In dieser historischen Krisensituation gilt es, um jeden Job zu kämpfen. Und es gilt, durch wirtschaftsfreundliche Rahmenbedingungen die Unternehmen zu ermuntern, nicht nur das Stammpersonal zu behalten, sondern auch neue Leute einzustellen, sobald sie es wieder können. Warum die Betriebe zum Beispiel nicht bei neu geschaffenen Jobs für einen bestimmten Zeitraum von den Sozialabgaben befreien, wie es der Nürnberger Ökonom Enzo Weber fordert?

Vielleicht wäre ein „Schutzschirm für Jobs“ (Weber) ja die Keimzelle für einen neuen Aufschwung am Arbeitsmarkt.

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